Gesundheitspolitik: Psychotherapeuten erhalten ab April weniger Geld

Niedergelassene Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen bekommen ab April weniger Geld. Der »Erweiterte Bewertungsausschuss« hat beschlossen, die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen um 4,5 Prozent zu senken. Dieses Schiedsgremium besteht aus dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und drei unparteiischen Mitgliedern. Es kommt immer dann ins Spiel, wenn sich ein gemeinsamer Ausschuss von den Krankenkassen und der KBV nicht einigen kann.
Gleichzeitig werden sogenannte Strukturzuschläge um 14,25 Prozent angehoben. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) geht davon aus, dass allerdings selbst für Praxen, die diese Zuschläge im vollen Umfang erhalten, die Honorare dennoch um rund 2,8 Prozent sinken werden.
Die BPtK hält die Honorarkürzungen für »völlig inakzeptabel« und »skandalös«. Eine Petition gegen die Änderung haben in den vergangenen Tagen bereits mehr als 370 000 Menschen (Stand: 18.03.26) unterzeichnet.
Kritik an der Entscheidung kommt auch von der KBV selbst, die in dem Verfahren überstimmt wurde. Der Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Gassen, betont in einer Pressemitteilung: »Dass die gesetzlichen Krankenkassen aufgrund der aktuellen Finanzlage sparen müssen, steht außer Frage. Es ist aber paradox, genau da sparen zu wollen, wo der Großteil der Versorgung für relativ wenig Geld stattfindet – eben in der ambulanten ärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung.« Das sei ein Unding.
»Ausgerechnet für die Fachgruppe der vertragsärztlichen Versorgung mit den mit Abstand niedrigsten Honoraren wird eine solche Absenkung beschlossen«Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer
Die Krankenkassen hingegen halten die Kürzungen für einen »angemessenen Kompromiss«. Denn in den vergangenen Jahren hätten die ambulanten Psychotherapeuten »überproportionale Honorarerhöhungen« erhalten.
Dem widerspricht die Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer, Andrea Benecke, ebenfalls in einer Pressemitteilung: »Die psychotherapeutischen Praxen leiden heute schon unter steigenden Kosten und der anhaltenden Inflation. Niemand käme in Tarifverhandlungen auf die Idee, in dieser Lage die Gehälter zu kürzen. Doch ausgerechnet für die Fachgruppe der vertragsärztlichen Versorgung mit den mit Abstand niedrigsten Honoraren wird eine solche Absenkung beschlossen.«
Tatsächlich bilden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten das Schlusslicht, wenn es um den Reinertrag von niedergelassenen Praxen in Deutschland geht. Das verdeutlicht eine Auswertung des Statistischen Bundesamts von Juli 2025. So lag der durchschnittliche Reinertrag (Einnahmen minus Aufwendungen) einer Arztpraxis im Jahr 2023 bei 303 000 Euro. Der Reinertrag ist dabei nicht mit dem Einkommen der Ärzte oder dem Gewinn einer Praxis gleichzusetzen. Er berücksichtigt zum Beispiel nicht die Kosten für eine Praxisübernahme, Krankenversicherung oder Altersversicherung.
Am größten fiel der Reinertrag mit 1,19 Millionen bei Praxen für Radiologie, Nuklearmedizin und Strahlentherapie aus, am niedrigsten war er mit 86 000 Euro bei Praxen von Psychologischen Psychotherapeuten. Gleichzeitig arbeiten in psychotherapeutischen Praxen überproportional viele Frauen. Laut Gesundheitsdaten der KBV liegt der Frauenanteil unter den Psychologischen Psychotherapeuten bei 78,2 Prozent, unter den Ärztlichen Psychotherapeuten bei 67,4 Prozent. Zum Vergleich: In der Radiologie sind 37,5 Prozent weiblich.
Psychische Störungen sind ein drängendes Gesundheitsproblem. Der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zufolge sind in Deutschland jedes Jahr knapp 28 Prozent der Erwachsenen von einer psychischen Störung betroffen. Das entspricht fast 18 Millionen. Rund 19 Prozent davon suchen professionelle Hilfe. Psychische Erkrankungen zählen in Deutschland zu den vier häufigsten Ursachen für den Verlust von Lebensjahren und führen zu erheblichen Fehlzeiten am Arbeitsplatz.
Schon jetzt warten Patienten und Patientinnen oft monatelang auf einen Therapieplatz. Die Versorgungssituation könnte sich künftig noch mehr verschlechtern. Denn die Befürchtung ist, dass sich mehr Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auf Privatpatientinnen und -patienten konzentrieren, weil die Honorare für diese höher liegen. Und gesetzlich Versicherte dann noch länger auf Hilfe warten müssen.
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