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Nahtoderfahrungen: Auf der Schwelle zum Tod

Dunkle Tunnel, außerkörperliche Erfahrungen, gleißendes Licht - Berichte über so genannte Nahtoderfahrungen faszinieren Laien wie Experten. Und sorgen im Forschungsbetrieb immer wieder für kontroverse Debatten.
Gleißender Lichtschein dringt durch sich öffnenden Türspalt in dunklen RaumLaden...

Eine trübe, schlammige Finsternis soll diesen Ort durchzogen haben – als wäre man in einer Art "schmutzigen Götterspeise" versunken. Eben Alexander war nach einem epileptischen Anfall ins Koma gefallen. Der hochrangige Neurochirurg und Harvard-Professor schien nun selbst einer Erkrankung des Gehirns zu erliegen. Die Ärzte stellten bei ihm eine besonders gefährliche Form der Hirnhautentzündung fest, seine Überlebenschancen waren gering. Während sein Körper nur noch von Schläuchen am Leben erhalten wurde, schien Alexander einen Ausflug ins Jenseits zu machen: "Zurückgesetzt in einen Zustand aus der Anfangszeit allen Lebens" habe er sich gefühlt – "so wie die primitiven Bakterien, die unwissentlich mein Gehirn übernommen und ausgeschaltet hatten." Am Ende seiner Reise soll er, umgeben von rosaweißen Wolken, sogar dem Schöpfer höchstpersönlich begegnet sein.

Alexander hatte Glück. Nach sieben Tagen erwachte er aus dem Koma. Seine ungewöhnlichen Erlebnisse brachte er zu Papier und veröffentlichte sie 2012 unter dem Titel "Proof of Heaven", im Deutschen unter dem Titel "Blick in die Ewigkeit" erhältlich. Das Erlebnis hatte aus dem nüchternen Naturwissenschaftler einen tiefgläubigen Mann gemacht.

Religiöse Erfahrungen sind häufig

Eben Alexander ist nicht der Einzige, der von derart außergewöhnlichen Eindrücken von der Schwelle zwischen Leben und Tod zu erzählen weiß. Seit 1975 haben Forscher weltweit mehr als 3500 Fälle ausgewertet. Nahtoderfahrungen treten vor allem nach lebensgefährlichen Zwischenfällen wie etwa Herzinfarkten, Schädel-Hirn-Traumata oder schweren Schockzuständen auf. Etwa jeder zehnte Betroffene berichtet von derartigen Erlebnissen. Wie diese genau zu Stande kommen, ist allerdings nach wie vor umstritten – immer wieder werden Nahtoderfahrungen zum Gegenstand wilder Spekulationen.

Eine wissenschaftliche Einordnung fällt schon allein deshalb schwer, weil sich die Erlebnisberichte teils stark unterscheiden. Etwa ein Drittel der Betroffenen erinnert sich an so genannte außerkörperliche Erfahrungen, bei denen sich das Ich vom eigenen Körper zu trennen und durch den Raum zu schweben schien. Andere erzählen davon, dass ihr Leben sprichwörtlich noch einmal an ihnen vorübergezogen sei. In etwa einem Viertel der Erzählungen tauchen Visionen von einem "dunklen Tunnel" auf, oft mit einem gleißenden Licht an seinem Ende. Verbreitet sind auch spirituelle Erscheinungen. Diese spiegeln meist die eigenen religiösen Überzeugungen wider: Hindus erscheint häufig der Todesgott Yama, während Christen eher von paradiesischen Begegnungen mit Jesus erzählen – in einigen Fällen aber auch von Furcht einflößenden Höllenfahrten. Nahtoderfahrungen der Kaliai, einer kleinen Volksgruppe auf Papua-Neuguinea, beinhalten gelegentlich sogar Fabriken, Flugzeuge und Autobahnen – ganz im Einklang mit dortigen Jenseitsvorstellungen.

Mehr als nur ein Drogenrausch

Nahtoderfahrungen sind bereits aus dem Altertum überliefert. Doch erst seit den 1970er Jahren versuchen Forscher, das Phänomen systematisch zu erfassen. Zunächst tat man die Erlebnisberichte als eher trivial ab – sie seien frei erfunden, im besten Fall eine Nebenwirkung bestimmter Arzneimittel. Ganz falsch ist diese Annahme nicht. Einige Medikamente aus der Notfallmedizin können eindrucksvolle Halluzinationen verursachen, so zum Beispiel Ketamin. Das Narkosemittel kann psychedelische Körper- und Bewusstseinszustände auslösen, die einer Nahtoderfahrung ähneln – selbst dann, wenn überhaupt keine Lebensgefahr vorliegt. Naloxon, ein beliebtes Opiat-Gegengift, soll wiederum für die "höllischen" Visionen verantwortlich sein, die Intensivpatienten zuweilen heimsuchen. Obwohl diese Arzneimittel durchaus eine Rolle spielen, greift die Erklärung zu kurz: Nicht wenige Nahtoderfahrungen kamen auch völlig ohne zugeführte Substanzen zu Stande.

