Wetterfühligkeit: Gewitter in den Knochen

»Wenn es ganz schlimm ist, flimmert es mir vor den Augen und ich kann nicht mehr richtig sehen.« Anke* ist wetterfühlig – so beschreibt sich die 63-Jährige selbst. Zieht ein Gewitter auf oder wechseln sich Hoch- und Tiefdruckgebiete in schneller Folge ab, beginnen bei ihr die Kopfschmerzen und der Schwindel. Die Sehprobleme sind besonders unangenehm und behindern sie bei ihrer Arbeit am Computer. Und es hilft nicht gerade, dass die Konzentration nachlässt und sie sich schlapp fühlt.
Anke ist mit solchen Beschwerden nicht allein. Wer nicht selbst darunter leidet, kennt mit Sicherheit andere Menschen, denen abrupte Wetterumschwünge zu schaffen machen. Wie häufig so etwas vorkommt, wird in Deutschland seit 2001 untersucht. Zuletzt befragte das Institut für Demoskopie Allensbach im Jahr 2021 eine repräsentative Stichprobe aus 1080 Teilnehmenden zu ihren Erfahrungen. Dabei kam heraus: Rund ein Drittel von ihnen fanden, dass das Wetter ihre Gesundheit beeinflusst. Und zwölf Prozent berichteten von starken Beeinträchtigungen.
Wie bei Anke waren Kopfschmerzen oder Migräne dabei die häufigsten Beschwerden, gefolgt von Erschöpfung oder Fatigue, Schlafstörungen und Gelenkschmerzen. Zudem zeigen die Daten: Deutlich mehr Frauen als Männer leiden unter wetterbedingten Symptomen. Außerdem sind besonders Ältere und chronisch Kranke betroffen.
Nur fühlig oder schon empfindlich?
Diese Erfahrung teilt auch Andrea Lindwurm-Spaeth. Die Ärztin ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Als Teil der DEGAM-Sektion Klimawandel und Gesundheit hat sie einen geschärften Blick auf derartige Fragen. In ihrer Praxis spricht sie mit Patientinnen und Patienten oft über das Wetter – vor allem mit älteren Frauen. Allerdings: »Die Menschen kommen selten in die Sprechstunde und klagen über Wetterprobleme«, so die Hausärztin. »Vielmehr geht es um Schwindel, Kopfschmerzen, Blutdruckbeschwerden und ähnliche Symptome.« Erst wenn keine klaren Ursachen festgestellt werden können, komme die Wetterfühligkeit ins Spiel. »Im Nachgang fällt den Betroffenen dann oft auf, dass sie immer bei einem Wetterwechsel solche Leiden haben, sich einfach nicht gut fühlen.«
Allerdings gibt es bei dem Phänomen eine wichtige Unterscheidung: Sonst gesunde Menschen verspüren aufgrund der Wettersituation bestimmte Symptome, weil ihr vegetatives Nervensystem besonders sensitiv gegenüber Temperatur- und Luftdruckschwankungen ist. Das ist die klassische »Wetterfühligkeit« oder Meteoropathie (von griechisch meteora = Himmelserscheinung und pathos = Schmerz). Von »Wetterempfindlichkeit« spricht man hingegen bei Leuten, deren bereits bestehende Schmerzen oder andere Vorerkrankungen wie etwa Rheuma dadurch verstärkt werden. Sie leiden heftiger unter Wetterveränderungen. »Man kennt das vielleicht von der Tante oder der Oma: Die sagen dann: ›Mein Knie tut weh, das Wetter ändert sich‹«, sagt Andreas Matzarakis, Umweltmeteorologe an der Universität Freiburg.
Über wetterverursachte Beschwerden sprechen Menschen schon lange. Der Begriff Meteoropathie wurde hingegen erst im späten 20. Jahrhundert eingeführt und in der Wissenschaft verwendet. Dabei kam auch die Frage auf: Wie entsteht das Phänomen eigentlich? »Das kommt nicht aus dem Nichts. Die Wettersituation verstärkt Beschwerden, die vorher schon da waren«, erklärt Matzarakis.
»Das kommt nicht aus dem Nichts. Die Wettersituation verstärkt Beschwerden, die vorher schon da waren«Andreas Matzarakis, Umweltmeteorologe
Menschen mit Herzerkrankungen, Schmerzen oder anderen Leiden können sich demnach oft nicht so gut an Wetterumschwünge anpassen, weil ihr gesamter Organismus schon genug mit dem Umgang mit der Krankheit zu tun hat. Um gut zu funktionieren, braucht der Körper, besonders die inneren Organe, eine konstante Wärme von 37 Grad Celsius. Gesunde, fitte Personen reagieren relativ schnell auf äußere Temperaturänderungen und gleichen diese aus. Das vegetative Nervensystem sendet hierzu Signale, die unter anderem den Hormonhaushalt anpassen.
