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Deep Talk: Was ist ein gutes Gespräch, Matze Hielscher?

Als würde man einer tiefgehenden privaten Unterhaltung lauschen: So fühlt es sich an, wenn man dem Podcaster Matze Hielscher und seinen Gästen zuhört. Wie macht er das? Ein Interview mit dem Gastgeber des beliebtesten deutschen Interview-Podcasts.
Zwei Personen sitzen am Strand und blicken auf das Meer. Der Himmel ist leicht bewölkt, und die Wellen rollen sanft an den Sand. Die Personen tragen Freizeitkleidung und scheinen in ein Gespräch vertieft zu sein. Die Szene vermittelt eine ruhige und entspannte Atmosphäre.
Ein schönes Gespräch: weiter Horizont, frei schweifende Gedanken.

Matze, als du deinen Podcast »Hotel Matze« gestartet hast, warst du Mitte 30. Vorher hast du als Bassist in einer Band gespielt, Lampen verkauft und ein digitales Stadtmagazin produziert. Wie kamst du darauf, einen Interview-Podcast zu starten?

Wenn ich etwas gut finde, will ich es selbst ausprobieren. So war es schon mit der Musik: Ich habe immer viel Musik gehört und wollte dann auch eine eigene Band. Mit den Podcasts war es ähnlich: Ich habe viele amerikanische Podcasts gehört, zum Beispiel von Joe Rogan, Tim Ferriss und Marc Maron – sie alle führen lange Interviews mit wenig Unterbrechungen, das mochte ich total gern. Ich hatte damals selbst schon Podcasts für das Online-Stadtmagazin produziert, das ich mitgegründet habe. Irgendwann wollte ich dann auch einen eigenen Podcast. Die größte Herausforderung war, das allein zu machen.

Warum dachtest du: Das kann ich?

Ich war in Gesprächen immer schon derjenige, der mehr gefragt hat. Und es war auch immer so, dass die Leute mir gern geantwortet haben. Das war für mich also keine neue Rolle, die ich mir genommen habe, sondern eine, die mir schon gegeben war.

Du sprichst in deinem Podcast vor allem mit prominenten Menschen aus künstlerischen Berufen, aus Wirtschaft und Wissenschaft, Sport und Politik. Wie bereitest du dich darauf vor?

Matze Hielscher |

Der Podcaster sendet seit jeher auf vielen Kanälen: Er spielte Bass in einer Indie-Pop-Band und arbeitete als DJ, hat mehrere Bücher und Fragensets geschrieben sowie die Medienagentur »Mit Vergnügen« mitgegründet, die auch Podcasts produziert. Seit 2016 ist er Gastgeber in seinem eigenen Podcast »Hotel Matze« und spricht dort mit Prominenten aus Kunst, Sport, Wirtschaft und Politik.

Das hat sich in den letzten Jahren verändert. Früher habe ich mich wirklich auf jedes Interview vorbereitet, als wäre es eine Abschlussprüfung: Ich habe alles gelesen, alles gehört, alles geguckt, was ich gefunden habe. Dann fühlte es sich auch an wie eine Prüfungssituation: Ich wollte beweisen, dass ich ganz viel wusste – und das ist einem Gespräch nicht gerade dienlich. Deswegen bereite ich mich seit etwa einem Jahr absichtlich weniger vor. Ich suche lieber etwas, was bei mir andockt, und lese zum Beispiel die Bücher eines Gastes nicht mehr von vorn bis hinten, sondern nehme mir dafür nur eine Stunde Zeit, bis ich ungefähr weiß, worum es geht. Wenn ich das Buch schon komplett gelesen habe, dann setze ich entweder zu viel Vorwissen bei den Hörerinnen und Hörern voraus. Oder ich frage etwas, was ich schon weiß, und das ist langweilig für mich.

»Es gibt diesen Moment im Gespräch, wenn alles andere verschwindet«

Man sollte also ein bisschen Vorwissen haben, aber nicht zu viel?

