Kindheitstrauma: Angst vorm Glücklichsein

Manche Menschen haben eine regelrechte »Angst vor dem Glücklichsein«: Sie trauen sich nicht, ihr Leben zu genießen, weil sie fürchten, dass dann etwas Schlimmes passiert. Eine Studie aus China zeigt nun, dass diese Angst eine Rolle dabei spielen könnte, ob man negative Kindheitserfahrungen überwindet – oder später eher zu Depressionen neigt.
Das Forschungsteam um Feng Xiao von der Medizinischen Universität Chongqing befragte 1085 Studierende fünf chinesischer Universitäten zu ihren Kindheitserfahrungen und zu Anzeichen einer Depression. Um herauszufinden, ob die Teilnehmenden positive Gefühle als gefährlich empfanden, kam ein etablierter Fragebogen zum Einsatz. Darin mussten die Befragten einschätzen, wie stark sie Aussagen zustimmten wie »Ich bin lieber nicht zu fröhlich, denn darauf folgt meist Traurigkeit« oder »Ich glaube, je glücklicher und ausgelassener ich bin, desto eher passieren schlechte Dinge in meinem Leben«.
Studierende mit belastenden Kindheitserfahrungen berichteten häufiger von Symptomen wie Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Zugleich hatten sie eine größere Angst davor, glücklich zu sein. Letzteres erwies sich in der Auswertung als wichtiges Bindeglied zwischen früheren Erlebnissen und der aktuellen Situation: Die Aversion gegen das Glück erklärte knapp 36 Prozent des Zusammenhangs zwischen Kindheitstrauma und Depressionen. Besonders deutlich war das für Personen, die emotionale Gewalt erlebt hatten – etwa ständige Abwertung und Kritik durch die Eltern – und die körperlich vernachlässigt wurden, denen es also beispielsweise an Pflege oder regelmäßigen Mahlzeiten mangelte.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler glauben, dass diese Teilnehmenden positive Gefühle mit Gefahr verknüpfen, weil in ihrer Kindheit auf Freude oft schlechte Erfahrungen wie Zurückweisung, Wutausbrüche der Eltern oder andere unangenehme Situationen folgten. Da die Untersuchung allerdings auf Selbstauskünften beruhte und die Befragung erst im Erwachsenenalter stattfand, ließen sich Ursache und Wirkung nicht zweifelsfrei bestimmen, geben die Forschenden zu bedenken. Zudem müsse noch überprüft werden, ob kulturelle Eigenheiten einen Teil der Ergebnisse erklären: In China sei die Vorstellung, dass übermäßige Freude häufig Unglück nach sich zieht, traditionell stark verankert.
In jedem Fall empfehlen die Fachleute, Betroffenen mit Elementen aus der kognitiven Verhaltenstherapie zu helfen. Sie könnten lernen, automatische negative Gedanken über das Glücklichsein zu hinterfragen, und versuchen, wieder mehr positive Gefühle in ihrem Leben zuzulassen.
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