Funktioniert das allerdings – etwa durch Vorerkrankungen – weniger effizient, spürt man die Wetterwechsel deutlicher. Andreas Matzarakis vergleicht das mit etwas, was vermutlich fast alle kennen: »Wenn Sie krank sind und duschen und plötzlich kaltes Wasser auf die Haut bekommen, ist das mitunter sehr unangenehm.«
Von Luftdruck bis zu Hormonen
Welche Mechanismen dahinterstecken, kommt aber auch auf die Symptome an. Die Kopfschmerzen und der Schwindel von Anke hängen mit einer Vorerkrankung zusammen: »Meine Mutter und ich sind migränegeschädigt, und ich habe da eben eine besondere Empfindlichkeit.«
Manche Fachleute glauben, dass für wetterbedingte Kopfschmerzen vor allem Veränderungen im Luftdruck verantwortlich sind. Dadurch könnte ein Ungleichgewicht zwischen dem barometrischen Druck im Kopf und in der Luft entstehen, das Schmerznerven stimuliert, kleine Entzündungen verursacht und Migräne auslöst. Eine andere Theorie konzentriert sich auf Botenstoffe im Gehirn: Verschiedene meteorologische Variablen wie Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und weitere Aspekte könnten die Ausschüttung von Neurotransmittern verändern.
Wichtig bei allen möglichen Erklärungen: Das Wetter selbst macht nicht krank. Wenn es Beschwerden auslöst, geschieht das immer durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, von genetischen Einflüssen über Vorerkrankungen bis hin zur körperlichen Fitness.
»Wenn die Leute zu uns kommen, ist es für sie ja schon schlimm genug, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen«Andrea Lindwurm-Spaeth, Allgemeinmedizinerin
Die Symptome eindeutig dem Wetter zuzuordnen, ist in der Praxis entsprechend schwierig. Wie Andrea Lindwurm-Spaeth beschreibt, kommen sie und ihre Patienten vor allem über den Ausschluss anderer Erklärungen darauf. Und das, obwohl in diesen Fällen die Beschwerden mindestens störend wirken: »Wenn die Leute zu uns kommen, ist es für sie ja schon schlimm genug, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen.«
Anke hingegen findet es vor allem lästig. »Man wird einfach müde, wenn es zu lange dauert bis zur Entladung eines Gewitters.« Immerhin kann sie den Grund für sich benennen und weiß, dass es früher oder später wieder verschwindet. Auch die Erfahrung der Ärztin zeigt, dass es hilft, zu wissen, was die Probleme auslöst: »Unser Ziel ist es ja, Ursachen zu ergründen. Wenn unklar ist, woher die Schmerzen oder das Unwohlsein kommen, ist das schwerer zu ertragen.«
Schon Kinder können wetterfühlig sein
Wie anfällig jemand für wetterbedingte Beschwerden ist, lässt sich messen. Dafür wurde ein eigener Fragebogen entwickelt, der METEO-Questionnaire (METEO-Q). In den ersten fünf Punkten geht es um die Stimmungsänderungen, ausgelöst durch Temperatur, Jahreszeit, atmosphärische Veränderungen, geografische Zonen, Jetlag und Breitengrad. Darauf folgen sechs Punkte zu den qualitativen Wirkungen der Symptome: etwa, ob das Wetter die täglichen Aktivitäten beeinträchtigt oder ob die Beschwerden weniger werden beziehungsweise ganz verschwinden, wenn sich die Wetterbedingungen ändern. Hinzu kommt eine Checkliste mit den 21 häufigsten Symptomen, beispielsweise Verdauungsprobleme, Schwindel, Übelkeit oder Schlafstörungen.
Bei solchen Befragungen kristallisiert sich eine Anfälligkeit vor allem bei älteren Menschen, chronisch Kranken und Frauen heraus. Aber schon Kinder können wetterfühlig sein. Anke war eines davon. »Ich war schon immer so ein bisschen eine Wetterhexe«, erinnert sie sich. »Wenn wir in meiner Kindheit zusammen spielten, habe ich immer meinen Kameraden gesagt, wenn ein Gewitter aufzog und wir uns besser aus dem Wald verziehen sollten.«
Andreas Matzarakis kennt zudem weitere Gruppen, die oft unter Wetterschwankungen leiden: »Neben den älteren Leuten mit Herz-Kreislauf-Problemen gibt es die Asthmatiker in allen Altersgruppen – und dann noch die ganzen Geschichten mit Stress im Alltag, das sind eher die Jüngeren.« Bei den Statistiken komme es ohnehin immer darauf an, wie gefragt würde. Während manche Senioren gern über ihre schmerzenden Knochen beim Wetterumschwung sprechen, sei das bei vielen Jüngeren eher ein Tabu.
