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Coronavirus-Pandemie: Was ist ein Covid-19-Mythos, was die Wahrheit?

Ibuprofen soll riskant sein, Vitamin-D gegen Sars-Cov-2 helfen. Und dann gibt's da noch 5G. Manche Behauptungen verbreiten sich fast schneller als das Virus. Wir ordnen sie ein.
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Stand des Artikels: 7. April 2020.

Täglich Alkohol zu trinken, schützt nicht vor dem neuen Coronavirus. Seife ist ein gutes Reinigungsmittel. Sich über Bargeld anzustecken, ist unwahrscheinlich. Doch immer wieder tauchen Berichte auf, die Zweifel lassen. Hinzu kommen diverse Mythen und Fake News. Als Quelle dient manchmal eine kleine, womöglich ungeprüfte Studie, ein andermal ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat oder ein Einzelner, der sich einen Spaß erlauben, verunsichern oder betrügen will.

So manches Gerücht verbreitet sich schneller als das Virus selbst, so scheint es – auch weil der Bedarf an Wissen groß ist. Schließlich sind weltweit bislang mehr als 1 380 000 Menschen an Covid-19 erkrankt, rund 78 000 starben an den Folgen. Auch in Deutschland steigen die Fallzahlen weiter.

Was hat es mit Ibuprofen auf sich? Was mit 5G? Und wie sicher ist der Umgang mit Haustieren? Welche Behauptungen derzeit kursieren und was davon zu halten ist – eine Übersicht:

Behauptung: »Wer täglich Alkohol trinkt, schützt sich vor einer Infektion mit dem Coronavirus.«

Bewertung: Es kursiert eine gefälschte Meldung des Robert-Koch-Instituts laut der 100 Gramm Alkohol pro Tag – das entspräche etwa fünf Bier – zu einer ausreichenden Desinfizierung des Mund- und Rachenraums führen sollen. Das ist Unsinn. Der häufige oder exzessive Konsum von Alkohol schützt nicht vor Covid-19, sondern erhöht das Risiko für Gesundheitsprobleme. Wissenschaftliche Studien belegen, dass ein chronischer Alkoholkonsum das Immunsystem schwächt.

Behauptung: »Kein Virus, sondern das 5G-Netz hat die Pandemie ausgelöst«

Bewertung: Rasch verbreitet hat sich das Gerücht, 5G-Wellen würden zu grippeähnlichen Symptomen und einem Zellabbau führend. Aufgrund seiner vollständigen 5G-Abdeckung sei die Gegend um Wuhan darum besonders stark betroffen, geht der Mythos weiter. Das Bundesamt für Strahlenschutz widerlegt dies: In einer E-Mail an das Recherchezentrum CORRECTIV schreibt es: »5G verursacht weder Zellabbau noch grippeähnliche Symptome. 5G kann (wie alle Felder von Mobilfunksendeanlagen, also auch 2G, 3G, 4G) höchstens eine geringfügige, nicht wahrnehmbare Erwärmung verursachen, die sich vor allem auf die Körperoberfläche beschränkt.«

Behauptung: »Wer Ibuprofen nimmt, erkrankt schlimmer.«

Bewertung: Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. In Fachkreisen kursieren eher theoretische Überlegungen, ob nicht bestimmte Medikamente, darunter Ibuprofen, Diclofenac oder auch Azetylsalizylsäure (ASS, »Aspirin«), den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung ungünstig beeinflussen könnten. Die französischen Behörden warnen darum davor, diese Wirkstoffe zu nehmen. Es gibt jedoch nur sehr wenige Anhaltspunkte und derzeit keine wissenschaftlichen Belege für solche Wechselwirkungen. Alle Patienten, die solche Medikamente auf Anraten von Arzt oder Ärztin einnehmen, sollten dies darum weiterhin tun. Alle anderen könnten vorsichtshalber auf Alternativen wie Paracetamol ausweichen, empfahl die WHO zwischenzeitlich. Inzwischen aber rät sie »anhand der momentan vorliegenden Informationen nicht von der Einnahme von Ibuprofen ab«.

