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Wetter: Was von der »mörderischen Hitze« bleibt

Bis zu 45 Grad Celsius soll es in Deutschland heiß werden, meldeten Wetter-Apps. Doch das war ein Extremlauf. Wie heiß wird es tatsächlich, und was droht Südeuropa?
Die Sonne strahlt vom Himmel
Ein kräftiges Hoch und Zustrom von Saharaluft treiben die Temperaturen in Westeuropa nach oben.

Als der amerikanische Wetterdienst am 2. Juli erstmals eine extreme Hitzewelle für Mitte Juli berechnete und eine beispiellose Hitzeblase aus der Wüste nach Europa kommen sah, nahm das zunächst niemand ernst. Zu weit weg, zu extrem, eine verrückte Modellspielerei, dachten viele Meteorologen. Doch dann geisterte die Extremhitze in den Wetterkarten wieder und wieder herum, die Computer berechneten unglaubliche Höchstwerte: 50 Grad leuchteten in Spanien auf, 45 Grad in Frankreich, und auch in Deutschland stand eine dunkelrote 41. Das waren zwar Extremlösungen des Global Forecast System (GFS), aber allmählich setzte sich ein Trend fest: Etwas Größeres steht Mitte des Monats an.

Am 9. Juli dann spuckte das GFS einen Lauf aus, der so dystopisch war, dass die sozialen Netzwerke sofort heiß liefen. 46 Grad Celsius in Belgien und 45 in Köln wurden vorhergesagt. Werte, die es so noch nie in Mitteleuropa gab und die den erst 2019 aufgestellten Hitzerekord von 41,2 Grad Celsius in Duisburg um rund drei Grad pulverisiert hätten. In den kostenlosen Wetter-Apps werden solche Höchstwerte eines Hauptlaufs grundsätzlich direkt und ungefiltert angezeigt, daher sprach sich die angebliche Monsterhitze sehr schnell herum und wurde zu einem Gesprächsthema, das auch viele Medien sehr bereitwillig befeuerten. Aber was war dran an der Berechnung des GFS?

Auf nüchterne Einschätzungen musste man zunächst warten, im Bann der »Mörderhitze« wurden Wetterkarten und knallrote Hitzewerte gepostet. Dass Laien von solchen Berechnungen überwältigt sind, ist verständlich. Auch gestandene Fernsehmeteorologen machten den Wert zum Thema, wobei ihre Einordnung in Twitter-Threads oft unterging, weil nur der erste Tweet dazu kommentiert wurde.

Eine weitere Einschätzung stammte von Janek Zimmer, Experte für numerische Vorhersagen bei »kachelmannwetter.com«. Der Wettermodellentwickler wies ebenfalls bei Twitter darauf hin, dass es sich bei den 45 Grad Celsius wohl um einen Temperaturprognosefehler handle, weil das Modell die Bodenfeuchte mit null Prozent unrealistisch darstellte. Dadurch seien die Höchstwerte um zwei, drei oder gar vier Grad erhöht. Denn völlig trocken fallen die Böden in Europa bislang nicht.

Marcel Schmid, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD), hatte den Wüstenlauf am Samstag ebenfalls gesehen, dabei war er gerade nicht im Dienst. Er hatte einen solchen Lauf ebenfalls noch nicht gesehen, gibt er ehrlich zu, aber dann dachte er nach. Die Berechnung lag mehr als eine Woche im Voraus, zudem lagen die Ensembles drei bis vier Grad unter dem Hauptlauf. Ensembles sind Berechnungen mit leicht veränderten Anfangsbedingungen, um die Prognosequalität des Hauptlaufs einzuschätzen. Außerdem sahen die anderen Modelle wie das EZWMF oder das hauseigene Icon weniger extreme Hitze voraus. Dadurch wusste er, dass man mit diesem Hauptlauf äußerst vorsichtig umgehen müsse, »um die Leute nicht verrückt zu machen«. Denn am Ende sei ja die Frage, was bei den Leuten hängen bleibe, zumal viele nur die Schlagzeilen läsen. Titel wie »45 Grad in Deutschland!« musste man jedenfalls nicht lange suchen. Und das angesichts eines einzigen Modelllaufs eines einzigen Modells.

Die Modelle beruhigen sich

Wenige Tage später ist von der Extremhitze nur noch der Hype übrig. Kein Modell sieht mehr extremste Hitze, »die 45 Grad sind vom Tisch«, sagt Marcel Schmid. Sogar 40 Grad Celsius werden Anfang nächster Woche wohl nicht erreicht – neue Rekordwerte sind momentan unwahrscheinlich. Stattdessen sickert zum Wochenende kühle Meeresluft bis zur Mitte Deutschlands, im Norden bleibt es windig und wenig sommerlich. »Dort wird man sich fragen, was das ganze Brimborium eigentlich soll«, fasst es Meteorologe Schmid zusammen. Das Wetter tendiert dort eher Richtung Herbst.

