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Wetter in Deutschland: Ein März der Superlative

Für viele ist das Wetter schlicht traumhaft, für Land- und Forstwirte fällt der März bislang katastrophal trocken aus. Wie ungewöhnlich ist das Wetter in Deutschland bislang?
Blühende Krokusse bekommen Bienenbesuch

Den Wetterbericht kann man sich im März 2022 fast schenken, bis mindestens Ende der Woche herrscht deutschlandweit nur ein Wetter: Sonne von morgens bis abends. Auch die Temperaturen sind von Tag zu Tag identisch, sie reichen von etwas kühleren zehn Grad an der See auf bis zu frühlingshaften 20 Grad Celsius im Südwesten. Nachts wird es kühl, aber selten frostig. Regen ist nicht in Sicht am Firmament. Und auch der Wind spielt mittlerweile eine untergeordnete Rolle.

Eine rekordverdächtig kräftige Hochdruckwetterlage dominiert das Wetter in Mitteleuropa seit Anfang März, Meteorologen sprechen von einer Omegawetterlage, die als besonders beständig gilt. Glaubt man einigen Wettermodellen, setzt sich die ungewöhnlich sonnige Phase sogar bis Monatsende fort. Selbst bei einer prognostizierten Umstellung der Strömung nächste Woche auf Nordwest bleiben die vorhergesagten Niederschläge bescheiden. Damit zeichnet sich ab, dass der März zahlreiche Rekorde brechen wird. Beim Luftdruck ist das bereits sicher, bei der Sonnenscheindauer so gut wie sicher, bei der Trockenheit wahrscheinlich. Und die längste trockene Phase seit Aufzeichnungsbeginn ist zumindest lokal möglich.

Beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach ist man jedenfalls erstaunt über diesen ungewöhnlichen Frühlingsmonat. Viele Wetterstationen haben noch überhaupt keinen Regen gemeldet, teilt Marcel Schmid mit, vor allem der Nordosten und der tiefe Süden sind staubtrocken. Nennenswerter Regen sei lediglich regional zur Monatsmitte gefallen, die Mengen halten sich aber in Grenzen. »Stand jetzt kommt auch kein Regen mehr dazu«, sagt Schmid. Das Hoch will einfach nicht weichen.

Saharastaub über den Schweizer Alpen | Ein ungewöhnliches Wetterphänomen sorgte dafür, dass im März 2022 große Mengen an Saharastaub nach Mitteleuropa zogen.

Nicht schlecht gestaunt haben die Meteorologen über den Hochdruckzwilling »Peter« und »Oliver« am Samstag, dem 19. März. Über Südskandinavien blähten sich gleich zwei Brummer auf, beide erreichten einen Kerndruck von mehr als 1050 Hektopascal. Einen solchen Wert muss man auf einem herkömmlichen Barometer erst einmal suchen. In Schleswig-Holstein wurde ein Allzeitrekord geknackt: In Kiel registrierten die Messgeräte am Leuchtturm einen Luftdruck von 1049,5 Hektopascal. In Südnorwegen gab es sogar 1053,2 Hektopascal, allerdings ist dieser Wert noch etwas vom Deutschlandrekord von 1060,8 Hektopascal entfernt, der Ende Januar 1907 in Greifswald gemessen wurde.

Sonne von früh bis spät

Als sicher gilt jedoch ein neuer Sonnenscheinrekord für März. Alle Wetterstationen im Land melden schon jetzt mehr Sonne als in einem normalen März üblich, auf der Zuspitze dürften zur Wochenmitte sogar schon 200 Stunden erreicht werden. 155 Stunden beträgt der Wert im Bundesdurchschnitt, der bisherige Höchstwert datiert vom März 1931 mit 197 Stunden Sonnenschein. Da die Sonne im Land in den nächsten Tagen ungehindert vom Himmel scheinen wird, könnte der Rekord schon zum Wochenende übertroffen werden.

Zudem könnte der März einen neuen Trockenrekord aufstellen. Sieben Liter nur sind bislang durchschnittlich pro Quadratmeter gefallen, normal wären 51. Im bislang trockensten März 1929 seit Aufzeichnungsbeginn 1884 fielen immerhin zehn Liter pro Quadratmeter. Und zumindest bis Anfang kommender Woche kommt nichts vom Himmel, ein neuer Rekord ist also möglich. Weniger wahrscheinlich ist hingegen das Brechen eines anderen Rekords, dem der längsten Trockenphase in Deutschland ohne messbaren Regen. Den hält Schwarzburg in Thüringen mit 58 Tagen, aufgestellt im Jahr 1959. Vom 23. August bis 19. Oktober fiel dort damals kein einziger Tropfen Regen.

Dass im März etwas weniger Regen fällt als in anderen Monaten, ist allerdings nicht so ganz ungewöhnlich. Im ausgehenden Winter bilden sich über Europa sehr oft blockierende Hochdruckwetterlagen, die Regen- oder Schneewolken vom Atlantik fernhalten. Von den durchschnittlich etwa 30 Blockings, die jedes Jahr auf der Nordhalbkugel auftreten, entstehen die meisten am Ende des Winters oder im Frühling. Besonders häufig baut sich dann ein Skandinavienhoch auf, das für eine Omegalage sorgt. So war es auch in diesem Jahr.

