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Sozialpsychologie: Wie aus einer Routine ein wirksames Ritual wird

Mit kollektiven rituellen Handlungen verpflichten sich Menschen einer Gruppe und ihren Werten. Rituale können aber auch einen individuellen Sinn und Zweck erfüllen.
Junge Erwachsene beim Tischgebet

Rituale sind festgeschriebene Handlungsabfolgen. Von einfachen Gewohnheiten unterscheiden sie sich darin, dass sie für bestimmte Werte stehen – so verleihen sie der Handlung Bedeutung. Gläubige, die gemeinsam in einer Kirche, Moschee oder Synagoge beten, fühlen sich ihrer Religion und Religionsgemeinschaft verbunden und stärken diese damit. Aber warum? Und welche Wirkung haben dann persönliche Rituale, die nichts mit einer Gruppe zu tun haben? Diese Fragen beantworten Daniel Stein und Juliana Schroeder von der University of California in Berkeley zusammen mit einem kanadischen Kollegen in einer Übersicht über neue Befunde.

Besonders verbindend wirken seltene Rituale, etwa die Übergangsrituale zu den wichtigsten Stationen im Leben von Hindus, wie die Forschungsgruppe erläutert. Der Grund: Sie rufen starke Emotionen, gemeinsame Bilder und Erinnerungen hervor. Im Extremfall empfinden die Gläubigen die Wirkung körperlich, so das Ergebnis einer Studie an mehr als 600 Pilgernden. Wer beim Wandern auf dem Jakobsweg eine Jakobsmuschel trug oder Steine hinterließ, fühlte sich noch drei Monate später stärker mit anderen Pilgernden physisch verbunden.

Opium fürs Volk

Körperliche Effekte von rituellen Erfahrungen fand auch ein Team um den britischen Sozialpsychologen Robin Dunbar von der University of Oxford. In Feldstudien beobachtete die Gruppe unter anderem bei christlichen Ritualen in England, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer danach weniger schmerzempfindlich waren als vorher – ein Hinweis darauf, dass körpereigene Opioide ausgeschüttet wurden. Diese schmerzstillenden Botenstoffe würden durch gemeinsame soziale Aktivitäten wie Singen oder Tanzen aktiviert. Dunbar zufolge bilden sie die Basis für die Schlüsselfunktion religiöser Rituale: die Bindung der Gemeinschaft.

Ein weiteres typisches Merkmal von rituellen Erfahrungen trägt offenbar ebenfalls dazu bei: die Synchronizität der Handlungen. In vier Experimenten ließen Forschende fremde Menschen in großen Gruppen gemeinsam in einem Sportstadion marschieren – mal im Gleichschritt, mal nicht. Bewegten diese sich synchron und stieg dabei die körperliche Aktivierung, dann liefen sie enger zusammen und verhielten sich kooperativer.

Gemeinsame Rituale können aber auch simpel und unauffällig aussehen, etwa einem geliebten Menschen morgens einen Kaffee zu machen. Entscheidend sei, dass Paare darin mehr als nur eine Gewohnheit sehen: Dann stärkt es die Bindung, berichten Ximena Garcia-Rada von der Harvard Business School und ihre Kollegen.

Es braucht nicht einmal eine gemeinsame Erfahrung, damit ein Ritual seine Wirkung entfalten kann. Zum einen genügt es, ein Gruppenritual allein auszuführen, etwa zu beten und sich damit zum gemeinsamen Glauben zu bekennen. Zum anderen wirkt ein Ritual auch, wenn es nur für die eigene Person bedeutsam ist.

Beispielsweise kann ein Ritual die Selbstkontrolle stärken, wie die Verhaltensforscherin Juliana Schroeder mit einem weiteren Team beobachtete. Die Versuchspersonen wurden instruiert, vor ihren Mahlzeiten das Essen in kleine Stücke zu schneiden und sie auf dem Teller so anzuordnen, dass die rechte und die linke Seite einander exakt spiegelten: Das sollte sie daran erinnern, weniger zu essen. Dieses Ritual – obwohl es nicht als solches bezeichnet wurde – brachte mehr als die Instruktion, zehn Prozent weniger zu essen. Die symbolische Bedeutung der Handlung machte aus ihr ein wirksames Ritual.

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