Einzig im Südwesten droht tatsächlich eine längere Hitzewelle, der erste Vorstoß der trockenheißen Luft begann hier bereits am 12. Juli. Zur Wochenmitte könnte das Thermometer am Oberrhein die 35-Grad-Schwelle übersteigen, bevor zum Freitag die Temperaturen deutlich zurückgehen. Trotzdem könnte es am Oberrhein für mehrere Tage zu 30 Grad und mehr reichen. Kurzum: Im Südwesten ist eine längere Hitzewelle wahrscheinlich, nach Nordosten eher nicht.

Dürre in Norditalien | In Norditalien ist die Dürre bereits jetzt katastrophal. Selbst der Po ist vielerorts zu einem Rinnsal geschrumpft, und Wasser wird rationiert. Die Trockenheit soll sich hier noch verschärfen.

Trockenheit verschärft sich

Und die Extremhitze? Die wird mittlerweile ab dem 18. Juli berechnet und tendenziell weiter nach hinten verschoben. Ob sie das ganze Land flutet oder nur in den Süden gepumpt wird, ist ungewiss. Dennoch wird es verbreitet heiß, mitunter sogar extrem heiß. Doch wie intensiv der Vorstoß der Wüstenluft ausfällt und wie lange er anhält, ist bislang unklar. Im Gegensatz zur eher kurzen Hitze im Juni könnte sie aber durchaus ein längeres Gastspiel in Mitteleuropa geben. Nur wenig deutet auf gemäßigtere Wetterbedingungen hin, die in einem mitteleuropäischen Sommer eigentlich normal wären.

Und damit liegt das Jahr 2022 im Trend: Mehr Hitze ist das eindeutigste Zeichen des Klimawandels, vor allem Europa ist weltweit von einer der stärksten Zunahmen von Hitzeextremen betroffen. Seit den 1950er Jahren hat sich die Zahl der heißen Tage mit Temperaturen von mindestens 30 Grad Celsius deutschlandweit verdreifacht. Und der Trend zu mehr Hitzewellen wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten fortsetzen, mit jedem weiteren Grad Erwärmung verdoppelt sich ungefähr die Zahl der heißen Tage. Bis jetzt hat sich die Temperatur in Deutschland um zwei Grad erwärmt.

Kurzfristig wie langfristig verschärft sich damit auch die Trockenheit. Das EZMWF rechnet mit flächendeckend einem Drittel weniger Regen als üblich bis über Mitte Juli hinaus, in einigen Regionen könnte sogar noch weit weniger vom Himmel fallen. Damit bleibt die Lage weiter angespannt: Denn seit Jahresbeginn hat es in vielen Teilen des Landes deutlich zu wenig geregnet, vor allem in Teilen Ostdeutschlands wird das Wasser schon knapp. Und auch der Juni brachte bundesweit ein Fünftel weniger Niederschlag, am wenigsten kam in Nordbayern und Thüringen herunter. Richtung Alpen gab es im Juni zwar ordentliche Regengüsse, doch das reichte nicht, um das Wasserdefizit in den Böden auszugleichen. Zum einen sickerte der heftige Gewitterregen nur teilweise ins Erdreich ein, zum anderen lag die Verdunstung durch die extrem hohen Temperaturen bei rekordverdächtigen Werten. Der Deutsche Feuerwehren-Verband warnte am Dienstag deshalb bereits vor katastrophalen Bränden in der Vegetation.

Südeuropa glüht

Noch schlimmer ist die Lage in Südeuropa. Von Portugal bis Italien müssen sich die Menschen auf noch mehr Hitze, Dürre und Brände einstellen. Vor allem Spanien und Frankreich heizen sich weiter auf, dort sind Extremwerte von 40 und 45 Grad Celsius keine verrückte Modellspielerei, sondern bittere Wirklichkeit. Hinzu kommt die Dürre: Vor allem Norditalien leidet schon jetzt unter extrem hohen Temperaturen und Trockenheit, der Po ist vielerorts trockengefallen, überall fehlt Wasser. Seit Monaten hat es zu wenig geregnet, das Frühjahr war das viertrockenste seit 1901, bilanzierte der Deutsche Wetterdienst Anfang Juli. Insofern trifft die Hitzewelle die Länder am Mittelmeer zu einem besonders heiklen Zeitpunkt. Der Klimawandel wird diesen Trend weiter verstärken, das Jahr 2022 ist nur ein Vorgeschmack auf eine buchstäblich brenzlige Zukunft. Die Iberische Halbinsel ist jetzt schon so trocken wie seit mindestens 1200 Jahren nicht mehr.

Droht Deutschland ein Jahrhundertsommer wie 2003? So extrem muss es am Ende nicht kommen. Damals brachte schon der Juni eine lange Hitzewelle, zudem fiel kaum Regen. Der Juli 2003 verlief eher moderat, extrem heiße Wüstenluft strömte in der ersten Augusthälfte heran. Sollte die anstehende Hitze in diesem Jahr allerdings mehrere Wochen anhalten, könnte der Sommer 2022 am Ende historisch werden. Beim Klima sind die Aussichten hingegen eindeutig: Die Heißzeit hat gerade erst begonnen.

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