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Fußballpsychologie: Fußball spielt sich auch im Kopf ab

Nicht nur der Heimvorteil spricht für den fünfmaligen Weltmeister aus Südamerika. Auch ein Computermodell errechnet Brasilien zum wahrscheinlichsten Sieger. Ein Gespräch mit dem Sport- und Kognitionsforscher Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln über die subtilen psychologischen Einflüsse. Er ist Autor des Buchs "Der Fußball - die Wahrheit".
Schön wär’s!

Herr Professor Memmert, noch nie haben europäische Nationalmannschaften in Lateinamerika einen Titel gewinnen können. Und die Vorrunde bei der Weltmeisterschaft lief für Mannschaften aus der Alten Welt auch nicht besonders zufriedenstellend, denn zahlreiche europäische Spitzenmannschaften sind bereits ausgeschieden. Dagegen schneiden lateinamerikanische Mannschaften bislang überproportional gut ab. Ist das auch eine Kopfsache?

Daniel Memmert: Erwartungen spielen natürlich eine große Rolle und lenken die Aufmerksamkeit der Spieler. Sie wissen, dass Europäer noch nie in Südamerika Weltmeister wurden – und das lässt sich vielleicht nur schwer aus den Köpfen herausbringen. Tatsächlich können wir dies aber nur mutmaßen, denn es gibt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu. Einerseits begünstigen zwar die klimatischen Bedingungen – Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit – viele südamerikanische Mannschaften. Andererseits muss aber auch klar festgestellt werden, dass Costa Rica, Chile oder Mexiko bislang einen intelligenten Fußball mit und gegen den Ball spielen: Ihre Laufwege und ihr Passspiel, ihr gesamtes taktisches System minimierte die Wahrscheinlichkeit, dass sie Tore kassieren und einem Rückstand hinterher laufen müssen. Und das kommt ihnen bei den schweißtreibenden Verhältnissen natürlich zugute: Sie agierten einfach geschickter als einige europäische Mannschaften.

Brasilien als hoher Favorit wirkt allerdings noch etwas gehemmt, macht ihnen der hohe Druck des Heimvorteils zu schaffen?

Daniel Memmert
Daniel Memmert | ist Institutsleiter und Professor am Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte liegen in der Bewegungswissenschaft (Kognition und Motorik), in der Sportpsychologie (Aufmerksamkeit und Motivation), in der Sportinformatik (Mustererkennung und Simulation), in der Kinder- und Jugendforschung, im Bereich der Sportspiel- und Evaluationsforschung sowie in den Forschungsmethoden. 2013 erschien sein Buch "Der Fußball – die Wahrheit".

Ein Heimvorteil hat immer zwei Seiten. Man kennt Bedingungen und Abläufe vor Ort, die innere Uhr ist richtig getaktet und das Klima gewohnt. Kurz: Man fühlt sich zuhause, und das gibt Sicherheit und Geborgenheit. Und daraus entwickeln sich Selbstbewusstsein und letztlich auch Stärke. Umgekehrt herrschen natürlich hohe Erwartungen an den Gastgeber – zumal an einen fünfmaligen Weltmeister. Die Mannschaft muss weit kommen, weshalb ein sehr hoher Druck auf ihr lastet. Das konnte man beispielsweise im zweiten Spiel der Brasilianer gegen Mexiko schön sehen, als sie doch etwas verkrampft waren. Bislang hatte Brasilien Glück, dass sie noch nicht in Rückstand geraten sind. Denn dann wird der Druck umso größer – wir werden sehen, wie sie damit dann umgehen können. Ihr Achtfinalgegner Chile wird jedenfalls ein harter Brocken.

Wirkt denn der Heimvorteil bei einer Weltmeisterschaft immer noch so stark oder nimmt er dort ebenso ab wie bei Ligaspielen?

