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News: Wenn das Altwerden schwerfällt

Älterwerden ist nicht leicht. Die Gebrechlichkeit nimmt zu, Krankheiten schränken im Alltag ein, geliebte Vertraute sterben, die Pensionierung gibt das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Viele ältere Menschen fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen, das Leben verliert Sinn und Perspektive. Mit den körperlichen und sozialen Veränderungen kommen nicht alle Älteren gleichermaßen zurecht. Manche isolieren sich mehr und mehr, sind unzufrieden, leiden an ihrer Isolation - Anzeichen einer depressiven Verstimmung. Mit einer passenden Verhaltenstherapie läßt sich aber der Melancholie des Alters entgegenwirken.
Martin Hautzinger hat sich dem wenig erforschten Thema verschrieben: Der Psychologieprofessor von der Universität Tübingen leitet die einzige Arbeitsgruppe in Deutschland, die einen psychologischen Zugang zur Behandlung älterer depressiver Menschen sucht. Für die Betroffenen hat die Arbeitsgruppe der Abteilung Klinische und Physiologische Psychologie eine spezielle Verhaltenstherapie entwickelt: Die älteren Menschen lernen dabei, mit dem Alter und seinen Schwierigkeiten besser fertig zu werden.

"Benützt den Kurs, um neue Dinge auszuprobieren" – das ist die Botschaft, die Martin Hautzinger und sein Therapeutenteam den Betroffenen in dem Pilotprojekt mit auf den Weg geben. Das psychologische Programm hat Hautzinger eigens für ältere Menschen konzipiert, mit altersspezifischen Themen, Beispielen, Inhalten. Erste Erfahrungen mit zahlreichen ambulanten Gruppen, aber auch mit stationären Patienten in einer Psychiatrischen Klinik und der geriatrischen Tagesklinik Wielandhöhe liegen vor.

Wöchentlich treffen sich sechs bis acht Betroffene im Alter von 60 bis 85 Jahren am Psychologischen Institut in Tübingen zur Gruppensitzung: Drei Monate lang bekommen die Teilnehmer dort konkrete Hilfestellungen, wie sie den Alltag gestalten und ihre Depression überwinden können. "Ein Kurs zum Lernen" nennt Hautzinger sein Therapieprogramm.

Die Kognitive Verhaltenstherapie ist in der Psychologie eine gängige Behandlungsmethode bei depressiven Störungen. Patient und Therapeut kooperieren, erörtern gemeinsam die Probleme und suchen nach den individuellen, kognitiven Blockaden. Grundgedanke der Kognitiven Verhaltenstherapie ist die wechselseitige Beziehung von Fühlen, Denken und Handeln: Ist die Stimmung negativ, dann hemmt sie die Lebensenergie des Menschen und seine Aktivität, das Denken wird eingeengt. Genauso kann ein Gedanke oder eine schlechte Erinnerung das Verhalten lähmen und die Emotionen drücken – ein Teufelskreis für die Betroffenen. Therapieziel ist es, diese depressive Spirale zu stoppen, umzukehren und konstruktiv zu handeln.

Das Gruppenprogramm ist genau strukturiert: Zunächst einmal sollen die Teilnehmer Einsicht in die Depression entwickeln, den Zusammenhang von Denken, Handeln und Fühlen erkennen. Wichtigstes Instrument ist dann der Wochenplan: Die älteren Patienten sollen sich täglich selbst beobachten und ihre Tätigkeiten und besondere Ereignisse protokollieren. In der Gruppensitzung wird über die Erfahrungen der Patienten dann ausführlich gesprochen. Bedeutender Aspekt: Die älteren Menschen bekommen so Ideen und Anregungen, wie sie ihren Alltag besser gestalten, aktiver erleben können. Aufgaben und Unternehmungen sind wichtig, auch und gerade im Alter – das ist der Grundgedanke der Verhaltenstherapie der Tübinger Arbeitsgruppe. Die Gruppenmitglieder bekommen deshalb zusätzlich kleine Hausaufgaben, die sie bis zur nächsten gemeinsamen Sitzung bearbeiten sollen. Die Übungen werden dabei individuell auf die Fähigkeiten der Teilnehmer zugeschnitten und mit jedem Patienten einzeln besprochen. "Die älteren Menschen müssen sich vor allem von alten Ansprüchen und alten Gewohnheiten lösen", meint Martin Hautzinger. Nur wer die eigenen Erwartungen reduziert, könne "erfolgreich alt werden".

