Prägende Beziehungen: Die wahren Wurzeln des Bindungsstils

Wir kommen schreiend und verletzlich zur Welt und sind völlig abhängig von erwachsenen Bezugspersonen, die uns beschützen und uns beibringen, wie wir mit anderen in Verbindung treten können. Diese frühesten Beziehungen beeinflussen bis ins Erwachsenenalter hinein, wie wir die Welt sehen und wie wir uns anderen gegenüber verhalten. Allerdings auf komplexere und differenziertere Weise, als es Forschende bislang vermutet haben.
Eine 2025 veröffentlichte Langzeitstudie hat über Jahrzehnte untersucht, wie die Qualität der Beziehungen von Kindern zu ihren Eltern sowie zu eng befreundeten Gleichaltrigen ihre Beziehungen im Erwachsenenalter beeinflusst.
Das Ergebnis: Insbesondere die frühe Dynamik zwischen Mutter und Kind sagte den zukünftigen Bindungsstil aller wichtigen Beziehungen im Leben der Teilnehmer voraus: zu Eltern, besten Freunden und Liebespartnern. »Menschen, die sich ihrer Mutter in der Kindheit näher fühlten und weniger Konflikte mit ihr hatten, erlebten all ihre Beziehungen im Erwachsenenalter als sicherer«, sagt Keely Dugan, Psychologin an der University of Missouri und Autorin der Studie, die im Fachjournal »Journal of Personality and Social Psychology« veröffentlicht wurde. »Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, denn es zeigt, welchen dauerhaften Einfluss die erste Person hat, die für einen da sein sollte.«
Freundschaften lehren Geben und Nehmen
Doch auch frühe Kindheitsfreunde spielen eine wichtige Rolle dabei, wie Menschen spätere enge Freundschaften und Liebesbeziehungen angehen. »Durch die ersten Freundschaften in der Schule übt man sich im Geben und Nehmen«, erklärt Dugan. »Die Beziehungen im Erwachsenenalter spiegeln dann diese Dynamik wider.«
Die Idee, dass die ersten Beziehungen einen großen Einfluss auf unser Leben haben, wurde in der Psychologie durch Sigmund Freud (1856–1939) bekannt. Der britische Psychiater John Bowlby (1907–1990) hat später einige Kernelemente Freuds in seine Bindungstheorie aufgenommen. Sie soll dazu beitragen, Unterschiede in der Art und Weise zu erklären, wie Menschen sich in engen Beziehungen verhalten. »Manche Menschen fühlen sich wohl dabei, sich auf andere zu verlassen, sich ihnen zu öffnen und sie als sichere Basis zu nutzen, während es anderen an diesem Vertrauen mangelt«, sagt Chris Fraley, Professor für Psychologie an der University of Illinois in Urbana-Champaign, der ebenfalls an der Studie beteiligt war.
Zwischen Bindungsangst und Bindungsvermeidung
Forschende definieren Bindungsstile heute dadurch, wie stark die beiden Dimensionen Angst und Vermeidung bei Menschen vorhanden sind. Und genau das hängt von den Erfahrungen mit frühen Bezugspersonen ab. Das Merkmal Bindungsangst misst das Vertrauen in die Verlässlichkeit von Personen, die einem nahestehen: Menschen mit hoher Bindungsangst fürchten sich oft sehr davor, verlassen zu werden, und sehnen sich nach Sicherheit. Der Faktor Bindungsvermeidung erfasst, wie leicht es einem fällt, sich anderen zu öffnen. Menschen mit hohen Werten glauben zum Beispiel, dass man sich auf andere nicht verlassen und ihnen nicht vertrauen kann. Sie vermeiden es, um Hilfe oder emotionale Unterstützung zu bitten, selbst wenn sie diese benötigen. Eine Beziehung mit hoher Bindungsangst, -vermeidung oder beidem definieren Psychologen als unsicher. Sind Bindungsangst und Bindungsvermeidung hingegen beide gering ausgeprägt, gilt sie als sicher. »Man fühlt sich wohl und der anderen Person nahe. Man vertraut darauf, dass sie für einen da ist, und fühlt sich unterstützt«, so Dugan.