Es existieren dazu einfach zu wenige Daten, als dass wir dies auf Länderebene für eine Weltmeisterschaft statistisch solide beantworten könnten; Sie findet dazu einfach viel zu selten statt, und bis ein Land wieder an die Reihe kommt, vergehen oft Jahrzehnte. Bei Ligaspielen hat er dagegen statistisch tatsächlich abgenommen, er ist aber weiterhin vorhanden, wie mein Freund und Kollege Bernd Strauß von der Universität Münster in großen Datensätzen zeigen kann. Wir können allerdings nur darüber spekulieren, warum er nachgelassen hat: Die Spieler sind heute medial total "verkabelt", ihnen ist bewusst, dass sie über das Fernsehen überall zu sehen sind. Sie können sich also nicht unterbewusst hängen lassen. Die Reisestrapazen wurden geringer. Und mehr Gästefans fahren zu den Auswärtsspielen und machen dann teilweise mehr Krach als die der Heimmannschaft. Sie stärken ihrem Team also zumindest etwas mehr den Rücken als früher.

Verändert sich nicht auch der Testosteronspiegel bei Mannschaften mit Heimvorteil?

Das deutet zumindest eine Studie an und wertet diese Zunahme als Indikator, dass die Heimmannschaft leistungsstärker wird. Diese Ergebnisse wurden aber noch nicht wieder bestätigt.

Hat darauf das Publikum überhaupt einen großen Einfluss?

Nein, eigentlich spielen die Fans eine relative geringe Rolle. Wir wissen, dass sich ihre Lautstärke vor allem bei gelben Karten auswirkt, die eher gegen Gästemannschaften vergeben werden. Studien belegen, dass Schiedsrichter von Lärm unbewusst beeinflusst werden: Sie nehmen alle Informationen auf, die auf sie einprasseln, darunter selbstverständlich auch Zuschauerreaktionen. Experimente im Labor zeigen, dass die Schiedsrichter eher gelb zeigen, wenn Radau im Stadion ist. Das war möglicherweise auch ein Einflussfaktor beim unberechtigten Elfmeter für Brasilien im ersten Spiel gegen Kroatien.

Das ist ein gutes Stichwort, denn die WM wird auch durch viele Fehlentscheidungen geprägt. Ist das nur eine Frage der Qualität der Schiedsrichter, die bei einzelnen Länderverbänden unterschiedlich ist – oder spielen auch hier psychologische Aspekte eine Rolle?

Protestresistent
Protestresistent | Schiedsrichter müssen sich oft für Entscheidun­gen rechtfertigen, die sie in Sekundenschnelle getroffen haben.

Man sollte differenzieren, denn auch Schiedsrichter auf Toplevel aus den großen europäischen Ligen machten Fehler. Die Mehrzahl der Fehlentscheidungen hängt einfach mit der limitierten menschlichen Wahrnehmung zusammen: Wir können schlicht nicht alles erkennen. Ein Beispiel aus unserem Labor: Beträgt der Sehwinkel des Linienrichters mehr als 35 Grad zwischen dem Abstand der Verteidigerreihe und der gegnerischen Abspielstation, entscheiden die Unparteiischen in der Hälfte aller Fälle unberechtigt auf Abseits oder übersehen dieses. Technische Hilfsmittel sind daher unbestritten ein Gewinn, etwa die Torlinientechnik. Und auch der Videobeweis sollte eingeführt werden. Andernfalls müssen wir einfach mit Fehlentscheidungen leben.

Ringer in roten Trikots und folglich einer als aggressiv geltenden Farbe gewinnen häufiger als ihre Kontrahenten in Blau. Ein ähnlicher Zusammenhang wird auch für Mannschaftssportarten diskutiert. Spielen Trikotfarben psychologisch wirklich eine Rolle und lässt sich dies gegenwärtig bei der WM beobachten?

Ich bin skeptisch, denn es lässt sich höchstens ein schwacher Trend ausmachen, und die Studien sind nicht eindeutig, ob die Farbe überhaupt einen Einfluss hat. Wir brauchen hierfür erst robustere Daten.

Nun geht es in die KO-Runde, und es drohen wieder Elfmeterschießen. Gibt es so etwas wie die Angst des Schützen vor dem Elfmeter?