Behauptung: »An Geldscheinen und Münzen kann man sich mit dem Coronavirus anstecken.«

Bewertung: Viele Experten halten es für unwahrscheinlich, dass man sich beim Bezahlen ansteckt. Der Berliner Virologe Christian Drosten etwa rät, diese Gefahr könne man »mal weitgehend vergessen«. Coronaviren würden auf Oberflächen schnell eintrocknen. Hinzu kommt, dass die Menge an Viren auf einer Münze oder einem Schein in den meisten Fällen nicht ausreicht, um eine Infektion auszulösen, zumal man die Erreger mit den Händen in den Rachen transportieren müsste. Wer die empfohlene Handhygiene befolgt und sich oft und gründlich mit Seife die Hände wäscht, hat demnach vor Geldscheinen und Münzen nichts zu befürchten.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verbreitet sich weltweit«.

Behauptung: »Das Virus hält sich mehrere Tage lang auf Türklinken, Bahnsitzen und anderen Oberflächen. Auch gelieferte Pakete sollte man deshalb nur mit Handschuhen anfassen.«

Bewertung: Die Behauptung ist übertrieben. Sars-CoV-2-Partikel überleben auf Pappe offenbar bis zu 24 Stunden. Das hat eine Studie von Forschern der National Institutes of Health gezeigt. Auf Kunststoff und Edelstahl waren sie sogar zwei bis drei Tage lang nachweisbar. Das alles sei allerdings unter Laborbedingungen geschehen, sagt der Virologe Christian Drosten in seinem Podcast beim NDR. Unklar sei, ob die auf die Oberflächen aufgebrachten Tröpfchen ähnlich groß gewesen seien wie jene, die wir aushusten oder -niesen. Zudem habe eine Zellkulturflüssigkeit völlig andere Eigenschaften als menschliche Sekrete. Die Virusmenge, die nach der Verdunstung auf einer bestimmten Oberfläche zurückbleibt, mag ausreichen, um eine Zellkultur anzustecken. Ob daran aber nach so langer Zeit noch genügend intakte Viren kleben, um einen Menschen zu infizieren, lässt sich aus derzeitiger Sicht nicht sagen.

Behauptung: »Das Coronavirus hat sich in der Bevölkerung über lange Zeit unbemerkt ausgebreitet.«

Bewertung: Mit Sicherheit liegt der Zahl der tatsächlich Infizierten weit über der Zahl eindeutig nachgewiesener Infektionen. Statistisch lässt sich beispielsweise aus der Zahl der Gestorbenen oder der Infizierten mit schwerem Krankheitsverlauf auf die Gesamtzahl hochrechnen. Die »Süddeutsche Zeitung« schätzt für den 17. März, dass derzeit etwa 100 000 Menschen in Deutschland mit Sars-CoV-2 infiziert sein dürften. Die Ergebnisse schwanken auf Grund großer Unsicherheiten allerdings erheblich. Ausgeschlossen ist jedoch, dass sich das Virus schon in einem Großteil der Bevölkerung ausgebreitet hat. Selbst unter ungünstigsten Annahmen dürften es nicht mehr als eine halbe Million Infizierte in ganz Deutschland sein.

Behauptung: »Wenn man zehn Sekunden die Luft anhalten kann ohne Beschwerden oder Husten, bedeute das, man ist nicht mit dem Coronavirus infiziert.«

Bewertung: Dieser zweifelhafte Tipp macht internationale Karriere als Kettenbrief. Doch weder für den Selbsttest durch Luftanhalten noch für die meist mitverschickte Empfehlung, gegen die Infektion doch viel Wasser zu trinken, gebe es wissenschaftliche Belege, sagt etwa David Heymann, Gesundheitsexperte der WHO, gegenüber »Correctiv«. Eine Infektion mit dem Coronavirus äußert sich in den meisten Fällen durch trockenen Husten, Fieber und seltener durch Schnupfen oder andere typische Erkältungssymptome wie Frösteln oder Halsschmerzen.

Behauptung: »Im Sommer macht Corona Pause.«

Bewertung: Wie es im Sommer mit der Epidemie weitergeht, ist unklar. Bei vielen Infektionskrankheiten, allen voran der Grippe, kommt es im Sommer zu deutlich weniger Ansteckungen, unter anderem weil die Menschen weniger Zeit im Haus verbringen und warme, feuchte Luft das Virus an der Ausbreitung hindert. Andererseits trifft Sars-CoV-2 auf eine Bevölkerung, in der noch niemand immun ist, so dass auch eine gebremste Ausbreitung einen Großteil der Bevölkerung erfassen könnte. Sollten wir in den Sommermonaten einen Rückgang beobachten, dann vermutlich, weil die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung und die klimatischen Veränderungen in die gleiche Richtung ziehen.