»Menschen, die sich ihrer Mutter in der Kindheit näher fühlten und weniger Konflikte mit ihr hatten, erlebten all ihre Beziehungen im Erwachsenenalter als sicherer«Keely Dugan, Psychologin
Genau zu untersuchen, wie frühe Beziehungen den Bindungsstil prägen, ist jedoch knifflig. Zum einen können Kindheitserzählungen durch Erinnerungslücken sowie emotionale und kognitive Verzerrungen verfälscht sein. Zum anderen ermöglichen Längsschnittuntersuchungen keine sicheren Rückschlüsse auf die Ursache. Forschende versuchen zwar, viele weitere Faktoren zu erfassen und deren Wirkung herauszurechnen. Aber es ist nicht auszuschließen, dass nicht miterhobene Aspekte einen Einfluss haben. Zudem haben sich die wenigen Studien, die den Zusammenhang erfasst haben, laut Keely Dugan fast ausschließlich auf eine einzige Beziehung konzentriert: die zur Mutter.
Was die Beziehungsfähigkeit formt
Um besser zu verstehen, wie sich frühe Beziehungen zu einer Vielzahl an Menschen auf den Bindungsstil auswirken, griffen Dugan, Fraley und ihre Kollegen auf eine bedeutende Längsschnittstudie aus den 1990er-Jahren zurück. Diese hatte gezeigt, wie wichtig frühe Erfahrungen mit Bezugspersonen für unsere soziale Entwicklung sind. An der damaligen Studie hatten mehr als 1300 Kinder und deren Familien aus verschiedenen Regionen der USA teilgenommen. Die Forschenden begleiteten die Kinder von der Säuglingszeit bis zum Alter von 15 Jahren. Sobald sie sprechen konnten, gaben die Kinder – anhand altersgerechter Fragen – über die Qualität ihrer Beziehungen zu ihrem Vater, ihrer Mutter und den besten Freunden Auskunft. Auch die primäre Bezugsperson – meist die Mutter – füllte Fragebögen aus und wurde im Umgang mit ihrem Kind beobachtet.
Mehr als 700 der ursprünglichen Teilnehmer machten dann im Zeitraum von 2018 bis 2022 bei einer Folgestudie von Dugan und ihren Kollegen mit. Die Probanden waren mittlerweile zwischen 26 und 31 Jahre alt. Sie beantworteten Fragen über die aktuellen Beziehungen zu ihren Eltern, besten Freunden und Partnern.
Die Wissenschaftler entdeckten bei der Analyse der Daten mehrere bedeutsame Muster. Erstens: Die Beziehung einer Person zu ihrer Mutter bildete in der Regel die Grundlage für ihren allgemeinen Bindungsstil und prägte auch das spätere Verhältnis zu Freunden, Partnern und dem Vater. Beispielsweise neigten Menschen, die mehr Streit mit ihrer Mutter hatten und ihr weniger nahestanden, dazu, sich in ihren Beziehungen als Erwachsene unsicherer zu fühlen. Das galt ebenso dann, wenn die Mutter als streng beschrieben wurde und in der Kindheit und Jugend wenig Wärme gezeigt hatte.