Kaum handfeste Untersuchungen zur Wetterfühligkeit
Insgesamt ist die wissenschaftliche Studienlage zur Meteoropathie aber nicht besonders gut: Es gibt nur wenige Untersuchungen, die sich noch dazu häufig auf Selbstberichte stützen, oft nicht einmal mit der validierten METEO-Q-Skala.
Einige Arbeiten betrachten gezielt bestimmte Gruppen. So etwa eine Metaanalyse von 2024 über elf Studien, die zusammen über 15 000 Teilnehmende umfassen. Die Fachleute um Manuela Ferreira von der University of Sydney wollten dabei einordnen, inwiefern das Wetter das Risiko für verschiedene Muskel- und Skeletterkrankungen beeinflusst.
Immerhin ist »Ich spür’s in den Knochen« ein gängiger Satz, wenn es um aufziehende Gewitter und ähnliche Wetterphänomene geht. Anekdotische Berichte über schmerzende Gelenke bei Wetterwechseln gibt es zuhauf: Etwa zwei Drittel der Patienten und Patientinnen mit Arthrose in den Knien, der Hüfte oder den Händen geben an, dass ihr Schmerz durch das Wetter ausgelöst wird. Wissenschaftlich gesehen ist der Zusammenhang allerdings weniger deutlich.
Tatsächlich fand die Metaanalyse keine Hinweise auf einen Einfluss der Wetterveränderungen auf Arthritis oder Knie-, Hüft- und Rückenschmerzen. Einzig bei Gichterkrankungen schien das Wetter die Symptome zu verschlimmern. Die Autoren betonen allerdings: Reviews und Metaanalysen sind letztendlich nur so gut wie die einzelnen Studien, die sie berücksichtigen. Das ist bei vielen Fragestellungen ein Problem – so auch hier: Die Originalarbeiten untersuchten oft nur wenige Teilnehmende, blickten auf sehr kurze Zeiträume, verblindeten nicht angemessen und beachteten mögliche Störfaktoren nicht ausreichend. So könnten Begleiterkrankungen oder das alltägliche Verhalten eine Rolle spielen. Häufig wurden solche Aspekte jedoch nicht einmal erhoben.
Gerade bei rheumatischen Erkrankungen sei die Untersuchung schwierig, sagt Matzarakis: »Wir haben ungefähr 200 Stück davon, mit unterschiedlichen Symptomen und Mechanismen – da lässt sich kaum der genaue Einfluss des Wetters herausfiltern.« Eindeutiger seien die Daten für Herz-Kreislauf-Krankheiten. »Bei solchen Fragen, auch etwa bei Blutdruck, geht es um Thermophysiologie. Da haben wir eine recht gute Vorstellung davon, wie die Wetterveränderungen sich auswirken: über das vegetative Nervensystem, gesteuert von der Hirnanhangdrüse.«
Auch bei Atemwegserkrankungen seien Umwelteinflüsse gut belegt. Dabei gehe es allerdings häufig um Schadstoffe oder Allergene in der Luft – und schon werde es schwieriger, den Anteil von Wetterschwankungen an den Ursachen zu berechnen. Noch schwammiger sei die Sachlage bei allgemeinen Symptomen wie Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Migräne. Für diese Aspekte gebe es keine guten Untersuchungen.
Sicher ist dagegen: Niemand kann sich gegen wetterbedingte Beschwerden immun wähnen, warnt Matzarakis: »Vielleicht sind Sie gerade fit und haben gar keine Probleme damit. Und dann kommt mal eine Bronchitis oder eine andere Erkrankung, und plötzlich gehören Sie auch zur Gruppe der Betroffenen.«
Vor allem bei Gewitter
Neben der Frage, wer besonders anfällig reagiert, gibt es einen weiteren spannenden Aspekt: Welche Bedingungen sind eigentlich problematisch? Das lässt sich eindeutig sagen: Am stärksten gefordert wird der Körper bei einer deutlichen Veränderung, denn dann muss er die größten Anpassungen leisten. Das kann bei Gewittern sein, aber auch bei Luftmassenwechseln, wenn etwa ein Tiefdruckgebiet ein Hochdruckgebiet verdrängt. Ganz entspannt können Wetterfühlige hingegen in einem ruhigen Hochdruckzentrum sein, bei dem es kaum Belastungen für den Körper gibt.