In dem Pilotprojekt zeigten sich bald erste Erfolge: Die Betroffenen waren zufriedener mit sich, weniger depressiv und allgemein wieder aktiver. "Die Regelmäßigkeit ist ganz wichtig", beurteilt Hautzinger die Wirkung des Kurses. Die Teilnehmer tauschen Telefonnummern aus und treffen sich auch schon mal außerhalb der Gruppensitzungen zu Kaffee und Kuchen. "Die Kontakte sind ganz entscheidend", meint der Psychologieprofessor. Über den knapp bemessenen Zeitraum der Therapie ist sich Hautzinger bewußt: "Ich bin realistisch genug einzuschätzen, daß drei Monate nicht reichen."

Parallel zur Arbeit mit den ambulanten Gruppen laufen Forschungsprojekte in stationärem Rahmen: Martin Hautzinger arbeitet eng mit der Geriatrischen Abteilung der Universitätsklinik und der Tagesklinik Wielandhöhe zusammen. Die Hälfte der Patienten, die dort tagsüber medizinisch und psychiatrisch betreut werden, leidet unter Depressionen. Ein sechswöchiges Gruppenprogramm der Arbeitsgruppe um Professor Hautzinger ist auf der Wielandhöhe mittlerweile etabliert: Zweimal in der Woche treffen sich die Patienten zur psychologischen Therapie in gemeinsamen Sitzungen. Zum Vergleich wurde das Programm in der Tagesklinik inhaltlich in zwei separate Blöcke geteilt: Ein Programmblock umfaßt die kognitiven Elemente, in einem zweiten stehen die handlungsbezogenen Aspekte mit Aktivitätsaufbau und Training im Mittelpunkt. In einer ersten Zwischenauswertung kamen die Tübinger Psychologen zu dem Schluß, daß beide Programme vergleichbar effizient sind.

Eine kleine Teilstudie in einer stationären Geriatrie und einem Altenheim bestätigte diese Zwischenergebnisse. Die Psychologen verglichen dort die Effekte des zwölfwöchigen Gruppenprogramms mit der üblichen stationären, medikamentösen Regelversorgung. Der Zustand der Patienten, die an der kognitiven Verhaltenstherapie teilnahmen, besserte sich merklich. Drei Monate nach Ende der Behandlung führte das Forscherteam eine Nachuntersuchung durch. Sie zeigte, daß die Veränderungen durch das Gruppenprogramm nicht nur stabil waren, sondern zu weiteren Besserungen führten. Alle stationären Psychiatriepatientinnen, die an der psychologischen Behandlung teilgenommen hatten, waren inzwischen entlassen worden.

Hautzinger ist es damit gelungen, ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsangebot für ältere Menschen mit Depressionen zu entwickeln, das von den Teilnehmern als durchweg positiv beurteilt wird. Am 4. März 1999 erhält der Tübinger Psychologieprofessor in Düsseldorf den Preis der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und Gerontopsychotherapie. Die Gesellschaft honoriert damit das Engagement der Tübinger auf einem bislang wenig untersuchten Feld. Für endgültige Ergebnisse ist es allerdings noch zu früh. "Wir bekommen den Preis für etwas, was noch nicht fertig erforscht ist", meint Hautzinger. Weitergehende Wirksamkeits- und Verlaufsstudien sind nötig, die unter anderem auch Placebo-Effekte berücksichtigen. Die Arbeit der Tübinger Projektgruppe soll nun über den Rahmen einfacher Versuchspläne hinaus fortgeführt werden. Ab März weitet das Forscherteam die ambulanten Ansätze aus. Dann beginnt eine größer angelegte Studie mit Gruppen im Raum Stuttgart, an der rund 100 ältere depressive Menschen teilnehmen. Für sie wird die Therapie ein Ziel haben: Lernen, erfolgreich mit dem Alter umzugehen.

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