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Amoklauf: Was tun gegen die Angst vor Terroranschlägen?

Wir müssen lernen, Risiken besser einzuschätzen, sagt Gerd Gigerenzer. Der Psychologe und Max-Planck-Direktor erklärt im Interview, warum jeder Attentäter zweimal zuschlägt – und was gegen den zweiten Schlag hilft.
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Spektrum.de: Herr Professor Gigerenzer, Sie haben im Juni auf einer Diskussionsveranstaltung geurteilt, dass es nicht sinnvoll ist, vor Terror in Deutschland Angst zu haben. Es habe schließlich noch nicht einen einzigen islamistisch motivierten Terroranschlag gegeben. Wie bewerten Sie die Situation nach dem Anschlag von Ansbach?

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer: In Deutschland haben wir bisher das Glück gehabt, vom islamischen Terrorismus weitgehend verschont zu bleiben, anders als etwa die Menschen in Frankreich, Großbritannien und Spanien. Der Täter von Ansbach war anscheinend psychisch gestört und hatte bereits zwei Selbstmordversuche und eine fehlgeschlagene Therapie hinter sich. Auch nach diesem Anschlag ist in Deutschland das Risiko sehr gering, durch einen islamisch motivierten Terroranschlag ums Leben zu kommen – trotz der breiten Verunsicherung. Bisher haben in Deutschland nur zwei Menschen, beide US-Soldaten, ihr Leben bei einem islamistischen Anschlag verloren, im März 2011. Ich habe eher Angst davor, dass mir ein Autofahrer ungebremst in den eigenen Wagen rast, weil er gerade am Steuer Textbotschaften liest oder gar tippt. Etwa 500 Deutsche werden jedes Jahr von abgelenkten Fahrern getötet; das Risiko ist hier also viel höher. Der islamische Terrorismus hat freilich eine andere emotionale Qualität. Hier töten Menschen absichtlich und nicht fahrlässig.

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Gerd Gigerenzer | Gerd Gigerenzer ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin sowie des 2009 in Berlin gegründeten Harding-Zentrums für Risikokompetenz. Zu seinen Forschungsinteressen gehören Risikokompetenz und Risikokommunikation sowie Entscheidungen unter Unsicherheit und begrenzter Zeit.

Welchen Einfluss haben die Medien daran, dass wir Risiken falsch einschätzen?

Je mehr und detaillierter über einen Terroranschlag oder Amoklauf berichtet wird, desto höher schätzen die Menschen die Gefahr ein. Zugleich führen detaillierte Meldungen über Täter zu Nachahmern, genauso wie Meldungen über Selbstmorde zu mehr Selbstmorden führen. Der Amokläufer in München etwa hatte den Ort des Amoklaufs von Winnenden besucht und seine Tat zum Jahrestag des Massakers von Olso und Utøya geplant. Die Medien könnten durchaus besser darüber informieren, was uns und unsere Kinder in den nächsten zehn Jahren am wahrscheinlichsten umbringt. Damit würden sie helfen, das Risiko des Terrorismus für das eigene Leben besser einzuordnen.

Wie sollten speziell die Nachrichtenmedien über einen Anschlag wie denjenigen von Ansbach berichten, um keine Ängste in der Gesellschaft zu schüren, die vielleicht in noch gefährlicheres Vermeidungsverhalten münden?

Kein Foto des Täters, kein Name, kaum Details über sein Leben – um Nachahmern den Boden zu entziehen und es zu erschweren, dass der Täter von radikalen Gruppen als Held gefeiert wird und der Ablauf der Tat zum Vorbild wird. Sie sollten über die Opfer berichten und jene Menschen, die ihr eigenes Leben auf das Spiel setzen, um andere zu retten: die wirklichen Helden.

In der Politik werden jetzt Überlegungen nach Einsätzen der Bundeswehr im Innern oder der Schaffung einer Reservistentruppe nach Vorbild der amerikanischen Nationalgarde laut. Würde so etwas die Ängste in der Gesellschaft reduzieren?

