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News: Was ist Kultur?

Kultur ist kein ausschließlich menschliches Phänomen. Eine Zusammenfassung der bis heute bekannten Forschungsergebnisse über das Verhalten wilder Schimpansen zeigt, daß unsere engsten Verwandten eine hochentwickelte Kultur besitzen. Sie zeigen verschiedenartigste Verhaltensweisen, die durch soziales Lernen oder Beobachten und nicht durch Vererbung weitergegeben werden.
In der Nature-Ausgabe vom 17. Juni 1999 (Informationen im Volltext) präsentieren Andrew Whiten von der University of St. Andrews in Schottland und seine Kollegen einen umfassenden Überblick über sieben langfristige Studien mit insgesamt 151 Jahren Arbeit an Schimpansen-Populationen. Die Veröffentlichung enthält auch die Ergebnisse der bekannten vierzigjährigen Studie von Jane Goodall zu den Schimpansen von Gombe in Tansania.

Die Forscher verglichen Veränderungen in nicht weniger als 39 Verhaltensmerkmalen, von Unterschieden in Techniken zum Fangen von Ameisen bis zu der Frage, ob Schimpansen gerne im Regen tanzen. Die Tiere in Gombe zum Beispiel führen im allgemeinen eine besondere Darbietung auf, sobald es zu regnen beginnt – dieses Verhalten findet man jedoch nicht unter den Schimpansen von Bossou in Guinea. Die Bossou-Affen ihrerseits sammeln Ameisen auf einem kurzen Stock, mit dem sie die Insekten dann direkt in den Mund befördern – ihre Kollegen in Taï an der Elfenbeinküste machen dasselbe. Dieses Verhalten ist auch gelegentlich in Gombe zu beobachten, dort werden Ameisen jedoch meist auf einem langen Stab gesammelt und dann mit der Hand abgewischt und zu einer Kugel gerollt, bevor sie verspeist werden.

Im Einzelnen betrachtet scheint es sich um Kleinigkeiten zu handeln, die man auch als "Verhaltensticks" bezeichnen könnte. Im Großen und Ganzen ergibt sich jedoch ein zusammenhängendes Bild von Verhaltensunterschieden, wie man sie bisher bei keinem anderen nicht-menschlichen Tier beobachtet hat. Ein bekanntes Beispiel für die Weitergabe bestimmter Verhaltensweisen auf sozialem und nicht genetischem Weg ist die Angewohnheit einer japanischen Makakengruppe, Süßkartoffeln vor dem Verzehr zu waschen. Ein einzelnes weibliches Jungtier hatte damit begonnen, doch bereits nach kurzer Zeit wurde das Verhalten vom Rest der Gruppe übernommen. Das Ausmaß der Variabilität im Verhalten von Schimpansen war nicht bekannt, bis Forscher, die oft isoliert arbeiteten, ihre Aufzeichnungen vergleichen konnten. Beispielsweise haben die Schimpansen von Mahale in Tansania die Angewohnheit, bei der sozialen Fellpflege ihre Hände über den Köpfen zu verschränken – was man in Gombe in den vierzig Jahren, in denen die Tiere dort studiert wurden, nie beobachtet hat, obwohl Gombe nur 170 km weit entfernt liegt. Und nur wenige andere Tiere sind mit der Intensität und dem zeitlichen Ausmaß studiert worden wie Schimpansen.

Man mag solche Beispiele für zu begrenzt halten, als daß man sie "Kultur" nennen könnte. Aber es dürfte schwerfallen, diese Fülle gut dokumentierter regional unterschiedlicher Verhaltensweisen anders zu erklären. Anthropologen mögen darauf bestehen, daß Kultur per Definition reserviert sein sollte für Eigenschaften, die durch Sprache übertragen werden können – eine Beschränkung, die Kultur notwendigerweise auf Menschen begrenzt. Im Gegensatz dazu machen sich Biologen weniger Gedanken über den genauen Mechanismus der Übertragung – mit oder ohne Sprache, die Verhaltensunterschiede bei Schimpansen kann man schwerlich ignorieren. "Die Daten sind so beeindruckend," kommentiert der Primatenforscher Frans B. M. de Waal von der Emory University in Atlanta, Georgia, "daß es schwer sein dürfte, diese Affen aus dem Bereich Kultur herauszuhalten, ohne wieder einmal die Latte höher zu hängen."

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