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Naturschutz: Was ist Natur?

Wenn Wälder schwinden, Zugvögel selten werden oder der Japan-Knöterich Flussufer überwuchert, fordern Naturschützer Gegenmaßnahmen. Doch bleibt manchmal offen, inwieweit es sich um natürliche Schwankungen oder tatsächlich um eine Gefährdung handelt, die es zu bekämpfen gilt. Ein Blick in die Vergangenheit kann helfen - grundlegende Fragen aber beantwortet er nicht.
Naturschutz soll Natur schützen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn: Was ist überhaupt Natur – der Zustand heute, vor fünfhundert, tausend oder zehntausend Jahren? Was ist schützenswert – das Seltene oder das Typische? Und schließt "natürlich" den Menschen ein oder aus?

Das deutsche Bundesnaturschutzgesetz spricht von "den Standort prägenden biologischen Funktionen, Stoff- und Energieflüsse[n] sowie landschaftlichen Strukturen", die zu "erhalten, entwickeln oder wiederherzustellen" sind, ebenso wie die wild lebenden Tiere und Pflanzen und ihre Lebensgemeinschaften als Teil des Naturhaushaltes und in ihrer natürlichen und historisch gewachsenen Artenvielfalt. Es geht um nachhaltige Nutzung von Naturgütern; Wald, Hecken, Wegraine, Saumbiotope, Bachläufe oder Weiher gelten als Naturbestände, und auch historische Kulturlandschaften von besonderer Eigenart genießen Schutzanspruch – hierzulande also wird der Mensch als Teil, und nicht als Gegner gesehen. Der historische Mensch zumindest.

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Bach im Regenwald | Die tropischen Regenwälder, wie hier auf Hawaii, zählen zu den artenreichsten Regionen unseres Planeten. Unberührte Natur, seit Jahrtausenden stabil, so die verbreitete Meinung. Doch es gibt auch andere Ansichten: Kein Fleckchen gebe es mehr im Amazonasbecken, das nicht längst einmal von den dortigen Bewohnern betreten wurde. Und wahrscheinlich ist gerade die hohe Dynamik des Ökosystems über die Jahrtausende der Garant gewesen, dass wir es heute noch bestaunen dürfen.
Darauf beruht der Schutz von Streuobstwiesen, Orchideenbeständen oder Heidelandschaften – teilweise Überbleibsel einer eigentlichen Übernutzung der Natur in früheren Jahrhunderten. Bei den wild lebenden Tieren darf sich beispielsweise die Großtrappe über einen Rote-Liste-Platz freuen, die ausgerechnet in den Weiten der ostdeutschen, wohl als wenig naturnah empfundenen Kultursteppen zu DDR-Zeiten Zuflucht fand. Andere wild lebende Tiere und Pflanzen hingegen, die ebenfalls in nur geringen Zahlen und beschränkten Gebieten vorkommen, genießen keine solchen Vorrechte, weil sie schlicht noch nicht lange genug hier leben. Denn Naturschutz kann massiv fremdenfeindlich sein: Nur wer vor mehr als 500 Jahren – also vor der Entdeckung Amerikas – einreiste, wird wohlwollend beurteilt; spätere Neubesiedler hingegen ernten kritische Blicke. Und neigen sie gar zu überschwenglicher Ausbreitung, gelten sie als Gefahr für die angestammte Bevölkerung.

Dabei sind 500 Jahre schon lang – viel häufiger verlassen sich Naturschützer auf weitaus kürzere Zeiträume, wenn es darum geht, Schützenswertes zu definieren und Maßnahmen zu entwickeln. Eine Beobachtung, die Katherine Willis von der Universität Oxford und John Birks von der Universität Bergen wenig gefällt: Warum nur, so fragen sie, berücksichtigen die Forscher dieser Zunft so selten Ergebnisse ihrer Kollegen aus der Paläoökologie? Deren Untersuchungen von tierischen und pflanzlichen Überresten mindestens seit der letzten Eiszeit und noch darüber hinaus lieferten viel fundiertere Daten dazu, was natürlich ist und was nicht. Natürlich in ihrem Sinne also bedeutet, noch ohne oder nur mit wenig Mensch. Dafür aber mit einem viel umfassenderen Überblick, welche Schwankungen schon früher auftraten, um so heutige Aufs und Abs besser einschätzen zu können.