Das Versagen vom Elfmeterpunkt lässt sich mit schönen Mechanismen begründen: Die verantwortlichen Spieler kehren dem Torwart den Rücken zu, während sie zum Anlauf schreiten, statt ihn ins Visier zu nehmen. Oder sie treten sehr schnell nach der Freigabe zum Schuss an. Sie wollen also der Situation möglichst schnell entkommen. Diese Verunsicherung und Vermeidungstendenz des Spielers spürt der Torwart und macht ihn mental stärker; zudem glaubt er, dass der Schütze nicht so stark und sicher ist. Die Wahrscheinlichkeit eines Fehlschusses steigt. Insgesamt gibt es mehr als 90 Studien zum Thema Elfmeterschießen. Wenn ein Team nach jedem verwandelten Elfer stark jubelt, erhöht sich Wahrscheinlichkeit um sieben Prozent, dass auch der jeweils nächste Schütze der eigenen Mannschaft erneut trifft.

Wie kann der Torhüter dagegen halten?

Die beste Waffe des Torwartes ist es, den Schützen auf eine falsche Fährte zu locken: Er stellt sich etwas neben die eigentlich Tormitte und gibt das bevorzugt anvisierte Eck des Schützen quasi "frei" ohne dass es der Schütze bewusst merkt. Wenn er dann im richtigen Moment abspringt, hat er gute Chancen den Ball zu halten. Er darf aber natürlich nicht zu weit diese Ecke preisgeben, sonst fällt es auf.

Zusammen mit Ihren Kollegen haben sie ein mathematisches Modell entwickelt, wer Weltmeister wird: Welche Faktoren fließen darin ein?

Wir wissen aus Untersuchungen, dass Fußballexperten beim Tippen nicht besser abschneiden als Laien. Deshalb galt lange die FIFA-Weltrangliste der Nationalmannschaften als bester Indikator für den zukünftigen Erfolg einer Mannschaft und eben nicht das Erfahrungswissen von Zockern oder Fußballern. Dann hat man aber erkannt, dass Wettquoten generiert von vielen "Tippern" dies noch besser prognostizieren: Wer wettet, erhofft sich etwas von einer Mannschaft und zieht ins Kalkül, wer Heimvorteil hat, welche Spieler verletzt oder gesperrt sind und wie die Mannschaft bisher im Turnierverlauf abgeschnitten hat. Wir kombinieren nun diese beiden Parameter: die Weltrangliste, um die bisherige Stärke der Mannschaft im Blick zu haben – das ist der Vergangenheitsindikator, während die Wettquoten ein Zukunftsindikator sind. Und als Dreingabe bauen wir einen Zufallsfaktor mit ein. Dabei handelt es sich ein weiteres statistisches Modell, das unerwartete Dinge wie Eigentore, Fehlentscheidungen oder einfach einen "schlechten Tag" abbilden soll. Diesen Algorithmus haben wir 100 000 Mal durchlaufen lassen, um Wahrscheinlichkeiten für Sieg, Unentschieden oder Niederlage auszurechnen. Das heißt, wir haben die WM in Brasilien 100 000 Mal simuliert. Wir wollen zeigen, dass dieser "Dreierpack" die besten Voraussagen liefert.

Kann man überhaupt berechnen, wer Weltmeister wird?

Wir erhalten natürlich nur Wahrscheinlichkeiten, die sich vor jedem Spiel wieder neu berechnen lassen. Und Brasilien wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 20,4 Prozent Weltmeister, was eine relativ starke Quote ist. Umgekehrt wird es Brasilien aber auch zu 80 Prozent nicht. Bei Argentinien, der zweitplatzierten Nation, liegt der Wert allerdings schon nur noch bei 14,7 Prozent, auf Deutschland entfallen sogar nur 12,3 Prozent. Fußball bleibt also immer ein Stück unwägbar. Ich vertraue unserem Modell, dass Brasilien am Ende als Sieger dasteht

Und Deutschland?

Ich würde mich freuen, wenn es Deutschland wird. Ich habe aber auch noch einen Geheimtipp: Chile. Mal sehen, wie sie gegen Brasilien abschneiden.

Vielen Dank für das Gespräch.

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