Ja. Es ist ja auch creepy, wenn man eine Person das erste Mal trifft und schon alles über sie weiß. Natürlich gibt es Leute, denen das schmeichelt. Aber das Gespräch fühlt sich dann nicht mehr natürlich an. Dazu kommt, dass man ziemlich erschöpft ins Gespräch geht, wenn man kurz vorher haufenweise Informationen aufgenommen hat. Es dient also auch der Psychohygiene zu sagen: Das ist hier keine Abschlussprüfung. Wenn ich etwas Falsches sage, dann ist es halt falsch, dann werde ich eben korrigiert.

Bist du vorher auch nicht mehr nervös?

Nein, bin ich gar nicht mehr. Das letzte Mal, dass ich wirklich sehr nervös war, war bei Angela Merkel; sie war mein großer Wunschgast. Ich hatte mich sehr lange um sie bemüht und mich dann wochenlang auf das Gespräch mit ihr vorbereitet. Und am Ende gemerkt: alles nicht so wild. Danach hat sich das langsam verändert: Ich bin nicht mehr nervös, nur noch aufgeregt im positiven Sinn, also voller Vorfreude. In rund 450 Folgen gab es vielleicht zwei, wo ich an dem Tag keine Lust hatte. Aber es war dann trotzdem schön.

»Von allen Politikern, die ich bisher interviewt habe, ist Friedrich Merz derjenige, mit dem ich am liebsten auf einer Berghütte einen Abend verbringen würde«

Was ist für dich ein schönes Gespräch?

Es gibt diesen Moment im Gespräch, wenn alles andere verschwindet, dann ist man wie in einem eigenen Raum, es entsteht eine besondere Atmosphäre. Ich erlebe das mit Gästen im Podcast, aber auch mit langjährigen Freunden, wenn man einen Abend zusammensitzt und so richtig ineinander vertieft ist. Man redet über gestern, heute und morgen, darüber, was einen bewegt. Dieses Vertieftsein ist es, was für mich ein schönes Gespräch ausmacht. Man merkt, wie man sich anguckt, wie man miteinander schwingt. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das »Resonanz«.

Studien belegen: Wenn sich zwei Menschen gut verstehen, synchronisiert sich die Hirnaktivität.

Interessant. Das Gefühl, dass da etwas synchron ist – das kann ich bestätigen.

Das passiert dir aber nicht bei jedem Podcast?

Nein, definitiv nicht. Was schade ist …

Warum klappt das mit manchen Gästen und mit anderen nicht?

Beide müssen offen dafür sein. Manchmal merke ich während des Gesprächs selbst: Ich bin heute nicht so richtig da, nicht in der richtigen Stimmung. Oder der Gast ist es nicht. Deswegen mache ich gerade auch keine Interviews mit Politikern mehr. Unter meinen Gästen waren nach meinem Ermessen nur ein, zwei Politiker, mit denen so ein gemeinsames Schwingen entstanden ist.

Darf ich fragen, mit wem?

Mit Friedrich Merz. Und das hatte ich nicht erwartet. Nicht, weil ich ihn oder die CDU grundsätzlich ablehnen würde. Es ist eher eine Typfrage. Aber es ist tatsächlich so: Von allen Politikern, die ich bisher interviewt habe, ist er derjenige, mit dem ich am liebsten auf einer Berghütte einen Abend verbringen würde. Mit vielen Dingen, die er politisch entscheidet oder kommuniziert, bin ich nicht einverstanden. Aber ich hatte das Gefühl, mit dem kann man gut reden, wir hatten einfach einen guten Vibe. Mit Robert Habeck habe ich zweimal gesprochen, einmal lief das Gespräch gar nicht, beim zweiten Mal war es gut. Beide, Merz und Habeck, waren zum jeweiligen Zeitpunkt in der Opposition, und das ist kein Zufall. Mit Menschen, die gerade ein Amt innehaben, ist es schwieriger, da entsteht keine Resonanz. Sie müssen ein Land regieren, da gibt es für sie gerade Wichtigeres, sie haben eine andere Agenda. Das führt zu einer Art von Gespräch, die ich nicht führen will.

