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Schimpansen-Bürgerkrieg: Was der blutige Schimpansen-Krieg über Menschen verrät

In Uganda zerfällt eine Schimpansen-Gemeinschaft mit blutigen Folgen. Fachleute versuchen nun zu verstehen, was solche Ereignisse über den Ursprung menschlicher Kriege aussagen können.
Ein Schimpanse sitzt auf einem Baumstamm in einem bewaldeten Gebiet. Der Affe hat einen nachdenklichen Ausdruck und hält eine Hand ausgestreckt. Im Hintergrund sind unscharfe Bäume und Pflanzen zu sehen, die eine natürliche Umgebung andeuten.
Schwindender sozialer Zusammenhalt innerhalb von Schimpansengruppen steckt nach Ansicht von Fachleuten hinter einem blutigen Bürgerkrieg, der eine große Schimpansen-Gemeinschaft in Uganda zerreißt.

Die Geschichte einer rätselhaften Schimpansengemeinschaft in Uganda hat eine unerwartete und blutige Wendung genommen. Seit 1995 beobachten Fachleute, wie die Tiere im Kibale-Nationalpark ein immer weiter wachsendes »Reich« bildeten, das zuletzt über 200 Tiere umfasste. Doch jetzt ist in der Ngogo-Gruppe ein beispielloser Bürgerkrieg entbrannt. Wie ein Team um Aaron Sandel in der Fachzeitschrift »Science« berichtet, sonderte sich ab etwa 2015 eine Untergruppe ab und begann 2018, die zuvor verbündete Nachbargruppe zu überfallen. Seither haben die Separatisten mindestens 24 Individuen der Nachbargruppe umgebracht. Während Aufspaltungen und Konflikte zwischen Gruppen schon zuvor beobachtet wurden, ist der aktuelle Bürgerkrieg der bisher längste und blutigste. Die Fachleute führen ihn darauf zurück, dass soziale Bindungen innerhalb der Gemeinschaft zusammenbrachen.

Schimpansen bilden Gemeinschaften mit durchschnittlich etwa 45 Mitgliedern, denen sie lebenslang – bei Weibchen ab einem Gruppenwechsel bei einsetzender Geschlechtsreife – angehören. Innerhalb der Gemeinschaft bilden sich wechselnde Gruppen, die sich freundlich begegnen. Dass sich solche Gemeinschaften jedoch aufspalten, ist sehr selten und zuvor nur einmal, 1973 in Tansania, beobachtet worden. Deswegen ist rätselhaft, wie es zu solchen blutigen »Bürgerkriegen« kommt und ob sie Konflikten unter Menschen ähneln. Analysen der Ngogo-Krise deuten nun darauf hin, dass hinter dem Konflikt eine dauerhafte Veränderung in den sozialen Verbindungen steckt.

Schon 2025 berichtete der Primatenforscher David Watts in einer Veröffentlichung, dass sich im Vorfeld die sozial extrem wichtigen Fellpflege-Netzwerke in der Gruppe verschoben hatten. Demnach waren um 2011 noch alle Mitglieder der Gemeinschaft Teil eines engen Netzwerks, das sich in der Folge aber in zwei getrennte und später verfeindete Netzwerke aufspaltete. Die Untersuchung von Sandel stützt diese Vermutung. Durch welche Faktoren solche Netzwerke jedoch zusammenbrechen, ist noch ziemlich unklar. Fachleute vermuten zwar, dass Sex eine Rolle spielt, aber die Befunde sind widersprüchlich.

Während Watts argumentiert, dass eine zu hohe Anzahl an Weibchen das Netzwerk von Ngogo zusammenbrechen ließ, publizierte ein Team um Joseph Feldblum 2018 eine Analyse des Schimpansen-Bürgerkriegs von 1973, laut der ein Mangel an Weibchen und verstärkte Konkurrenz unter Männchen die Gruppe zerfallen ließen. Sandel und sein Team vermuten wiederum, dass die außergewöhnliche Größe der Gemeinschaft beim Auseinanderbrechen eine Rolle spielte. Sie verweisen außerdem auf eine Serie von Todesfällen in der Ngogo-Gemeinschaft, in deren Folge die Spannungen zwischen den Untergruppen erstmals aufzutreten begannen. Die Verstorbenen seien womöglich wichtige Bindeglieder der Gemeinschaft gewesen.

Welche Schlüsse sich daraus für menschliche Gemeinschaften und ihre Konflikte ziehen lassen, ist noch ziemlich unklar. Menschen bilden viel größere Gemeinschaften, in denen nicht mehr alle irgendwann mal miteinander Kaffee trinken gehen können, und haben im Gegenzug auch eine große Vielzahl an kreativen und fantasievollen Begründungen entwickelt, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Der Bürgerkrieg in der Ngogo-Gemeinschaft deutet jedoch darauf hin, dass solche kulturellen Marker, anders als oft vermutet, für anhaltende und organisierte Kriegführung zwischen Primaten nicht nötig sind.

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  • Quellen

Sandel, A. et al., Science 10.1126/science.adz4944, 2026

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