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Studie: Was ist ein Monat (ohne) Facebook wert?

Facebook ist umsonst, aber wie viel müsste man Ihnen zahlen, damit Sie einen Monat darauf verzichten? Und was verrät dieses nicht gezahlte Geld über unser Wirtschaftssystem?
Facebook löschen?

»Würden Sie einen Monat lang auf Facebook verzichten, wenn wir Ihnen dafür X Dollar zahlen?« Diese Frage, mit jeweils anderem Geldbetrag, stellte ein Forscherteam mehreren tausend Facebook-Nutzern. Im Schnitt erklärten die Befragten bei 40 bis 50 Dollar ihre Bereitschaft zum vorübergehenden Logout. Ging es um ein temporäres Abschalten von Onlinevideos, Karten oder E-Mail, lag der Betrag noch einmal höher – und folgt man den Ergebnissen, ist ein Verzicht auf Suchmaschinen erst recht fürstlich zu entlohnen: Über 1000 Dollar pro Monat lag das Mittel der geforderten Geldbeträge in diesem Fall.

Mit Umfragen wie diesen will das Team um Erik Brynjolfsson von der MIT Sloan School of Management in Cambridge, Massachusetts, erfassen, welchen monetären Wert kostenlos angebotene Internetdienste haben. Dabei sind sie sich bewusst, dass die genannten Beträge nicht unbedingt der Zahlungsbereitschaft der Befragten entsprechen. Doch umgekehrt die Teilnehmer zu fragen, wie viel Geld sie – rein hypothetisch – für Facebook und Co. auszugeben bereit wären, führt erfahrungsgemäß zu noch schieferen Ergebnissen.

Im Fall der aktuellen Studie verblieben sie nämlich keineswegs im Hypothetischen: Mit der Wahrscheinlichkeit von 1 zu 200 erfüllten Brynjolfsson und Kollegen den Wunsch eines Befragten. Wer sich also für das Geld entschied, hatte eine reelle Chance, den Dollarbetrag einzustreichen. Wer ablehnte, ging zwangsläufig leer aus – und zahlte damit auf gewisse Weise für die Nutzung des entsprechenden Internetdienstes.

Die Werte seien trotzdem nur als Richtwert zu sehen, der über die Größenordnung der Wertschätzung Auskunft gibt, erläutert die »Neue Zürcher Zeitung«, die über die Studie berichtet und auch eine Vorabversion des Papers zur Verfügung stellt. Als entscheidenden Vorteil des Frageprinzips stellen die Forscher heraus, dass die Ergebnisse über die Zeit hinweg vergleichbar seien. Steigt der Betrag, ab dem Menschen auf einen Dienst zu verzichten bereit wären, gegenüber dem Vorjahr, ist im gleichen Maß auch dessen Wert gestiegen.

Mit Befragungen wie diesen hoffen die Forscher ein besseres Maß für das gesamtgesellschaftliche Wohlbefinden zu entwickeln. Weil dieses auch an die Wirtschaftsleistung eines Landes gekoppelt ist, wird gemeinhin das Bruttoinlandsprodukt dafür herangezogen – trotz dessen bekannten Schwächen, zu denen eben auch zählt, kostenlos angebotene digitale Dienste fast komplett außen vor zu lassen. Mit systematischen Befragungen im Stil ihrer aktuellen Untersuchung könnte darum ein Teil der Wirtschaftsleistung erfasst werden, der von immenser Bedeutung für große Teile der Bevölkerung ist.

3/2018 (August/September)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 3/2018 (August/September)

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