Was machst du, wenn ein Gespräch nicht läuft?

Man kann sich selbst ein bisschen austricksen. Wenn ich merke, wir reden seit einer Stunde, ich komme nicht in Wallung und mein Gast auch nicht: Dann versuche ich mir innerlich etwas zuzurufen, die Haltung zu verändern, einen Reset zu machen. Es gab Gespräche, die so am Ende noch total super wurden. Es kann auch sein, dass ich zu sehr an meinen Fragen hänge, dass ich zu sehr in eine Richtung »ziehe« und so ein Widerstand entsteht. Dann kann ich sagen: Ich lasse jetzt los, gehe weg von meinem Plan, vom gewünschten Outcome. Das kann man dem Gegenüber auch signalisieren, indem man die Sitzposition ändert, die Fragen innerlich wegschiebt und sagt: Okay, ich bleibe jetzt einfach nur beim Gast, denke nicht mehr daran, wo ich hin wollte.

»Ich bin in der Rolle eines ›Hoteliers‹, und der sagt doch auch nicht zu seinen Gästen: Sagen Sie mal, warum haben Sie denn überhaupt hier eingecheckt?«

Du siehst die Verantwortung vor allem bei dir selbst. Gibt es für dich keine unangenehmen Gäste?

In erster Linie liegt es an mir. Es fängt schon mit dem Einladungsmanagement an. Wenn ich eine Person einlade, muss ich schauen: Was erwarte ich von ihr – passt das oder passt das nicht? Das ist mir auch nicht immer geglückt. Ich bin in der Rolle eines »Hoteliers«, und der sagt doch auch nicht zu seinen Gästen: Sagen Sie mal, warum haben Sie denn überhaupt hier eingecheckt? Wenn ich mir meine Gespräche später noch einmal anhöre, fallen mir eher Sachen bei mir selbst auf. Manchmal habe ich eine Frage gestellt, dann noch drei Minuten geredet und am Ende dieselbe Frage noch einmal gestellt. Oder wenn ich mich in Gedanken verliere: Wo zur Hölle wollte ich da eigentlich hin?

Stört dich so etwas bei anderen nicht?

Nein – solange die Person zugewandt ist. Nur wenn ich merke, da hat jemand eigentlich gar keine Lust oder will nur ein neues Album promoten, dann hat es keinen Sinn. Dann finde ich das unangenehm.

Wie ist es bei Gesprächen im Privatleben?

Da gibt es das auch manchmal, wenn man neue Leute kennenlernt und das Gespräch einseitig ist, weil der andere die ganze Zeit redet und nicht eine einzige Frage stellt.

»Natürlich bringe ich Fragen mit, aber ich muss sie nicht stellen«

Was ist für dich eine gute Frage?

Jede Frage, an deren Antwort man wirklich interessiert ist. Also wenn ich dich frage »Wie geht es dir?« und ich will das wirklich wissen, dann ist es eine super Frage.

Das ist alles? 

Das ist das Hauptkriterium. Eine gute Frage kann Räume öffnen – zu einer Person oder zu Informationen. Deshalb ist eine gute Frage manchmal auch die, die man nicht zu fragen wagt, weil man nicht unhöflich oder unverschämt sein möchte. Aber mit guten Absichten darf man jede Frage stellen; man kann ja vorher um Erlaubnis fragen: »Darf ich dich das fragen?« Da sagt selten jemand Nein. Früher ging es mir auch darum, gute Fragen zu stellen, damit das Gegenüber möglichst oft sagt: »Gute Frage!« Ich wollte mir ein Lob abholen. Heute geht es mir um die Atmosphäre und dass das Gespräch gut ist. Natürlich bringe ich Fragen mit, aber ich muss sie nicht stellen. Echte Begegnungen sind nicht berechenbar. Ich vergleiche das gern mit einer Reise. Man kann Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff machen, da ist alles durchgeplant. Oder man fährt los und guckt, wo die Reise hinführt.