"Es gibt keinerlei dokumentierte Fälle, in denen ein Nahtoderlebnis zu exakt der Zeit stattgefunden hätte, in der das EEG eine flache Kurve aufwies"
(Jason Braithwaite)

Bei vielen medizinischen Notfällen kommt es zu einem massiven Blutdruckabfall – das Gehirn kann nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Möglicherweise liegt genau hier der Schlüssel zur Erklärung der Nahtoderlebnisse. Lakhmir Chawla von der George Washington University stellte 2009 eine bemerkenswerte Fallstudie vor. Der Narkosearzt dokumentierte die Vitalwerte von sieben schwer kranken Patienten, während die lebenserhaltenden Maschinen endgültig abgeschaltet wurden. Je stärker der Blutdruck absank, desto schwächer wurde auch die EEG-Aktivität in der frontalen Hirnrinde, was für eine immer tiefere Bewusstlosigkeit spricht. Doch als der Blutdruck schon nicht mehr messbar war, kam es bei allen Patienten vor dem Tod noch einmal zu einem steilen Anstieg der hirnelektrischen Aktivität. In einem Zeitfenster von maximal drei Minuten hatten die Patienten ein EEG-Signal, das so stark wie bei Menschen mit normalem Bewusstsein war. Vermutlich ist ebenjene Spitze auch für die Nahtoderlebnisse verantwortlich, von der Überlebende eines medizinischen Notfalls berichten.

Andere Untersuchungen geben Aufschluss darüber, welche Hirnstrukturen an dem Phänomen beteiligt sein könnten. Unregelmäßigkeiten im Hippocampus könnten einen Flashback hervorrufen, der wie eine Rückschau auf das eigene Leben erscheint. Der temporoparietale Übergang (temporal parietal juncture, TPJ), der Knotenpunkt zwischen Schläfen- und Scheitellappen, ist wahrscheinlich für die intensiven körperlichen Empfindungen verantwortlich: Eine Reizung dieses Areals führt selbst bei gesunden Probanden zu außerkörperlichen Erfahrungen.

Einige Forscher erachten den Sauerstoffverlust im Hirn als zentral für die Nahtoderlebnisse. Für diese Sichtweise spricht auch ein Experiment des Berliner Neurologen Thomas Lempert, das allerdings nicht gerade zum Nachahmen einlädt: Seine 42 Probanden sollten stark hyperventilieren und danach das so genannte Valsalva-Manöver ausführen. Dabei verschließt man Mund und Nase und versucht gleichzeitig, kräftig auszuatmen. Die Folge: Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff und eine zeitweilige Bewusstlosigkeit. Als seine Versuchspersonen wieder erwachten, schilderten sie ungewöhnliche Eindrücke, die einer Nahtoderfahrung sehr ähnlich waren: helles Licht, außerkörperliche Erlebnisse, das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Einer der Probanden fasste sein Empfinden so zusammen: "Ich dachte, wenn ich genau in diesem Moment sterben müsste, würde ich das bereitwillig akzeptieren."

Forscher mit Hang zum Paranormalen

Laut der britischen Psychologin Susan Blackmore ist nicht der Sauerstoffmangel im Gehirn für die Nahtoderfahrungen verantwortlich, sondern die daraus folgende kortikale Enthemmung. "Da viele Zellen im visuellen Kortex das Zentrum des Sichtfelds abdecken und nur wenige das Randgebiet, hätte eine zufällige Reizung ein helles Licht zur Folge, das zum Rand hin immer dunkler wird – oder, anders gesagt, einen Tunnel", schreibt die Forscherin mit Verweis auf das typische Nahtodphänomen.

Laut Blackmore spiegeln diese Erlebnisse die finale Tätigkeit des "sterbenden Gehirns" wider. Sie könnten dabei helfen, die Angst vor dem Sterben zu nehmen und den Tod als normalen Bestandteil allen Lebens zu akzeptieren. Die Forscherin hatte in jüngeren Jahren selbst eine intensive außerkörperliche Erfahrung, die sie von der Existenz übersinnlicher Phänomene überzeugte. Inzwischen hat sie jedoch die Lager gewechselt und gehört der Skeptikerbewegung an. Die vermeintlich paranormalen Erscheinungen erklärt sich Blackmore durch Wunschdenken, Selbstbetrug und mangelnde wissenschaftliche Sorgfalt.

