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Evolution: Weibliche Rentiere nutzen ihr Geweih als Snack nach der Geburt

Warum tragen weibliche Rentiere ein Geweih? Möglicherweise dient es als energiereiche Nahrung in einer herausfordernden Zeit – und sichert so ihr Überleben.
Eine Gruppe von Rentieren steht auf einer herbstlichen Wiese in einer offenen Landschaft. Im Hintergrund ist ein ruhiger See zu sehen, der von sanften Hügeln umgeben ist. Die Rentiere blicken in verschiedene Richtungen, während die tiefstehende Sonne die Szene in warmes Licht taucht.
Das Ren ist eine Säugetierart aus der Familie der Hirsche und lebt vor allem in nordischen Gefilden.

Rentiere und ihre in Nordamerika heimischen Verwandten, die Karibus, sind die einzigen Hirsche, deren Weibchen ein Geweih tragen. Weshalb das so ist, ist bis heute ein Rätsel, um das sich viele Theorien ranken. In einer kürzlich veröffentlichten Studie beobachteten Forscher nun ein Verhalten, das möglicherweise erklärt, warum dies so ist: Weibliche Rentiere scheinen an abgeworfenen Geweihen zu nagen, um sich nach der Geburt zu ernähren.

Rentiere (Rangifer tarandus) wandern jedes Jahr über weite Strecken zwischen den Orten, an denen sie im Winter grasen, und den Gebieten, in denen sie im Frühjahr ihre Kälber zur Welt bringen. Sie können pro Jahr Tausende von Kilometern zurücklegen und haben wahrscheinlich die längste Landwanderung aller Tiere. Rentiermütter absolvieren diese extrem langen Wanderungen mit einem Geweih auf dem Kopf und einem Kalb im Bauch. Diese Zeit ist für sie ernährungsphysiologisch sehr anspruchsvoll. Eine Lösung für dieses Problem könnte der Verzehr des nährstoffreichen Geweihs sein.

Das Forschungsteam fand Bissspuren an mehr als 80 Prozent der 1500 Geweihe, die in dem Teil des Arctic National Wildlife Refuge im Nordosten Alaskas verstreut lagen, wo die Hirsche ihre Jungen zur Welt bringen. »Die Tiere scheinen tatsächlich nur an den Geweihen zu nagen. Sie sind sehr wählerisch«, sagt Joshua Miller, Paläoökologe an der University of Cincinnati und einer der Studienautoren.

Weibliche Rentiere werfen ihre Geweihe wenige Tage vor der Geburt ab. Laut Miller und seiner Co-Autorin Madison Gaetano, ebenfalls Paläobiologin, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Hirsche vor der Geburt Nährstoffe darin speichern und dann an ihrem frisch abgeworfenen Geweih nagen, um einen Schub an Proteinen, Kalzium und Phosphor zu erhalten. Sie benötigen diese Nahrungsergänzungsmittel, um die geringere Zeit zum Grasen während der Aufzucht ihrer Kälber auszugleichen. »Es handelt sich um Minerale, die ihnen genau dann zur Verfügung stehen, wenn sie sie brauchen. Im Vergleich zu herkömmlichen Futterquellen ist das eine sehr effizient verwertbare Ressource«, erklärt Gaetano.

Daneben gibt es noch andere Theorien, wieso weibliche Rentiere ein Geweih ausbilden. Eine davon lautet, dass diese knöchernen Auswüchse die Weibchen jungen männlichen Tieren ähneln lassen und ihnen so helfen, Aggressionen älterer Männchen zu vermeiden. Eine weitere ist, dass sie das Geweih als persönlichen Verteidigungsmechanismus gegen Raubtiere nutzen. »Aber die Geweihe der Weibchen liegen insgesamt deutlich länger auf dem Boden, als sie jemals am Körper des Tieres waren, von dem sie stammen«, sagt Gaetano.

Danielle Fraser, Paläoökologin am Canadian Museum of Nature, die nicht an der Studie beteiligt war, sagt: »Es ist möglich, dass die Verwendung des Geweihs der Weibchen als Nahrung einer der Gründe für seine Existenz ist.« Es könne aber auch mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen.

Zumindest zeige die Studie, erläutert Gaetano, dass Geweihe viel mehr sein könnten als nur Ziergegenstände oder Kampfwerkzeuge – womöglich tragen sie eben auch dazu bei, junge Rentierfamilien am Leben zu erhalten. »Ich halte es für höchst interessant, wie kreativ Tiere darin sind, ihren Nährstoffbedarf zu decken«, sagt sie.

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  • Quellen
Gaetano, M. et al., Ecology and Evolution 10.1002/ece3.72444, 2026

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