Du erzählst im Podcast öfter auch Persönliches. Fühlst du dich immer wohl damit, oder bereust du das manchmal auch? 

Eine Weile war das unangenehm. Früher gab es Begegnungen, bei denen ich mich gewundert habe: Woher weiß diese Person das? Ach ja, hab ich im Podcast erzählt. Wenn ich neue Leute kennenlerne, versuche ich deshalb kurz zu checken: Kennen die den Podcast? Auf welcher Ebene treffen wir uns? Ich freue mich total, wenn sie den Podcast gern hören – aber dann ist klar: Die haben schon ein bestimmtes Bild von mir.

Die Themenwoche »Podcasts«

Podcasts sind für viele Menschen fester Bestandteil des Alltags. Was macht das Verhältnis zwischen Podcastern und ihrem Publikum so besonders? Wem hören wir gern zu? Und was macht eigentlich ein gutes Gespräch aus? Antworten geben nicht nur Forscherinnen und Forscher. Auch Fachleute aus der Praxis teilen ihre Erfahrungen: die Sprechtrainerin Birte Heckmann, der »Sternengeschichten«-Erzähler Florian Freistetter und der Gesprächskünstler Matze Hielscher von »Hotel Matze«.

  1. Zuhören für Einsteiger: Kleine Einführung in die Welt der Podcasts
  2. Motivforschung: Warum so viele Menschen Podcasts lieben
  3. Deep Talk: Was ist ein schönes Gespräch, Matze Hielscher?
  4. Wissenschaftspodcasts: »Man braucht kein Studio und keine Redaktion«
  5. Stimm- und Sprechtraining: Schöner reden
  6. In eigener Sache: Podcasts aus dem Spektrum-Universum

Warum erzählst du überhaupt von dir selbst?

Wenn das Gespräch nur aus dem immer gleichen Wechsel von Frage und Antwort, Frage und Antwort besteht, dann entsteht keine Atmosphäre. Wenn ich etwas von mir erzähle, wird das Gespräch entspannter und der Gast auch. Es gibt ihm die Möglichkeit, mal Pause zu machen.

So kennt man das auch von den berühmten »36 Fragen«, die helfen sollen, eine Beziehung aufzubauen: Das funktioniert angeblich nur dann, wenn sich die Gesprächspartner mit den Fragen abwechseln. Aber angenommen, du könntest deinen Gästen nur eine einzige Frage stellen, wie würde die lauten?

»Was treibt dich an?« Egal, wem ich diese Frage gestellt habe, daraus wurde nie ein schlechtes Gespräch. Sich gemeinsam der Antwort zu nähern, ist immer ein Geschenk.

Was wäre deine eigene Antwort – was treibt dich an?

Das Erleben von Schönheit, Resonanz, Verbindung. Gestern habe ich zum Beispiel eine meiner Folgen angeguckt und gedacht: Ach, ist das schön. Man lernt den Gast wirklich kennen. Das hat mich total beseelt. Es ist mir egal, ob sich das viele Leute anhören und ob ich alles gut gemacht habe. Das war aber nicht immer so.

Und angenommen, du könntest eine Frage ans Universum schicken und bekämst die richtige Antwort zurück: Was würdest du fragen?

Was passiert mit uns nach dem Tod? Das würde ich wirklich gern wissen. Ich würde es auch niemandem verraten – versprochen, liebes Universum! Ich kann Geheimnisse sehr gut für mich behalten.

Lektüretipps

  1. Matze Hielscher:Darf ich dich das fragen? 111 Fragen, um uns besser zu verstehen.
  2. Die »36 Fragen«: In der Populärpsychologie gelten sie als Hilfsmittel zum Verlieben, in der Forschung sind sie bekannt unter dem Begriff »Fast Friends Procedure«: 36 Fragen, die angeblich Fremde schnell zu Freunden werden lassen. Ersonnen wurden sie in den 1990er-Jahren von dem US-amerikanischen Psychologenpaar Arthur Aron und Elaine Aron mit dem Ziel, emotionale Nähe zu fördern.

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