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Verhaltensforschung: Wenn die Affenbande tobt

Im Kinderlied genügt eine entwendete Kokosnuss, um eine Primatenschar in Aufruhr zu versetzen - ganz so wie im realen Dschungel eben manchmal auch. Doch nicht umsonst gelten Affen als klug: Wie die Menschen betreiben sie dann Vermittlungsarbeit.
Affen sind bevorzugte Ziele eines jeden Zoobesuchs, denn dort ist immer etwas los – im Gegensatz etwa zum eher behäbigen König der Tiere, dem Löwen, der lieber die meiste Zeit des Tages im Schatten eines Baumes verdöst. Die haarige Verwandtschaft des Menschen dagegen laust, liebt und bekriegt sich mit großer Leidenschaft. Wahrscheinlich beobachtet Homo sapiens andere Primaten auch deshalb so gerne, weil sie ihn an so vieles aus seinem eigenen Leben erinnern: Da gibt es Paschas, die über allem stehen, kleine Lausebengel, die nichts lieber tun, als Familienoberhäupter zu necken, fürsorgliche Mütter, die aber, wenn es ihnen zu bunt wird, auch mal einen Klaps verteilen, clowneske Spaßvögel, die sich wahrlich zum Affen machen, und testosterongeladene Jungmänner, die nur auf Konflikte lauern.

Was aber passiert, wenn es richtig Stress in der Horde gibt? Wenn aus den täglichen kleinen Kabbeleien große Streitigkeiten werden? Manche Affenarten sind schließlich in Gruppen unterwegs, die mehrere hundert Köpfe umfassen können. Und hier gilt es die komplizierte Sozialstruktur zu bewahren, die den Tieren einen besseren Schutz vor Fressfeinden oder der Konkurrenz und einen leichteren Zugang zu Nahrungsquellen gewährt – viele Augen sehen eben mehr als nur zwei. Auf den Schulhöfen der Menschen haben sich im Zoff-Fall Konfliktmanager bewährt. Doch gilt das ebenso für Primaten?

Das wollten Jessica Flack und ihre Kollegen vom Santa-Fe-Institut anhand von Untersuchungen an einer 84-köpfigen Schweinsaffengruppe (Macaca nemestrina) ermitteln. Die Schwierigkeit bei diesen Forschungen an Tieren ist jedoch die Rolle, die jeweils einzelne Individuen eines derartigen Sozialverbandes spielen: Sie beschränkt sich zumeist nicht immer nur auf eine einzige Aufgabe. Entnimmt man nun etwa ein besonders streitsüchtiges Jungmännchen, so kann das nicht etwa nur beruhigend auf den Rest wirken, sondern die Hierarchien komplett auflösen – weitere Jungspunde wollen den Platz ihres Ex-Vorbildes einnehmen.

Eine Ausnahme bilden allerdings Schweinsaffen: Hier wirken überwiegend einzelne, im Streitfall unverhältnismäßig mächtige, aber ansonsten unauffällige Individuen mäßigend auf Konfliktparteien ein – unparteiisch, mit meist nur geringer Drohkulisse und teilweise sogar durch bloßes Erscheinen –, und diese Mediatoren lassen sich relativ einfach identifizieren und folglich separieren. Um nun herauszufinden, wie unterschiedlich die Primaten miteinander umgehen, wurden sie unter zweierlei Szenarien beobachtet: Während der von Flack als Kontrollzeiten bezeichneten Phasen, durften alle 84 Makaken miteinander fressen und kommunizieren, sich hassen oder lieben.

Von Zeit zu Zeit – die Knockout-Periode – mussten drei der ranghöchsten Männchen, die vorher als häufig Streit schlichtende Mediatoren auffielen, dann die Einheit zwangsweise verlassen. Dies geschah allerdings nur für relativ kurze Zeit, um tiefer greifende Ranglistenkämpfe zu verhindern. Während dieser Zeit sollte nur das ebenfalls ausgleichend auftretende Alpha-Weibchen für Ruhe im wilden Haufen sorgen.

Aber die Stimmung in der Truppe verschlechterte sich durch die Abwesenheit der übergeordneten Instanzen beträchtlich: Die Zahl der Aggressionen unter den verbliebenen Makaken häufte sich, und ihre Intensität nahm zu, es kam häufiger zum Waffen-, sprich Zahngebrauch, und auch gruppendynamische Mobbingprozesse zeigten Zuwachs: Wo vormals die Starken zu Gunsten der Schwächeren mäßigend eingriffen, bezogen diese nun öfter doppelt Prügel. Dagegen nahm alles an Ausmaß ab, das unter normalen Bedingungen das Leben im Großfamilienverband so schön macht: Es wurde weniger gespielt und gekrault, was sonst die Wogen glättet und das Beziehungsgefüge auffrischt. Wenn es schon zu derartigen Annäherungen kam, dann beschränkte es sich auf häufigeres Zusammensitzen – ein eher schwaches Signal.

Die Schweinsaffen benötigen folglich diese Schiedsrichter, um die Gruppe intakt und robust gegen äußere Widrigkeiten zu halten. Schließlich zermürbt der permanente Kleinkrieg untereinander den Zusammenhalt und zerrüttet die Sozialstruktur, und derart geschwächt werden die Tiere anfälliger gegen Feinde oder konkurrierende Verbände – zumindest so lange, bis neue Mediatoren herangewachsen sind. Das Entfernen rangniedriger oder im Konfliktfall uninteressierter Mitglieder führt dagegen zu keinerlei Konsequenzen im Verhalten der Primaten, das Leben ging nach den Beobachtungen der Wissenschaftler seinen gewohnten Gang weiter.

Durch den Ausschluss der beruhigenden Pole aus der Schweinsaffengruppe näherte sich diese in ihrem Verhalten ihren nahen Verwandten, den Rhesusaffen (Macaca mulatta), an, wo das Aggressionsniveau höher liegt und beim Eingreifen in Konflikte eher noch der Unterlegene weiter attackiert als mäßigend auf den Aggressor eingewirkt wird. Die Schweinsaffen zeigen also bereits ein Sozialleben auf hohem Niveau. Eine im Vergleich zu ihnen jedoch noch wesentlich interessantere Mediationsstrategie offenbaren die mit dem Menschen sehr eng verwandten Bonobos (Pan paniscus): Streitigkeiten werden bei ihnen mit Versöhnungssex beigelegt – sogar unter Männchen.
03.06.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 03.06.2005

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