Die große Märztrockenheit hat Auswirkungen auf die Waldbrandgefahr. Vielerorts kommt es zu Wald- oder Flächenbränden, die Feuerwehren sind in Alarmbereitschaft. Auf der Waldbrandgefahrenkarte des Deutschen Wetterdienstes leuchten weite Landesteile rot, dort herrscht die zweihöchste Gefahrenstufe 4. Der Grund für die hohe Brandgefahr ist aber nicht nur die Trockenheit. Im Vorfrühling ist der Boden noch mit einer Streuschicht vom Jahr zuvor bedeckt. Dabei handelt es sich um altes Laub oder Gras, das sehr schnell austrocknet, wenn es längere Zeit nicht regnet. Ab April und Mai überwächst frisches, saftiges Gras die trockene Schicht und bannt die Waldbrandgefahr meist wieder.

Noch sind die Böden feucht

Die Landwirte sind wegen der Trockenheit allerdings noch nicht besorgt. »Der Winter war feucht genug, um den Boden mit Wasser zu sättigen«, sagt Agrarmeteorologe Andreas Brömser vom Deutschen Wetterdienst in Braunschweig. Die Böden sind also noch gut gefüllt, auch wenn sie in den oberen zehn Zentimetern schon teilweise sehr trocken seien, sagt er. Bislang spielt die Verdunstung jedenfalls noch eine untergeordnete Rolle, so dass es bisher keine Probleme gebe. Im Gegenteil, die Landwirte sind in der ersten Märzhälfte grundsätzlich sogar froh über eine stabile trockene Witterung, weil sie mit ihren schweren Maschinen auf die Felder fahren können, ohne den Boden zu verdichten. Denn in diesem Winter fiel der Februar besonders nass aus. Kritisch würde es in der Landwirtschaft erst, wenn die Trockenheit auch im April anhielte, sagt Andreas Brömser. Dann sind die meisten Pflanzen bereits grün, saugen Wasser aus dem Boden und erhöhen damit die Verdunstungsraten. Vor allem das Sommergetreide bekäme irgendwann Probleme, weil es nur über dünne Wurzeln verfügt.

Eine Dürre, wie sie in den Vorjahren häufiger auftrat, käme in diesem Jahr allerdings besonders ungelegen, weil die EU auf Importe aus der Ukraine nun wohl verzichten muss. Zudem drohen Ernteausfälle in Spanien, Portugal und Nordafrika. Dort hat es im Winterhalbjahr deutlich weniger als üblich geregnet, das Jahr droht eines der trockensten seit 1961 zu werden, wie der spanische Wetterdienst Aemet mitteilt. Viele Stauseen sind deshalb nicht einmal zur Hälfte gefüllt; im Februar waren längst vergessene Geisterdörfer in den Becken wieder aufgetaucht. Auch in Portugal hat es viel zu wenig geregnet, teilweise herrscht eine extreme Dürre. Ebenfalls mit Trockenheit hat Marokko zu kämpfen, die diesjährige Getreide- und Gemüseernte könnte besonders mager ausfallen. Der Winterregen ist am Mittelmeer so wichtig, weil während der Sommermonate kaum Regen fällt. Allerdings entspannte sich im März die Lage vielerorts schon etwas. Über der Iberischen Halbinsel hat sich ein Tiefdruckgebiet eingekringelt, das vor allem der Ostküste Starkregen beschert. Es musste dem dicken Hoch über Mitteleuropa nach Südwesten ausweichen.

Ungewöhnlich verlief der Winter schließlich noch auf den Kanarischen Inseln. Dort hatten Einheimische wie Urlauber wiederholt mit schweren Staubstürmen zu kämpfen, der so genannten Calima. Dabei handelt es sich um aufgewirbelten Saharasand, der über den Atlantik westwärts getragen wird und über die Inseln fegt. Der Sand färbt den Himmel orange und erschwert das Atmen. In diesem Winter trat das Phänomen ungewöhnlich häufig auf, und die Kanaren könnten in Zukunft öfter davon getroffen werden: Durch den Klimawandel werde die Calima heftiger und häufiger, sagte der Meteorologe Emilio Cuevas von Aemet kürzlich einer kanarischen Zeitung. Wegen der Erhitzung der Sahara komme es künftig zu häufigeren Ostwinden, die das Wetterphänomen auslösen. Das für die Kanaren maßgebliche Azorenhoch verlagere sich hingegen weiter nach Osten. Die Urlaubsregion könnte dadurch im Winter ihr Flair verlieren und damit ihren Reiz für viele Urlauber, die dem dunklen Winter in Europa entkommen wollen.

Saharasand hatte Mitte März zudem weite Teile Europas bedeckt, vor allem in Südspanien, Frankreich und Deutschland färbte der feine Sand den Himmel in ein gelbes, fahles Licht und löste mehrere Tage eine Wolkendecke aus. Das Event galt als sehr ausgeprägt. Ohne das Wetterphänomen hätte der März sogar noch deutlich mehr Sonne zu bieten gehabt. Ob das sonnige Wetter allerdings über den Monatswechsel anhält, ist fraglich. Nächste Woche sickert Polarluft nach Deutschland, und die Meteorologen erwarten ein anderes ungewöhnliches Wetterphänomen: Regen.

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