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Afrikanischer Elefant | Nicht Klima, einwandernde Konkurrenten oder Savannenbrände, sondern die Jagd auf ihr Elfenbein brachte die Afrikanischen Elefanten mancherorts an den Rand des Aussterbens. Erst rigide Schutzmaßnahmen ließen die Zahl wieder so weit ansteigen, dass sie in manchen Staaten sogar wieder geschossen werden.
Gelegentlich sorgt das für überraschende Ergebnisse. Beispiel Schilf: Am Lake Superior der nordamerikanischen Großen Seen hatten sich die Bestände rapide ausgedehnt und die angestammte Vegetation stark verändert. Ein Studie, welche die letzten 4000 Jahre überspannte, entlarvte die Pflanzen als invasive Einwanderer der letzten Jahrzehnte. Fazit für den Naturschutz, ganz klar: Das Schilf muss weg. Genetische Untersuchungen aber lieferten den Hinweis, dass es sich um eine nur dort vorkommende Variante handelt. Steckt dahinter also eine ganz natürliche Invasion?

Oder auch das Beispiel Waldbrände. Für einen Trockenwald in Kambodscha leiteten die lokalen Naturschutzbeauftragten ab, dass der Übergang vom einst geschlossenen Wald zur inzwischen offeneren, savannenartigen Landschaft durch verstärkte Brandaktivitäten des Menschen ausgelöst wurde. Also wurde die Brandrodung eingeschränkt. Eine Untersuchung der letzten 9300 Jahre offenbarte jedoch, dass heute weit weniger Feuer brennen als jemals zuvor. Der Übergang vom Wald zur Savanne dürfte vielmehr mit dem Monsun zusammenhängen, und die gelegentlichen Rodungsaktionen schützen die verbleibenden Waldinseln vielleicht sogar.

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Pollenbefunde | Anhand von Pollenanalysen ermitteln Paläoökologen, wie sich verschiedene Baumarten von ihren Refugien aus nach der Eiszeit ihre ursprünglichen Verbreitungsgebiete zurückerobert haben. Dabei spielten ganz unterschiedliche Faktoren für das Vorankommen eine Rolle.
Bleibt noch das Klima. Wohin werden sich die heutigen Verbreitungsgrenzen in Zuge der globalen Erwärmung verschieben? Wer braucht wo besonderen Schutz, um nicht ausgerottet zu werden? Auch hier helfe ein Blick in die Vergangenheit, nur: Er funktioniert nicht immer. Betrachtet man beispielsweise die Ausbreitung von Buche und Fichte nach der Eiszeit in Südskandinavien, so folgte die Fichte tatsächlich ihren klimatischen Möglichkeiten. Die Buche hingegen fand ihren Weg mit Feuer und menschlicher Unterstützung. Wer das nicht berücksichtigt, wird zu falschen Verbreitungskarten früherer Zeiten kommen und dementsprechend ungeeignete Maßnahmen ableiten.

Alles in allem also lohnt sich der Austausch mit den Paläokollegen. Doch die Krux der ganzen Diskussion um Naturschutz und "Was ist Natur?" liegt nun einmal darin, dass sich kein Zeitpunkt festlegen lässt, an dem "Natur" einmal "nur natürlich" war. Natur ist hoch dynamisch, sie hat sich über die Jahrmilliarden hinweg ständig verändert und tut es noch. Wer sie als eine Art Museumsstück betrachtet, das in einem wie auch immer gearteten Zustand festgestampft oder wiederhergestellt werden soll, missachtet das.

"Was ist schützenswert?", darf sich daher nicht allein an einer idealisierten Vergangenheitsvorstellung orientieren, sondern muss vielmehr beides im Sinn haben: bewahren und schützen, aber auch Freiraum lassen und schaffen für die ganz normale Entwicklung. Und das nicht gegen, sondern mit dem Menschen, als Gestalter und als Mitglied seiner Umwelt. Auch wenn die Folge dann mancherorts heißen kann: "Wir müssen leider draußen bleiben".
25.11.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25.11.2006

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