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Blaumeisen: »Wichtig ist, Vogeltränken und Futterstellen sofort zu entfernen«

Eine neue Krankheit scheint vor allem Blaumeisen zu töten. NABU-Vogelexperte Lars Lachmann erklärt die Hintergründe und was Gartenbesitzer jetzt tun sollten.
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Update 22. April: Wie der NABU mitteilt, führt das Bakterium Suttonella ornithocola zum Blaumeisensterben. Das haben zwei voneinander unabhängige Laboruntersuchungen ergeben.

Nicht nur Menschen haben in letzter Zeit mit einem neuen Krankheitserreger zu kämpfen. Seit ein paar Wochen fallen in einigen Regionen Deutschlands vermehrt kranke oder tote Blaumeisen auf. Wissenschaftler und Naturschützer sind dabei, die Ursachen und Folgen dieses bisher rätselhaften Phänomens zu untersuchen. Wie auch die Öffentlichkeit mithelfen kann, erklärt Lars Lachmann. Er leitet beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) den Bereich Ornithologie und Vogelschutz.

Spektrum.de: Herr Lachmann, seit einiger Zeit fallen Blaumeisen in Deutschland einer rätselhaften Krankheit zum Opfer. Was passiert denn mit den Tieren?

Lachmann: So genau wissen wir das noch gar nicht. Typisch ist, dass sie einen schleimigen Ausfluss aus dem Schnabel und den Augen haben. Wenn sich die Tiere dann putzen, ist auch ihr Gefieder verklebt, und sie sehen ziemlich zerrupft aus. Sie sitzen aufgeplustert und mit geschlossenen Augen herum und reagieren überhaupt nicht.

Selbst wenn man sich ihnen nähert?

Ja. Das ist ein sehr schlechtes Zeichen. Denn normalerweise versuchen Vögel, sich ihre Gesundheitsprobleme möglichst nicht anmerken zu lassen. Schließlich wollen sie keine Feinde auf sich aufmerksam machen. Wenn sie so apathisch sind, ist das ein Zeichen für eine schwere Krankheit, an der sie wahrscheinlich sterben werden.

Wann ist Ihnen diese Vogelkrankheit aufgefallen?

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Lars Lachmann | Der Ornithologe ist Vogelschutzexperte beim Naturschutzbund Deutschland (NABU). Dort betreut er unter anderem die Aktion »Stunde der Gartenvögel«. Lachmann ist außerdem Vizepräsident des Deutschen Rats für Vogelschutz (DRV).

Anfang März haben wir die ersten Anfragen von NABU-Geschäftsstellen in Bingen und im Westerwald bekommen. Dort hatten sich Leute gemeldet, die kranke und tote Blaumeisen in ihren Gärten gefunden hatten. Sie wollten natürlich wissen, was da los ist. Aber niemand von uns hatte bis dahin von dem Phänomen gehört.

Beschränkt sich das Problem denn auf diese Region?

Das wollen wir natürlich auch wissen. Deshalb haben wir einen Aufruf an die Öffentlichkeit gestartet: Jeder, der eine kranke oder tote Blaumeise findet, kann das über ein Onlineformular melden. Damit möchten wir uns einen Überblick über die Situation in ganz Deutschland verschaffen.

Wie ist die Resonanz bisher?

Sehr gut. Über Ostern sind schon mehr als 9500 Fälle bei uns eingegangen. Die meisten kamen aus einem Streifen, der etwa vom Saarland bis an die Grenze zu Thüringen reicht, mit einem deutlichen Schwerpunkt im Dreiländereck von Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Einen weiteren Herd gibt es im westlichen Niedersachsen.

Und alle bisher entdeckten Opfer sind Blaumeisen?

Die allermeisten, ja. Nur in seltenen Fällen wurden uns auch Kohlmeisen oder andere kleine Singvögel mit entsprechenden Symptomen gemeldet.

Was soll man tun, wenn man so einen Vogel im Garten findet?

Auf jeden Fall unser Meldeformular ausfüllen und am besten noch ein Foto von dem Tier mitschicken. Dann ist es ganz wichtig, Vogeltränken und Futterstellen sofort zu entfernen und frühestens drei oder vier Wochen später wieder in Betrieb zu nehmen, damit sich nicht noch mehr Tiere anstecken. Social Distancing ist in solchen Fällen auch bei Vögeln angesagt.

