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Ornithologie: Wickelzunge erlaubt Tempotrunk

RubinkehlkolibriLaden...
Sie können vorwärts- und rückwärtsfliegen, ihre Flügel schlagen bis zu 200-mal pro Sekunde, ihr Herz hämmert mehr als 1250 Schläge pro Minute, und auf dem Zug können ausgewählte Vertreter sogar 800 Kilometer ohne Tankstopp zurücklegen. Um sich ihr Hochgeschwindigkeitsleben leisten zu können, müssen Kolibris viel zuckerreichen Nektar trinken, der ihren Stoffwechsel antreibt. Nun gelang es Alejandro Rico-Guevara und Margaret Rubega von der University of Connecticut, erstmals die Trinktechnik der Vögel zu enthüllen.

Bislang dachten die Biologen, dass die in Nord- und Südamerika beheimateten Tiere die Blütensäfte durch röhrenförmige Zungenstrukturen saugen und dabei auf Kapillarkräfte setzen: Durch die Oberflächenspannung der Flüssigkeit an den Zungenwänden sollte der Nektar nach oben steigen und dessen rasend schnelle Aufnahme erleichtern – schließlich trinken Kolibris tagsüber das Mehrfache ihres Körpergewichts, um genügend Energie zu erhalten. Um diesen Effekt zu nutzen, dürften die Vögel jedoch nur Nektar mit einem Zuckergehalt von 20 bis 40 Prozent trinken – alles, was darüber liegt, wäre zu dick, um schnell aufgesogen zu werden.

http://www.youtube.com/watch?v=qVOhuCl7DDE
© Alejandro Rico-Guevara
Kolibris im Tempodrunk
Kolibris bevorzugen jedoch Blüten, die ihnen doppelt so große Kohlenhydratportionen versprechen – der ursprünglich postulierte Mechanismus kann also nicht funktionieren. Hochgeschwindigkeitskameras und extreme Zeitlupen zeigen, wie die Vögel stattdessen trinken. Bis zu 20-mal pro Sekunde tauchen die Kolibris ihre röhrenförmige Zunge in den Nektar. Sobald sie die Flüssigkeit berühren, öffnet sich die Röhre an der Spitze und "umgreift" den Nektar. Ziehen die Tiere sie dann wieder aus dem Blütenkelch heraus, schließt sie sich wie ein Reißverschluss und umhüllt den Saft, der rasch in den Schnabel transportiert und konsumiert wird.

Wie der Schluckprozess abläuft, ist für die Ornithologen allerdings noch völlig unbegreiflich. Sie können sich bislang nicht erklären, wie die Vögel auch so schnell schlucken können – dies soll demnächst ein dreidimensionales Modell von Zunge und Schnabel klären helfen. Die Nektaraufnahme an sich kostet die Kolibris übrigens keine Energie: Der Mechanismus ist automatisch im Zungenaufbau angelegt und wird per Reflex gesteuert – wenigstens diese Körperfunktion läuft also auf Sparflamme. (dl)

© Alejandro Rico-Guevara
Kolibrizunge in Makro

© Alejandro Rico-Guevara
Kolibrizunge in Makro 2
18. KW 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 18. KW 2011

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  • Quellen
Proc. Natl. Acad. Sci 10.1073/pnas.1016944108, 2011

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