Stift statt Tablet?: Warum die Schreibschrift ein Comeback feiert

Die geschwungene Schreibschrift, geprägt durch fließend verbundene Buchstaben, erlebt derzeit ein überraschendes Comeback. In Ländern wie den USA, Finnland oder der Schweiz war sie in den vergangenen Jahren aus vielen Lehrplänen verschwunden, weil Schulen zunehmend auf digitale Geräte setzten. Doch dieser Trend kehrt sich nun teilweise um: Vor allem in den USA gehen die Verantwortlichen in vielen Bundesstaaten wieder dazu über, die Schreibschrift in den Grundschulunterricht zurückzuholen. In anderen Ländern, etwa Frankreich, Deutschland oder Brasilien, war die Schreibschrift nie ganz aus dem Unterricht verschwunden. Allerdings wird in Zeiten digitaler Medien auch hierzulande immer wieder über eine Abschaffung diskutiert. Zu Unrecht?
Forschende weisen seit Langem darauf hin, dass das Erlernen einer Handschrift die Aktivität des Gehirns stärker fordert und stimuliert als Tippen. Doch ob ausgerechnet Schreibschrift gegenüber der Druckschrift – also einzeln gesetzten Buchstaben – spezifische Vorteile bringt, ist bislang kaum belegt.
Wie die Neurowissenschaftlerin Karin Harman James von der Indiana University Bloomington berichtet, ist es in den USA inzwischen keineswegs ungewöhnlich, dass viele Menschen keine Schreibschrift mehr beherrschen, da diese bereits 2010 als Pflichtfach aus den Grundschulen gestrichen wurde. »Auch meine Studierenden schreiben üblicherweise nicht in Schreibschrift«, sagt sie. James beschäftigt sich bereits seit 2004 mit der Frage, wie feinmotorische Fähigkeiten, die beim Schreiben mit der Hand erworben werden, das Lernen von Kindern beeinflussen.
»Der Schreibvorgang scheint Kindern entscheidend dabei zu helfen, Dinge besser im Gedächtnis abzulegen«Karin Harman James, Neurowissenschaftlerin
In einer ihrer Studien brachte sie Vorschulkindern, die noch nicht lesen konnten, bei, Buchstaben entweder von Hand zu schreiben oder sie auf einer Tastatur zu tippen. Anschließend zeigte man den Kindern dieselben Buchstaben während funktioneller MRT-Scans. Nur bei denjenigen, die die Buchstaben handschriftlich geübt hatten, zeigten sich Aktivitätsmuster, wie sie auch bei lesenden Erwachsenen vorkommen. Bei den Kindern, die lediglich getippt hatten, fehlte dieser Effekt. Zusammen mit weiteren Verhaltenstests legt dies nahe, dass Handschrift die Fähigkeit verbessert, Buchstaben und Zahlen zu erkennen. »Es scheint, dass der Schreibvorgang Kindern entscheidend dabei hilft, Dinge besser im Gedächtnis abzulegen«, erläutert James. »Das ist nicht allzu überraschend, da wir wissen, dass die Feinmotorik bei Kindern für die Entwicklung bei allen möglichen Aufgaben sehr wichtig ist.«
Schreibschrift oder Druckschrift?
Auch die Neurowissenschaftlerin Audrey van der Meer von der University of Science and Technology in Trondheim hat untersucht, wie sich die Hirnaktivität von Kindern beim Schreiben und Tippen unterscheidet. Mithilfe einer Elektrodenkappe, die sie den Probanden aufsetzte, konnte sie zeigen, dass beim Schreiben von Hand deutlich mehr elektrische Aktivität in Hirnregionen auftritt, die für Lernen und Erinnerung zuständig sind, als beim Tippen.
Ihre Arbeit unterstreiche die Bedeutung der Handschrift für die Entwicklung von Kindern. »Beim Schreiben mit der Hand bildet man all diese komplexen motorischen Muster, während es beim Tippen bloß sehr einfache Fingerbewegungen sind«, sagt van der Meer. Die Forscherin berichtet außerdem von einer beunruhigenden Entwicklung in Norwegen: Manche Schulen arbeiteten mittlerweile vollständig digital, und sechsjährige Kinder bekämen am ersten Schultag ein Tablet, auf dem sie Lesen und Schreiben lernen. »Lehrkräfte sagen inzwischen, dass viele Kinder kaum noch wissen, wie man einen Stift hält«, erzählt sie. Sie und ihr Team empfehlen der norwegischen Regierung deshalb, das Erlernen einer Handschrift wieder verbindlich einzuführen.
»In der 4. Klasse und danach hatte die Schreibschrift gegenüber der Manuskriptschrift Vorteile, und zwar in Bezug auf die Rechtschreibung und die Geschwindigkeit beim Schreiben«Virginia Berninger, Bildungsforscherin
Virginia Berninger, Bildungsforscherin und klinische Psychologin, hat fast drei Jahrzehnte lang untersucht, welcher Schriftstil Kindern in welchem Alter am meisten nützt. Sie kam zu dem Schluss, dass es sinnvoll ist, den Kindern in der 1. und 2. Klasse (im Alter von etwa sechs bis acht Jahren) zunächst Druckschrift – auch Manuskriptschrift genannt – beizubringen. Es sei in der Psychologie gut belegt, dass aktives Tun das Lernen verstärkt: »Produktion erleichtert die Wahrnehmung«, sagt Beringer.
Da fast alle Lesematerialien für Kinder in Druckschrift verfasst sind, sei es sinnvoll, diese Form zuerst zu lehren, fügt sie hinzu. Danach könnten Kinder vom Erlernen der Schreibschrift profitieren. »Wir haben festgestellt, dass in der 4. Klasse und später die Schreibschrift gegenüber der Manuskriptschrift Vorteile hatte, und zwar in Bezug auf die Rechtschreibung und die Geschwindigkeit beim Schreiben«, erklärt sie.
Schreibschrift stärkt die Feinmotorik
Eine kanadische Studie kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis: Dort zeigten Zweitklässler, die durchgehend nur eine Schrift gelernt hatten – entweder ausschließlich Schreib- oder Druckschrift – , bessere Rechtschreibleistungen als jene, die zuerst Druck- und später Schreibschrift lernten. Die Gruppe, die nur Schreibschrift gelernt hatte, schnitt zudem bei Syntax und Wortproduktion am besten ab.
Viele Forschende betonen daher, dass bisher kein Schreibstil eindeutig überlegen ist. »Schreibschrift ist schwieriger zu erlernen«, sagt Karin Harman James. Möglicherweise stärke sie aber die Feinmotorik, da ein höheres Maß an Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit nötig ist, doch Belege dafür sind bislang rar. Van der Meer erinnert daran, dass das Gehirn nach dem Prinzip »nutzen oder vergessen« arbeitet: Feinmotorische Fähigkeiten müssen regelmäßig gefordert werden, damit die zugrunde liegenden neuronalen Netzwerke erhalten bleiben. Überdies gebe es kulturelle Gründe, die Handschrift zu pflegen. »Ich finde, dass Handschriften Teil unseres kulturellen Erbes sind«, sagt sie. »Die nächste Generation sollte in der Lage sein, einen Liebesbrief, ein Gedicht oder wenigstens einen Einkaufszettel von Hand zu schreiben. Das gehört irgendwie zum Menschsein dazu.«
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