Dem erkrankten Tier kann man aber nicht mehr helfen?

Nein, in einem derartigen Zustand kann man es in der Regel nicht mehr retten.

Was macht man mit Blaumeisen, die schon gestorben sind?

Nicht mit bloßen Händen anfassen, sondern am besten mit einem umgestülpten Plastikbeutel. Dann kann man den Vogel begraben oder in den Hausmüll tun. Oder man stellt ihn für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung. Zuständig dafür sind in der Regel die Kreisveterinärämter, die im Moment allerdings oft auch mit Corona-Tests stark beschäftigt sind. Deshalb sollte man dort erst einmal anrufen, bevor man die Tiere frisch oder tiefgefroren und gut verpackt im Amt abliefert oder einschickt. Wenn das nicht geht, kann man sie auch direkt ans Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg senden. Die dortigen Spezialisten für Vogelviren arbeiten gemeinsam mit Kollegen von anderen Institutionen daran, den Erreger des Meisensterbens zu identifizieren.

In Deutschland sind in den letzten Jahren ja schon mehrere neue Vogelkrankheiten aufgetaucht, die viele Tiere getötet haben. Kann einer dieser Erreger auch hinter dem Meisensterben stecken?

Das glaube ich nicht. Die Symptome, die Opfer und das zeitliche Auftreten – das alles passt einfach nicht. Das Usutu-Virus, das in Deutschland seit 2010 nachgewiesen ist, tötet zum Beispiel hauptsächlich Amseln. Außerdem löst es nicht diesen schleimigen Ausfluss aus. Und da es Wärme benötigt und von Mücken übertragen wird, tritt es vor allem im August und September auf. Das Gleiche gilt auch für das West-Nil-Virus, das im Hitzesommer 2018 zum ersten Mal in Deutschland nachgewiesen wurde und eine ganze Reihe von Vogelarten infizieren kann. Dann hatten wir den einzelligen Parasiten Trichomonas gallinae. Aber der braucht ebenfalls sommerliche Temperaturen und befällt vor allem Grünfinken. Wir haben es also wohl mit einem Problem zu tun, das in Deutschland bisher noch nicht aufgetreten ist.

Haben Sie einen Verdacht, was das sein könnte?

Seit 1996 kennen Ornithologen in Großbritannien ein Bakterium, das vorwiegend Meisen befällt und zu Lungenentzündungen führt. Die Infektionswellen mit diesem für Menschen ungefährlichen Erreger erreichen im April ihren Höhepunkt. Das Ganze würde also gut ins Bild passen. Allerdings sterben dort nur wenige Vögel an dieser Krankheit. Das könnte daran liegen, dass Meisen und Bakterien dort einfach schon länger miteinander leben und sich besser aneinander angepasst haben. Aber bisher sind das alles nur Vermutungen. Was tatsächlich die Ursache des Meisensterbens ist, können nur die Laboruntersuchungen klären.

Kann so eine neue Krankheit zu einem Zusammenbruch von Vogelbeständen führen?

Im Prinzip ja. Seit der Parasit Trichomonas gallinae 2009 in Deutschland aufgetaucht ist, sind die Bestände der Grünfinken stark zurückgegangen. Das ist aber der einzige Fall, in dem wir so etwas dokumentiert haben. Bei den vom Usutu-Virus befallenen Amseln sehen wir einen solchen bundesweiten Trend bisher nicht. Wie sich das bei den Meisen entwickelt, müssen wir abwarten.

Kann man etwas tun, um die Vögel in dieser Situation zu unterstützen?

Wildvögel werden wir nicht tierärztlich behandeln und auch nicht impfen. Das ist einfach unmöglich. Deshalb müssen wir ihnen helfen, die Krankheitsverluste zu kompensieren. Blaumeisen haben da gute Chancen, denn sie brüten zweimal pro Saison und legen dann jeweils bis zu zehn Eier. Allerdings brauchen sie dafür einen vogelfreundlichen Garten. Auf unserer Website geben wir Tipps, wie man den anlegt. Sehr hilfreich wäre es auch, wenn möglichst viele Menschen bei unserer Vogelzählung »Stunde der Gartenvögel« mitmachen, die in diesem Jahr vom 8. bis zum 10. Mai stattfindet. Mit Hilfe der Daten, die wir dabei gewinnen, können wir herausfinden, ob die Krankheit zu einem Rückgang der Blaumeisen führt.

17/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 17/2020

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