»Man kann sehr wohl eine nicht so gute Beziehung zu seinen Eltern haben und trotzdem im Erwachsenenalter eine sichere und gesunde Bindung zu einem engen Freund oder Partner entwickeln«Keely Dugan, Psychologin
Zweitens: Zwischen der Beziehung zum Vater und dem eigenen späteren Bindungsstil zeigte sich kein wesentlicher Zusammenhang – möglicherweise, weil die meisten Probanden ihre Mutter als ihre primäre Bezugsperson bezeichneten. »Die erste Untersuchung dieser Kohorte fand 1991 statt. Obwohl die Hauptlast der Kinderbetreuung nach wie vor bei den Müttern liegt, waren die Väter damals im Schnitt noch weniger als heute beteiligt«, sagt Dugan. »In Fällen, in denen ein Vater die primäre Bezugsperson war, könnten die Ergebnisse umgekehrt sein – aber dazu haben wir keine Daten.«
Die unterschätzte Rolle der Freunde
Drittens und besonders überraschend: Frühe Erfahrungen mit engen Freunden sagten den späteren Bindungsstil in Partnerschaften und Freundschaften sogar noch besser vorher als die Beziehung zur Mutter: »Wer in der Kindheit gute Freundschaften hatte und sich seinen Freunden nahe gefühlt hatte, empfand die eigenen Freundschaften und Liebesbeziehungen im Alter von 30 Jahren als sicherer«, sagt Dugan.
Die über Jahrzehnte gesammelten Daten der Studie sind »von einzigartigem Wert«, findet Phillip Shaver, emeritierter Professor für Psychologie an der University of California in Davis. Sie ermöglichen es den Autoren, »mithilfe ausgefeilter Analysen zu zeigen, wie frühe soziale Erfahrungen die spätere Persönlichkeit und enge zwischenmenschliche Beziehungen im Erwachsenenalter beeinflussen«.
Omri Gillath, Sozialpsychologe an der University of Kansas, lobt die neue Studie als außergewöhnlich und methodisch sauber. Die Autoren »lieferten einige der bisher stärksten Belege für eine Grundannahme der Bindungstheorie: dass frühe Beziehungserfahrungen die Art und Weise prägen, wie Menschen mit anderen umgehen«. Und das sowohl allgemein als auch innerhalb bestimmter Arten von Beziehungen, etwa zu Freunden oder Partnern.
Die Teilnehmer waren bei der letzten Untersuchung junge Erwachsene, fügt Gillath hinzu. Künftige Arbeiten könnten prüfen, ob sich frühe Kindheitserfahrungen auch im späteren Leben genauso stark auswirken – und inwiefern wichtige Lebensereignisse wie selbst Eltern zu werden, Verluste oder Scheidungen das möglicherweise verändern.
»Es gibt immer eine Möglichkeit, den Bindungsstil zu ändern«Keely Dugan, Psychologin
Keely Dugan möchte in Zukunft weitere Familienformen berücksichtigen, etwa Alleinerziehende, Mehrgenerationenhaushalte sowie gleichgeschlechtliche Paare. Da rund 80 Prozent der bisherigen Teilnehmer weiß waren, brauche es in künftigen Studien zudem mehr ethnische Vielfalt, um ein wirklich repräsentatives Bild zu erhalten, sagt sie.
Bindung ist kein Schicksal
Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass die Vergangenheit einer Person unwiderruflich den Ton ihrer Beziehungen im Erwachsenenalter vorgibt, betont die Psychologin. Vieles spricht dafür, dass sich der Bindungsstil im Erwachsenenalter ändern und sogar von Monat zu Monat schwanken kann. Und zwar als Reaktion auf neue positive und negative Erfahrungen in Beziehungen. »Die Ergebnisse zeigen, dass Bindungsstile formbar sind«, erklärt sie. »Man kann sehr wohl eine nicht so gute Beziehung zu seinen Eltern haben und trotzdem im Erwachsenenalter eine sichere und gesunde Bindung zu einem engen Freund oder Partner entwickeln.«
Zu diesem Zweck entwickeln Dugan und ihr Team gerade eine forschungsbasierte interaktive App für Erwachsene. Diese soll sichere Bindungen in Liebesbeziehungen und Freundschaften fördern. »Sie beginnt mit einfachen Aufgaben. Zum Beispiel den Partner zu umarmen oder einem Freund eine ermutigende Nachricht zu schicken«, erläutert die Psychologin. »Es gibt immer eine Möglichkeit, den Bindungsstil zu ändern. Und ich freue mich darauf, die wirksamsten ganz konkreten Strategien dafür zu finden.«
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