Behauptung: »Auch wenn Covid-19 ohne Symptome verläuft, bleibt die Lunge langfristig geschädigt.«

Bewertung: Bei neun von zwölf Personen, die die Krankheit bereits hinter sich hatten, stellten Ärzte der Hong Kong Hospital Authority bei einer Computertomografie Veränderungen an der Lunge fest: »Bei einigen Patienten könnte die Lungenfunktion um 20 bis 30 Prozent verringert sein«, sagte Owen Tsang Tak-yin, medizinischer Direktor des Zentrums der »South China Morning Post«. Das könne dazu führen, dass die Menschen keuchen, wenn sie etwas schneller gehen, so der chinesische Arzt. Allerdings könnten sie ihre Lungenkapazität durch Herz-Kreislauf-Übungen auch wieder verbessern. Da die Menschen im Krankenhaus behandelt wurden, handelte es sich vermutlich um schwere Fälle. Ob das Virus auch bei milden oder asymptomatischen Krankheitsverläufen Spuren hinterlassen kann, ist noch unklar. Bislang gibt es schlichtweg noch zu wenig Genesene.

Behauptung: »Das Virus schwebt mehrere Minuten lang in der Luft, bevor es sich irgendwo niederlässt.«

Bewertung: Das ist nicht ganz korrekt. Während größere ausgehustete Tröpfchen nach wenigen Sekunden zu Boden sinken, schweben winzige Tröpfchen, so genannte Aerosole, sehr lange in der Luft. Darin enthaltene Viren bleiben, zumindest in Labortests, auch infektiös. Allerdings verteilen sie sich rasch. Laut einer Untersuchung in Wuhan sind darum selbst auf einer Intensivstation in der Raumluft kaum oder gar keine Viren nachweisbar, entsprechend gering ist das Übertragungsrisiko durch Aerosole im Alltag. Die deutlich größere Ansteckungsgefahr besteht bei direktem Kontakt mit Betroffenen.

Behauptung: »Auch Hunde und Katzen können mit dem Coronavirus infiziert sein. Darum sollte man sie besser nicht mehr streicheln.«

Bewertung: Stimmt nicht. Zwar wurden in Hongkong bei einem Hund, der in einem Haushalt mit einem mit Sars-CoV-2 infizierten Menschen lebt, geringe Mengen des genetischen Erregermaterials nachgewiesen. Laut Experten des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI) ist aber unklar, ob es sich um eine aktive Infektion oder eine passive Verunreinigung durch Viruspartikel in der Umgebung handelt. Der Hund zeigte keinerlei Krankheitssymptome. Eine neue, vorab veröffentlichte Studie aus China liefert Hinweise darauf, dass sich Katzen – ebenfalls symptomlos – mit dem Virus infizieren und es an Artgenossen weitergeben können. Ob sie auch Menschen anstecken können, bleibt jedoch unklar. Die Virusmenge, die den fünf Katzen verabreicht wurde, sei zudem nicht mit jener vergleichbar, die im üblichen Kontakt mit Haustieren ausgetauscht werden könne, sagt Virologin Linda Saif von der Ohio State University in einem begleitenden Artikel in »Nature«. Das FLI rät bestätigt infizierten Personen allein, den engen Kontakt zu ihren Haustieren zu meiden. Heißt: Das Gesicht ablecken lassen ist verboten.

Behauptung: »Man braucht Desinfektionsmittel, um das Virus zu zerstören.«

Bewertung: Nicht unbedingt. Auch handelsübliche Seife macht die Viren kaputt, weil sie Tenside enthält. Diese Molekülen haben sowohl einen Wasser als auch einen Fett liebenden Teil. Mit letzterem greifen die Tenside die empfindliche Lipidhülle der Viren an. Die Wasser liebende Seite des Moleküls wendet sich dem Wasser zu, die wir beim Waschen über unsere Hände laufen lassen. Es entstehen kugelförmige Fetttröpfchen – die Mizellen –, die sich leicht wegwaschen lassen. Wie Fett in einer Pfanne mit Spülmittel.

