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News: Wenn Essen zum Problem wird

Jede dritte Schülerin in Deutschland leidet an Frühformen von Essstörungen. Dies ist das aufrüttelnde Ergebnis einer jetzt vorgelegten Studie, bei der über 700 Schüler und Studierende aus Ost- und Westdeutschland auf erste Anzeichen einer solchen Störung untersucht wurden.
Essstörungen – dazu zählen die Magersucht (Anorexie) oder die Ess-Brechsucht (Bulimie) – nehmen seit 20 Jahren beständig zu. Nach Schätzungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung litten im Jahr 2000 in Deutschland mehr als 100 000 Frauen zwischen 15 und 35 Jahren an Magersucht, rund 600 000 Frauen sind von der Ess-Brechsucht betroffen. Zunehmend erkranken auch Männer an diesen – bisher als Frauenkrankheiten bezeichneten – psychosomatischen Störungen.

Da weder die Ursachen noch die Risikofaktoren aufgeklärt sind, die zu den Essstörungen führen, haben Wissenschaftler um Bernhard Strauß von der Universität Jena die Vorformen und Frühsymptome untersucht. Diese subklinischen Essstörungen waren bisher nur wenig erforscht, sind aber auf jeden Fall gekennzeichnet durch ein gestörtes Essverhalten, die ausgeprägte Sorge um das Gewicht und die Figur. "Außerdem besteht die deutliche Tendenz, das Gewicht kleinlich zu regulieren", erklärt Strauß. "Erreicht wird dies beispielsweise durch chronisches Diäthalten, Fastentage, Erbrechen, Fressanfälle, exzessives Sporttreiben oder die Einnahme von Medikamenten zum Abnehmen wie Appetitzüglern, Abführ- oder Entwässerungsmitteln."

Für die Studie befragten die Forscher neben 369 Gymnasiasten der Jahrgangsstufen 9 bis 11 aus Jena und Göttingen auch 367 Studierende verschiedener Fachrichtungen der Universität Jena und der Fachhochschule Zwickau. Die Altersspanne der Befragten reichte damit von 12 bis 32 Jahre.

Die Zahlen sind erschreckend: Insgesamt erwiesen sich 29 Prozent der weiblichen und 13 Prozent der männlichen Jugendlichen als anfällig für eine Essstörung. Besonders Gymnasiastinnen zeigten ein gestörtes Essverhalten: 35 Prozent aller befragten Schülerinnen waren betroffen, während der Anteil unter den Studentinnen mit 23 Prozent deutlich niedriger lag. Dabei sind mit 56 Prozent die westdeutschen Schülerinnen weitaus mehr gefährdet als ihre Altersgenossinnen im Osten, denn dort sind es "nur" 30 Prozent der Gymnasiastinnen.

Welche Bedeutung das Körpergefühl bei der Jugend hat, zeigt sich auch darin, dass 43 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer in den letzten 12 Monaten eine Diät absolviert hatten. Außerdem gaben die Teilnehmer mit einem gestörten Essverhalten zu, sehr häufig gegen ihr vermeintliches Übergewicht angegangen zu sein, etwa durch Diäten, Sport oder die – alarmierend verbreitete – Einnahme von Medikamenten. "Je höher das Risiko für die Entwicklung einer Essstörung war, um so häufiger benutzten die Jugendlichen diese gewichtsregulierenden Maßnahmen", unterstreicht die Studienbetreuerin Katja Aschbrenner.

Psychologische Auffälligkeiten und Störungen der Körperwahrnehmung sind wohl eine Ursache für die Essstörungen, die nur schwer therapierbar sind. 42  der Schülerinnen schätzten sich selbst als übergewichtig ein, obwohl nur 8  Übergewicht hatten, zeigt die Jenaer Untersuchung. Andererseits waren 33  der Probanden in Wirklichkeit untergewichtig, es schätzten sich aber nur 6  so ein. "Mit zunehmendem Risiko für die Entwicklung einer Essstörung gelang es den Versuchspersonen immer seltener, ihr Gewicht realistisch einzuschätzen", ermittelte Strauß' Mitarbeiter Florian Aschbrenner – ein wichtiger Hinweis auf den Schweregrad der Essstörung.

Während internationale Forschungsergebnisse belegen, dass Leistungssport mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Essstörungen einhergeht, konnte die Jenaer Studie dies nicht bestätigen. Zwischen den Schülern, die im Sportgymnasium regelmäßig Leistungssport absolvierten, und denen ohne sportliche Aktivitäten, zeigte sich keine unterschiedliche Veranlagung zu gestörtem Essverhalten.

Die Ergebnisse der Jenaer Studie weisen außerdem darauf hin, dass verstärkter Leistungsanspruch allgemein das Risiko einer Essstörung erhöhen. Ebenso stellen ausländische Immigranten eine besondere Zielgruppe dar, da sie sich offenbar häufiger mit westlichen Normen und Werten, etwa der Schlankheitsideale, überidentifizieren. Er fordert daher, dass "dringend wirksame Konzepte zur Prävention und geeignete Screening-Methoden zur Früherkennung von Personen mit einer subklinischen Essstörung entwickelt werden müssen".

Aufklärung tut Not, sind sich die Jenaer Forscher sicher – möglichst schon in den Schulen. "Die Schädlichkeit der Anwendung gewichtsregulierender Maßnahmen wie Diäten, Fastentage, exzessives Sporttreiben und die Einnahme von Medikamenten zum Abnehmen muss vermittelt werden", appelliert Strauß besonders an die Medien. Diese verharmlosen solche Risiken noch immer oder beschreiben sie sogar als Normalität, kritisiert er.

Nicht zuletzt stellt das, auch durch die Medien geformte, Schlankheitsideal ein großes Risiko dar. "Viele Frauen haben die realistische Wahrnehmung ihres eigenen Körpers und die Zufriedenheit mit ihrer Figur verlernt", hat Strauß erfahren. "Besonders für weibliche Jugendliche besteht in der sensiblen Phase der Pubertät die Gefahr, dass von der Diskrepanz zwischen realem Körperbild und dem idealen Körperbild eine krisenauslösende Funktion ausgehen kann", sagt der Medizinpsychologe – und hofft darauf, dass entsprechenden Ansätzen von Freunden, Eltern und Mitschülern frühzeitig begegnet wird.

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