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Paläoanthropologie: Weit gereist

Als der Neandertaler noch über Europa herrschte, markierte das usbekische Teshik Tash die östliche Grenze seines Reiches - nie wurden seine Überreste jenseits dieses Gebiets gefunden. Waren die Gebirgszüge des heutigen Usbekistans eine unüberwindbare Barriere für Homo neanderthalensis?
Neandertalerskelett
Einsam liegt das Grab des neunjährigen Jungen in 1600 Metern Höhe. In einer Höhle inmitten des zerklüfteten Gissar-Gebirges im heutigen Usbekistan fand er seine letzte Ruhestätte – eingerahmt von sechs fein säuberlich angeordneten Knochenpaaren aus dem Inneren sibirischer Steinbockhörner, die mit der Spitze nach unten im Kreis um seinen Schädel lagen. Für kurze Zeit hatte neben dem kleinen Körper noch ein Feuer gebrannt. Danach war es still geworden um den Jungen aus dem Paläolithikum – für vielleicht 38 000 Jahre.

Ansicht eines Neandertalers | Während einer Wärmeperiode hat sich der Neandertaler vermutlich bis nach Sibirien vorgewagt.
Im Jahr 1938 brachten Wissenschaftler seine Überreste dann wieder ans Tageslicht. Neben dem Schädel stießen sie auf mehrere Knochen, darunter einen Halswirbel, die Schlüsselbeine und einen Oberschenkel. Vollständig bergen konnten sie das Skelett allerdings nicht – eine Hyäne oder ein anderes Raubtier war ihnen wohl zuvorgekommen und hatte die Grabstätte durchwühlt. Die Forscher waren dennoch elektrisiert: Trotz seines noch geringen Alters, war der Junge schon so weit herangereift, dass sich bereits einige typische anatomische Merkmale entwickelt hatten. Ihre Analyse ließ nur einen Schluss zu: Der Junge war ein Neandertaler.

Hart an der Grenze

Seitdem firmiert er in den Fachkreisen der Paläoanthropologen als Junge von Teshik Tash, benannt nach seinem Fundort. Allein das mystische Bestattungsritual hätte wohl schon ausgereicht, um die Wissenschaftler zu entzücken. Doch der Fund lieferte zudem noch ein Indiz dafür, dass Homo neanderthalensis auch in isolierten Extremlebensräume wie der unwirtlichen Berglandschaft Usbekistans heimisch war.

Zugleich repräsentiert der Junge von Teshik Tash auch die Ostgrenze des bekannten Verbreitungsgebietes des Neandertalers – wenngleich es schwer fällt, eine solche Grenze zu ziehen. Tatsächlich tauchten auch jenseits von Teshik Tash immer wieder fossile Überreste menschlichen Ursprungs auf. Diese sind allerdings meist nur unvollständig erhalten, weshalb eine eindeutige Identifizierung, die allein auf anatomischen Untersuchungen basiert, kaum möglich ist.

Anthropologie geht auf die Knochen

Verbreitung des Neandertalers | Hominidenfossilien von zwei Orten in Asien (schwarze Punkte) erwiesen sich nun als genetisch identisch mit 13 Neandertalerfunden in Europa (schwarze Kreise). Das bisher vermutete Verbreitungsgebiet des Neandertalers (dunkelgraue Schattierung) muss deshalb 2000 Kilometer nach Osten erweitert werden (hellgrau).
Einen Ausweg liefern genetische Untersuchungen. Deshalb prüften Forscher um Svante Pääbo und Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die genetische Verwandtschaft europäischer Neandertaler mit Hominiden aus Asien, darunter auch des Jungen von Tekish Tash. Ebenfalls im Fokus: ein umstrittener Fund aus der Okladnikov-Höhle im Altai-Gebirge Südsibiriens, wo die Überreste eines erwachsenen Mannes geborgen worden waren.

Der linke Oberschenkelknochen des usbekischen Jungen sowie Oberarm- und Fingerknochen der Hominiden aus der Okladnikov-Höhle lieferten eine nur etwa 200 Milligramm leichte Probe, aus der die Wissenschaftler zunächst die Mitochondrien-DNA (mtDNA) gewannen. Mitochondrien verfügen über ein eigenes Erbgut, das nur über die Mutter weitervererbt wird. Einmal sequenziert, eignet sich die mtDNA daher besonders gut, um die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Hominiden zu rekonstruieren.

Nur auf der Durchreise?

Ein Vergleich mit 13 bereits entzifferten europäischen mtDNAs zeigten beim Jungen von Teshik Tash viele Übereinstimmungen mit dem Erbgut der Neandertaler aus Europa – ebenso wie bei dem Erwachsenen aus der Okladnikov-Höhle. Hatten sich die Neandertaler etwa doch weiter vorgewagt als bislang angenommen? Das genetische Material beider Funde ähnelte den europäischen mtDNAs jedenfalls so stark, dass die Neandertaler nicht lange voneinander getrennt gelebt haben konnten, argumentieren die Forscher.

Fossiler Knochenfund | Eine genetische Untersuchung von Knochen aus der Okladnikov-Höhle (Abb.) liefert Hinweise darauf, dass der Neandertaler bis Sibirien vorstieß.
Die Reise nach Osten war für den Neandertaler in Teshik Tash jedenfalls wohl noch nicht zu Ende: Der usbekische Junge stand seinen europäischen Artgenossen wesentlich näher als der viel weiter im Osten gefundene sibirische Verwandte. H. neanderthalensis könnte die russische Ebene wohl während einer Wärmeperiode vor 125 000 Jahren besiedelt haben. Die Grenze seines Verbreitungsgebietes muss daher wohl um etwa 2000 Kilometer weiter nach Osten verschoben werden als bisher gedacht – weitere Korrekturen nicht ausgeschlossen. Denn die Forscher um Pääbo vermuten bereits, dass der Neandertaler auch in Sibirien nur auf der Durchreise war. Mögliches Ziel: China oder die Mongolei.

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