Aber nicht alle ihrer Forscherkollegen teilen diese Einschätzung. Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel sieht in Nahtoderfahrungen einen Nachweis dafür, dass der Geist auch unabhängig vom Gehirn existieren könne. Im Jahr 2001 machte van Lommel mit einer aufwändigen, in der Fachzeitschrift "Lancet" veröffentlichten Untersuchung von sich reden. Er wertete die Daten von knapp 350 Patienten aus, die nach einem vollständigen Herz-Kreislauf-Stillstand wiederbelebt werden konnten. Etwa 18 Prozent hatten bewusste Erinnerungen an die Operation, und 12 Prozent berichteten von einer eindeutigen Nahtoderfahrung.

Doch während er bei der Durchführung der Studie sehr sorgfältig vorging, gerät sein Fazit eher kühn. "Das Konzept, dass Bewusstsein und Erinnerungen im Gehirn zu verorten sind, sollte diskutiert werden", schreibt van Lommel. Er fragt sich, wie außerkörperliches Erleben möglich sein soll zu einem Zeitpunkt, an dem das Gehirn der Patienten eine flache EEG-Kurve aufweise – und wendet sich gegen die Grundannahme der Neurowissenschaften, dass es ohne neuronale Aktivität auch kein bewusstes Erleben geben könne. Allerdings hatte van Lommel für seine eigene Studie überhaupt keine systematischen EEG-Daten erhoben. Sonstige Berichte, nach denen Patienten auch ohne neuronale Aktivität bei Bewusstsein gewesen sein sollen, sind rein anekdotisch. "Es gibt keinerlei dokumentierte Fälle, in denen ein Nahtoderlebnis zu exakt der Zeit stattgefunden hätte, in der das EEG eine flache Kurve aufwies", resümiert der britische Hirnforscher und Skeptiker Jason Braithwaite. Dazu komme, dass ein flaches EEG nicht in jedem Fall für einen vollständigen Arbeitsstopp des Gehirns stehe – die Vorgänge in tiefer gelegenen Hirnstrukturen würden durch die Apparatur nicht immer erfasst, so Braithwaite.

Was sieht der wandernde Geist?

Auch andere Versuche, die Übersinnlichkeit von typischen Nahtodphänomenen empirisch nachzuweisen, scheiterten. Der britische Kardiologe Sam Parnia versuchte, in der 2014 veröffentlichten AWARE-Studie einen Beleg für bewusste Wahrnehmungsinhalte außerhalb des eigenen Körpers zu finden. Dazu ließ er in Hunderten von Krankenhauszimmern Bilder in Deckennähe aufhängen – jeweils so, dass man sie aus der Perspektive des Krankenbetts nicht sehen konnte. Die Idee: Wenn der menschliche Geist während eines Kreislaufstillstands wirklich durch die Gegend schweben würde, müsste er auch die versteckten Bilder sehen können. 140 Interviews führte er gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe durch. Doch nur in einem einzigen Fall konnten die Forscher die Erinnerungen des Patienten objektiv bestätigen – offenbar hatte er das Geräusch des Defibrillators beschrieben. An etwaige Bilder in Deckenhöhe konnte aber auch er sich nicht erinnern.

"Das Konzept, dass Bewusstsein und Erinnerungen im Gehirn zu verorten sind, sollte diskutiert werden"
(Pim van Lommel)

Trotz dieser groß angelegten Versuche gibt es nach wie vor keinen Hinweis dafür, dass Nahtoderlebnisse aus dem Bereich des Paranormalen stammen. Weder kann mit diesen subjektiven Erlebnisberichten ein Leben nach dem Tod belegt werden noch eine Unabhängigkeit von Körper und Geist. Dennoch scheint von dem Thema eine ungebrochene Faszination auszugehen. Eben Alexander, der eingangs erwähnte Neurochirurg, konnte die Geschichte seiner himmlischen Nahtoderfahrung in Millionenauflage verkaufen. Dass die Erzählung einige Ungereimtheiten aufweist und seine behandelnden Ärzte der Schilderung teils vehement widersprechen, wird dabei schon fast zur Nebensächlichkeit. Die Neugier auf das, was während unserer letzten Atemzüge passiert, ist weiterhin groß – auch die unzähligen dokumentierten Nahtoderlebnisse geben nur einen vagen Hinweis darauf. Was genau wir in diesem Augenblick erleben, lässt sich wohl kaum wissenschaftlich erfassen: Wer es erfährt, kann davon nicht mehr berichten.

44/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44/2016

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