Wir denken viel darüber nach, wie man Anschläge verhindern könnte. Die Idee der Reservistentruppen ist ein solcher Vorschlag. Wir vergessen dabei, dass Terroristen zweimal zuschlagen: einmal mit Gewalt, und dann nochmals mit Hilfe unseres Gehirns, unserer Angst. Ein klassisches Beispiel sind die Anschläge vom 11. September 2001 mit vier entführten Flugzeugen. Dabei sind etwa 3000 Menschen umgekommen, das war der Erstschlag. Nachher verloren nochmals geschätzt 1600 Menschen ihr Leben, weil sie aus Angst nicht mehr geflogen sind und dann im Auto auf den Straßen tödlich verunglückten. Den Zweitschlag könnte man leichter verhindern als den Erstschlag: etwa durch Förderung der Risikokompetenz der Menschen. Das heißt, dass mehr Menschen lernen, informiert statt verängstigt mit Gefahren umzugehen.

"Wir sollten Terroristen nicht die Steuerung unseres Fühlens und Verhaltens überlassen, sondern die Fernbedienung für unsere Emotionen wieder selbst in die Hand nehmen"

Fördert mehr Polizeipräsenz in der Öffentlichkeit unser Sicherheitsempfinden oder gerade eher die Angst?

Eine verängstigte Bevölkerung wird durch die Anwesenheit von Polizeibeamten beruhigt. Die anderen werden durch ein großes Polizeiaufgebot eher beunruhigt.

Wie verändert sich unser Denken, Fühlen und Verhalten nach Ereignissen wie dem Amoklauf von München und dem Selbstmordattentat von Ansbach?

Umfragen zeigen, dass bereits 70 Prozent der Deutschen große Angst vor Terrorismus haben. Die Schweizer kaufen sich mehr Schusswaffen, und die dortige Waffenlobby fordert: "Schweizer, bewaffnet euch!" In den USA, wo man gerade die Angst vor Terror für den Wahlkampf anheizt, wie schon einmal bei der Wahl von George W. Bush, sind bereits so viele Schusswaffen in privaten Händen wie es Einwohner gibt. Doch Pistolen unter den Kopfkissen schaffen keine Sicherheit. In den USA wurden im Jahr 2015 mehr Menschen von Kleinkindern erschossen als von Terroristen – Kleinkinder, die mit der Waffe ihrer Eltern herumspielten. In Frankreich haben einige Schulen aus Angst vor Terrorismus den Kindern das Rauchen im Schulbereich erlaubt, damit sie nicht auf der Straße gehen müssen. Die Gefahr, durch Rauchen frühzeitig ums Leben zu kommen ist jedoch viel höher, als durch einen Anschlag, auch in Frankreich. Wir sollten Terroristen nicht die Steuerung unseres Fühlens und Verhaltens überlassen, sondern die Fernbedienung für unsere Emotionen wieder selbst in die Hand nehmen.

Aus Ihrer eigenen Forschung heraus fordern Sie regelmäßig mehr Expertise bei der Einschätzung von Risiken. Ist dies das beste Rezept gegen Angst?

Risikokompetenz sollten schon unsere Kinder in der Schule lernen. Dazu gehört zu verstehen, dass es kein Nullrisiko gibt, wie man kritisch denken lernt und Meinungen und Statistiken hinterfragt und wie man mit der eigenen Angst besser umgehen kann. Es wird Zeit, Risikokompetenz zum festen Teil unserer Bildung zu machen. Dabei wäre der Umgang mit Gefahren und Chancen für junge Menschen spannender und nützlicher als manch anderes Wissen.

Macht jemand etwas falsch, der Konzerte, Bahnhöfe und andere Orte mit großen Menschenansammlungen derzeit lieber meidet?

Das Ziel des islamischen Terrors sind nicht die unglücklichen Menschen, die ein Anschlag zufällig trifft, sondern es geht darum, unsere Gesellschaft zu destabilisieren. Das Mittel dazu ist unsere Angst. Wenn wir uns einschüchtern lassen, dann werden wir eine Gesellschaft schaffen, die jedem Fremden mit Argwohn begegnet und deren Lebensblut das Misstrauen ist. Und am Ende haben wir vor lauter Furcht auch noch unsere demokratischen Freiheiten einem Überwachungsstaat geopfert. Konzerte meiden? Ich selbst besuche Konzerte und Veranstaltungen mit der gleichen Freude wie eh und je. Und falls Sie Angst haben, dann fassen Sie vielleicht etwas Mut. Mut kann man ja nur zeigen, wenn man zuerst Angst hat.

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