Behauptung: »Das Virus kann auch über das Trink- und Abwasser übertragen werden. Darum sollte man lieber kein Leitungswasser mehr trinken.«

Bewertung: Trinkwasser, das nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik gewonnen, aufbereitet und verteilt werde, sei sehr gut gegen Viren geschützt, heißt es in einer Stellungnahme des Umweltbundesamts. Einschließlich Coronaviren. Die Experten halten es nach derzeitigem Kenntnisstand für höchst unwahrscheinlich, dass sich Sars-CoV-2 über die öffentliche Trinkwasserversorgung verbreitet. Obwohl in Stuhlproben von infizierten Personen genetisches Material des Virus entdeckt wurde, sei auch das Risiko dafür gering, dass sich vermehrungsfähige Viren über den Kot infizierter Personen übertragen. Laut der WHO ist bis heute ist kein Fall einer fäkal-oralen Übertragung bekannt.

Behauptung: »Rauchen oder Dampfen verschlimmert die Covid-19-Erkrankung.«

Bewertung: Covid-19 ist noch zu neu, als dass es dazu aussagekräftige Studien gäbe. Ältere Untersuchungen haben jedoch eines deutlich gemacht: Wer raucht, schwächt das Immunsystem seiner Lunge. Zudem kann der Zigarettenrauch zu langfristigen Schäden führen und diese wieder zu einem schwereren Verlauf von Covid-19. Was das Dampfen angeht, ist die Studienlage weniger eindeutig. Erste Ergebnisse weisen aber in eine ähnliche Richtung.

Behauptung: »Das Coronavirus ist mutiert. Der L-Typ ist besonders aggressiv und verbreitet sich schnell.«

Bewertung: Korrekt ist, dass es zwei Typen gibt, S und L genannt. Auch stimmt, dass sie sich durch eine Mutation unterscheiden. Doch Mutationen verändern nicht automatisch die Eigenschaften eines Virus. Insofern ist unklar, ob der L-Typ, nur weil er weiter verbreitet ist, tatsächlich aggressiver ist als der S-Typ. Ebenso, ob er sich schneller verbreitet. »Einer dieser Zweige kann rein zufällig größer sein als der andere«, sagt beispielsweise der Evolutionsbiologe Andrew Rambaut von der University of Edinburgh.

Behauptung: »Die Einnahme von Chlordioxid hilft gegen das Coronavirus«

Bewertung: Auf verschiedenen Internetseiten werden Trinklösungen mit Chlordioxid, auch als Miracle Mineral Supplement (MMS) bezeichnet, als Wundermittel angepriesen. Es ist zwar richtig, dass die Chemikalie Viren inaktiviert. Chlordioxid ist aber ein industrielles Desinfektions- und Bleichmittel, das unsere Haut und Schleimhaut stark verätzen kann. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt deshalb schon seit vielen Jahren vor der Einnahme.

Behauptung: »Der Krankheitserreger SARS-CoV-2 ist schon lange bekannt.«<

Bewertung: Derzeit kursieren Fotos älterer Desinfektionsmittel-Flaschen – etwa von 2014 –, auf denen zu lesen ist: »Hilft gegen Coronaviren«. Mancher schlussfolgerte daraus, dass es SARS-CoV-2 schon vor 2019 gab. Das ist aber falsch. SARS-CoV-2 ist ein neues Virus, das zu der Familie der Coronaviren gehört. Die Familie der Coronaviren ist seit Mitte der 1960er Jahre bekannt. Jedes Jahr zirkulieren in unserer Bevölkerung vier Typen von Coronaviren, die in der Regel harmlose Erkältungen verursachen. Andere Mitglieder der Virusfamilie haben in der Vergangenheit zu schweren Krankheitsausbrüchen wie Sars oder Mers geführt.

Behauptung: »Wer Vitamin D einnimmt, kann sich gegen Covid-19 schützen.«

Bewertung: Zwar sind viele Menschen in West- und Mitteleuropa nicht ausreichend mit dem Vitamin versorgt. Doch die Mikrobiologin Barbara Schmidt vom Universitätsklinikum Regensburg stellte im »Bayrischen Rundfunk« klar: Es sei völlig absurd, dass Vitamin-D helfen könnten, Coronavirus-Patienten zu heilen. Es gäbe weder wissenschaftliche Belege dafür, dass ein Mangel des Vitamins eine die Erkrankung Covid-19 fördere, noch dafür, dass bereits Erkrankte auf Vitamingaben positiv reagierten.

Behauptung: »Forscher haben SARS-CoV-2 künstlich im Labor geschaffen.«

Bewertung: Das ist ein Mythos. Erbgut-Analysen zeigen: Das Virus SARS-CoV-2 ist über natürliche Mutation und Selektion entstanden, wie unabhängige Forscher in der Fachzeitschrift »Nature« berichten.

12/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12/2020

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