Kindheit: Der Bindungsstil beeinflusst womöglich, wie viele Kinder jemand will

Ob man Kinder haben möchte, ist eine zutiefst persönliche Entscheidung – die womöglich vom eigenen Bindungsstil beeinflusst wird, den man in seiner Kindheit entwickelt hat.
Eine im »International Journal of Psychology« veröffentlichte Studie ergab, dass Menschen mit ängstlichem oder mit ängstlich-vermeidendem Bindungsstil tendenziell etwas mehr Kinder möchten und auch haben als Menschen mit sicherer Bindung.
Bindungsstile sind psychologische Muster, die sich in den ersten Lebensjahren auf Grundlage der Qualität von Beziehungen mit den primären Bezugspersonen herausbilden. Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass sie unser Verhältnis zu Freunden, Eltern und Partnern während des gesamten Lebens beeinflussen.
Psychologen unterscheiden im Wesentlichen vier verschiedene Bindungsstile: sichere Bindung, unsicher-ambivalente Bindung (oder ängstliche Bindung), unsicher-vermeidende Bindung und desorganisierte Bindung (ängstlich-vermeidende Bindung).
Der Bindungstheorie zufolge wurden die Bedürfnisse von Menschen mit sicherer Bindung von ihren Bezugspersonen zuverlässig erfüllt, weshalb sie Vertrauen in ihre engsten Beziehungen haben. Die anderen drei Arten sind Formen unsicherer Bindung: Menschen mit diesen Bindungsstilen haben Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen und Nähe zuzulassen, da ihre frühen Bedürfnisse nicht oder nicht durchgängig erfüllt wurden.
Ein Forscherteam um Maryanne L. Fisher und T. Joel Wade wertete die Daten einer Onlineumfrage unter mehr als 15 000 Menschen aus den USA, Kanada und Japan aus. Diese umfasste Fragen zum Bindungsstil der Teilnehmenden sowie dazu, wie viele Kinder sie sich wünschten und wie viele sie bereits hatten.
Menschen mit unsicherer Bindung hatten im Schnitt mehr Nachkommen und wünschten sich größere Familien als jene mit sicherer Bindung. Das traf insbesondere auf jene mit einem ängstlich-vermeidenden oder ängstlichen Bindungsstil zu. Diese Personen sehnen sich einerseits nach Nähe und Intimität, haben andererseits aber auch große Angst davor oder fürchten ständig, abgelehnt und verlassen zu werden.
Die Befunde deuten darauf hin, dass unsicher gebundene Menschen ihre Bindungserfahrungen möglicherweise durch mehr Kinder zu kompensieren versuchen. Studienautor Joel Wade findet das nachvollziehbar, da Personen mit unsicherer Bindung oft Schwierigkeiten haben, dauerhafte Bindungen zu anderen aufzubauen. »Sie denken vielleicht: Selbst wenn mein Partner mich verlässt, werde ich nicht allein sein, weil ich eine Beziehung zu einem Kind habe.«
Auch Psychologin Lisa Welling von der Oakland University findet die Interpretation prinzipiell einleuchtend. »Menschen mit einem unsicheren Bindungsstil entscheiden sich womöglich auch für Kinder, um sich in ihren Beziehungen sicherer zu fühlen oder um über ihre Kinder engere Bindungen aufzubauen«, sagt sie.
Umgekehrt ging ein sicherer Bindungsstil in der Auswertung mit einer geringeren Kinderzahl einher. Dieser Trend zeigte sich allerdings nur in den USA und Kanada, nicht in Japan. Wade vermutet, dass soziale Normen dahinterstecken, da Paare in Japan möglicherweise einen größeren Druck verspüren, Kinder zu bekommen, als Paare in individualistischeren westlichen Ländern wie den USA und Kanada.
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