Damit sich Betroffene möglichst gut auf das kommende Wetter einstellen können, veröffentlicht der Deutsche Wetterdienst (DWD) eine Vorhersage für Wetterfühlige. Hier gibt er für zwei Tage im Voraus an, wie sich die Bedingungen auf die Gesundheit auswirken können. Die Informationen sind für verschiedene Regionen aufgeschlüsselt und als Skala von »positiver Einfluss« über »kein Einfluss« zu »geringe Gefährdung« bis »hohe Gefährdung« dargestellt. Damit die Einschätzung so genau wie möglich ist, wird zudem zwischen den vier Gruppen unterschieden, die Andreas Matzarakis aufzählte: Herz-Kreislauf-Beschwerden, asthmatische Erkrankungen, rheumatische Beschwerden und allgemeine Beeinträchtigungen im Befinden.
Hilfreich kann zudem die Website menschenswetter.de sein. Die Firma memepublisher GmbH veröffentlicht diese Seite in Kooperation mit dem DWD, um Betroffenen Hilfestellung zu geben. Hier kann man beispielsweise ein individuelles Tagebuch führen und so herausfinden, worauf man selbst besonders empfindlich reagiert. Das hilft den einzelnen Menschen – aber auch der Wissenschaft, denn die Daten werden anonymisiert an den DWD weitergegeben. Letzterer kann die Einträge mit den eigenen Einschätzungen vergleichen und so die Vorhersage immer weiter verbessern.
Ohne Schmerzmittel, nur mit Geduld
Das Gewitter lässt sich dadurch nicht vermeiden. Doch das Wissen kann dennoch helfen. Anke etwa weiß, dass ihr Bewegung in solchen Momenten guttut. »Im Büro bringt das erst mal nicht viel, aber es kann schon gut sein, ein bisschen aufzustehen und herumzulaufen.« Wenn die Konzentration und die Sehkraft bei stärkeren Wetterwechseln nachlassen, müsse sie es eben ruhiger angehen. »Schmerzmittel helfen jedenfalls gegen diese Kopfschmerzen nicht – das muss man aussitzen.«
Die Ärztin Andrea Lindwurm-Spaeth rät ihren Patienten in solchen Fällen vor allem, auf ihren Körper zu hören. »Da kann es schon helfen, ausreichend zu trinken und mit Terminen langsamer zu machen.« Bei manchen sei es ratsam, ihre Medikamente anzupassen, etwa bei Blutdruckproblemen. »Dann bespreche ich mit ihnen, wann sie die Dosis ändern sollen – wobei das nicht nur bei Wetterumschwüngen ein Thema ist, sondern auch beispielsweise bei starker Hitze.«
»Und dann kommt mal eine Bronchitis oder eine andere Erkrankung, und plötzlich gehören Sie auch zur Gruppe der Betroffenen«Andreas Matzarakis, Umweltmeteorologe
Wer sehr unter den Beschwerden leidet, könnte langfristig an eine Möglichkeit denken, die vielleicht nicht gleich offensichtlich ist: den Umzug in ein anderes Gebiet. »Bei mir ist es ganz deutlich eine Sache der Geografie«, sagt Anke. »Ich komme von der Küste im Norden, da ging es mir besser als hier in Frankfurt.« Fast keine Symptome hatte sie zudem in Marokko. »Dort war die Luft immer trocken und es gab kaum Wetterveränderungen.« Nach Nordafrika wird sie deshalb nicht auswandern. Wenn sie in Rente ist, möchte sie allerdings unbedingt wieder an die Küste zurückkehren, und das auch wegen des Wetters.
Eine gute Nachricht hat Andreas Matzarakis zudem für alle Menschen, die solchen Symptomen vorbeugen wollen: Es ist möglich, den Körper auf Wetterumschwünge vorzubereiten. Zumindest, wenn es um die Wetterfühligkeit und nicht um chronische Erkrankungen geht, die durch das Wetter verschlimmert werden. »Da helfen ausreichend Bewegung an der frischen Luft, guter Schlaf, ausreichend Flüssigkeit und eine ausgewogene Ernährung.« Also alles Dinge, die ohnehin sinnvoll für Gesundheit und Fitness sind – und die viele Menschen dennoch ignorieren.
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