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News: Was Jahresringe über Erdbeben verraten

Die Stümpfe lange abgestorbener roter Zedern enthüllen neue Details über ein verheerendes Erdbeben, das mehr als 100 Jahre vor Ankunft der ersten europäischen Eroberer die nordamerikanischen Westküste erschüttert hat. Durch das Studium der Jahresringe konnte der Zusammenhang zwischen einem gewaltigem Erdbeben in Amerika und einer Springflut in Japan im Januar 1700 bewiesen werden.
Nach Ansicht zweier Forscher der University of Washington weisen Spuren in dem abgestorbenen Holz darauf hin, daß im Jahre 1700 ein verheerendes Erdbeben die Nordwestküste der USA verwüstet hat und einen Tsunami, eine Reihe gigantischer Ozeanwellen, auslöste, welche die Küsten Japans überschwemmt haben.

In der Nature-Ausgabe vom 30. Oktober berichten die Wissenschaftler, daß sie den Tod von sechs Bäumen entlang eines 60 Meilen langen Küstenabschnitts im Bundesstaat Washington durch "Ablesen" des Jahresringmusters in den Stämmen und Wurzeln der Baumstümpfe datiert haben. Der letzte Ring jedes Baumes stammt aus dem Jahre 1699. Daß keine weiteren Ringe entdeckt wurden, deutet darauf hin, daß die Bäume im Frühjahr 1700 bereits abgestorben waren.

„Wir meinen, daß dieses gewaltige Erdbeben tatsächlich stattgefunden hat," sagt David Yamaguchi, Dendrochronologe (Jahresringspezialist) an der University of Washington. Letztes Jahr meldeten japanische Wissenschaftler, daß ein Tsunami die Insel Honshu am 27. Januar 1700 verwüstet habe. Die Ursache dieses Tsunami war aller Wahrscheinlichkeit nach ein Erdbeben in der Cascadia Subduction Zone, einem 600 Meilen langen Küstengraben, der sich von British-Columbia bis Nordkalifornien erstreckt.

Aufgrund der Schwere des Tsunami schätzten die japanischen Forscher, daß es sich um ein Erdbeben der Stärke 9 handelte, obwohl Seismologen nie ein Erdbeben der Stärke 5 oder höher in der Cascadia Fault gemessen haben. Die Autoren des Nature-Artikels kommen zu dem Schluß, daß die Baumdaten „bedeuten, daß im Nordwesten der USA und im angrenzenden Kanada mit großer Wahrscheinlichkeit Erdbeben der Stärke 9 stattgefunden haben."

Der zweite Autor der Studie, Brian Atwater vom U.S. Geological Survey und Professor an der University of Washington, sagt, die neuen Zeitangaben untermauern das Argument, daß gewaltige Erdbeben dort vorkommen können, wo die Juan de Fuca Platte mit der nordamerikanischen Platte zusammenstößt. Die Cascadia Fault markiert die Grenze zwischen beiden Platten.

Im Verlauf des letzten Jahrzehnts haben Atwater und andere Forscher geologische Beweise für wiederholte Erdbeben der Stärke 8 oder mehr entlang der Cascadia Fault entdeckt. Dennoch wird über die Stärke des Erdbebens von 1700 immer noch heftig debattiert. Die Jahresring-Datierung vermag nichts zur Lösung dieses Problems beizutragen, meint Atwater. Einige Wissenschaftler haben eine maximale Stärke von 8 veranschlagt, andere eine maximale Stärke von 9,5.

In diesem Jahrhundert gab es weltweit nur eine Handvoll Erdbeben der Stärke 9. Das größte Erdbeben im pazifischen Nordwesten hatte die Stärke 7,4. Im Jahre 1872 bebte die Erde in den nördlichen Cascade-Bergen, jedoch nicht in der Cascadia Fault.

Yamaguchi vermaß die Zedernstümpfe anfänglich, um nachzuweisen, daß einige Zeit nach 1690 ein großes Erdbeben stattfand. Minze Stuiver, Forscher an der University of Washington, legte den Zeitraum des Erdbebens mit Hilfe der Radiokarbonmethode zwischen 1695 und 1710. Dies veranlaßte die japanischen Wissenschaftler vorzuschlagen, daß die Cascadia Fault wahrscheinlich der Ausgangspunkt des Tsunami von 1700 war.

Um die japanische Theorie zu testen, haben die Forscher der University of Washington die Wurzeln von einem Dutzend Zedernstümpfen im Copalis River südlich des Columbia River ausgegraben. Bei der Hälfte dieser Stümpfe blieb die Datierung ergebnislos, in den anderen sechs Baumstümpfen aber fand man Beweise, daß die Bäume vor Frühjahrsbeginn im Jahre 1700 abgestorben waren.

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