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Gefährlich unpolitisch: Politische Neutralität bringt Demokratie ins Wanken

Viele Menschen in den USA lehnen antidemokratische Maßnahmen nicht aktiv ab. Genau diese Haltung spielt politischen Normbrechern in die Hände.
Eine 3D-Darstellung zeigt vier unterschiedlich große Holzwürfel auf einer dunklen Oberfläche. Zwei transparente Kugeln liegen auf den Würfeln, eine auf dem größten und eine auf dem zweitgrößten Würfel. Die Szene ist minimalistisch und hebt die geometrischen Formen und Materialien hervor.
In Fragen, die über Demokratie oder Diktatur entscheiden, ist eine neutrale Haltung riskant.

Wenige US-Bürgerinnen und -Bürger befürworten undemokratische Praktiken. Doch viele lehnen sie auch nicht eindeutig ab. Rund die Hälfte der US-Bevölkerung zeigt diese Neutralität in Demokratiefragen. Das zeigt eine Studie, die im Fachblatt »Nature Human Behaviour« erschienen ist.

Für ihre Untersuchung analysierte ein Team um den Politikwissenschaftler Mathew Hall von der University of Notre Dame in Indiana Daten einer repräsentativen US‑Erhebung mit mehr als 45 000 Teilnehmenden und ergänzte diese um zwei eigene Befragungen mit insgesamt gut 3 000 Personen. In allen drei Datensätzen wurden die gleichen undemokratischen Praktiken abgefragt – etwa die Reduzierung von Wahllokalen für politische Gegner oder die Zensur von Medien. Die Forschenden unterschieden dabei zwischen Zustimmung, Ablehnung und neutralen Antworten.

Erfasst wurden neben den politischen Einstellungen auch Faktoren wie Bildungsgrad, Mediennutzung, politisches Engagement, Vertrauen in Institutionen oder ambivalente Gefühle gegenüber der politischen Gegenseite. Zudem baten die Forschenden jene Personen, die sich neutral äußerten, genauer zu erklären, was sie mit ihrer Antwort meinten. So wollten sie klären, ob neutrale Antworten eher auf Unwissen, Gleichgültigkeit, ambivalente Gefühle, äußere Umstände oder soziale Erwünschtheit zurückgehen.

Das Ergebnis: Während nur eine kleine Minderheit undemokratische Maßnahmen klar befürwortete, wählten deutlich mehr Menschen die Mitte. In einer der Stichproben gaben etwa 22 Prozent an, den demokratiegefährdenden Maßnahmen weder zuzustimmen noch sie abzulehnen; insgesamt nahm rund die Hälfte der Befragten mindestens einmal eine solche vermeintlich neutrale Haltung ein.

Die Auswertung der offenen Antworten ergab, dass der »Mut zur Mitte« meist auf Unsicherheit, Politikverdrossenheit oder widersprüchliche Gefühle zurückging. Neutralität hing unter anderem mit geringerer Bildung, weniger Nachrichtenkonsum, niedrigerem politischem Engagement und größerem Misstrauen gegenüber Institutionen zusammen.

Besonders brisant: In einem Teil der Studie zeigte sich, dass demokratisch neutrale Personen ähnlich häufig antidemokratische Kandidaten unterstützten wie jene, die undemokratische Maßnahmen offen befürworteten.

Die Studie legt nahe, dass Demokratien nicht nur durch offene Feindseligkeit, sondern auch durch Gleichgültigkeit erodieren können. Für politische Bildung und Demokratieförderung bedeutet das: Es reicht nicht, extreme Positionen in den Blick zu nehmen – auch die schweigende Mitte braucht Aufmerksamkeit.

  • Quellen
Hall, M. et al., Nature Human Behaviour 10.1038/s41562–026–02430–7, 2026

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