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Kolonisierung Amerikas: Wie der Teufel in die Pilgerväter fuhr

Arbeitsam, fromm und bigott bis zum Anschlag waren Amerikas früheste Helden, die Puritaner von Plymouth. Da beginnt ein neuer Nachbar, mit Sex und Schnaps sein Leben zu feiern.
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Im Herbst des Jahres 1628 hatten die Puritaner genug gesehen. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn ihm der böse Nachbar nicht gefällt. Seit acht Jahren hatten sie an ihrer bescheidenen Plymouth Colony gebaut, hatten unter größten Härten in der Neuen Welt ein rechtschaffenes, gottgefälliges Leben begonnen. Und sahen sich nun seit bald der Hälfte dieser Zeit den lasterhaften Provokationen eines gewissen Engländers ausgesetzt, der unweit ihrer eigenen Siedlung ausgerechnet einen »Berg des Frohsinns« gegründet hatte: den Merrymount.

Die Siedler stellten einen kleinen Trupp Bewaffneter zusammen und marschierten gegen den Merrymount, wo sich der Nachbar und seine Kumpane verschanzt hatten. Es folgte eine nahezu slapstickhafte Belagerung, glaubt man den Schilderungen des puritanischen Gouverneurs. Die Verteidiger, so berichtet er, seien nicht nur mit Waffen ausgerüstet gewesen, sondern auch mit Unmengen von alkoholischen Getränken, denen sie hemmungslos zusprachen. Stockbetrunken habe sich einer von ihnen am Spieß eines seiner Gesellen verletzt. Der Anführer und Merrymount-Gründer Thomas Morton habe zwar versucht, auf die Angreifer zu schießen, sei aber kaum noch in der Lage gewesen, aufrecht zu stehen, geschweige denn zu feuern.

Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, mag bezweifelt werden. Es gelang den Puritanern jedenfalls, den Querulanten festzunehmen und einige Zeit darauf nach England zu deportieren, wo er vor Gericht gestellt werden sollte. Der Hauptanklagepunkt war, dass er den Indianern Feuerwaffen verkauft hatte. Das sah zwar auch der englische König nicht gern, explizit verboten war es jedoch nicht.

Ohnehin war es nur ein Vorwand: In der kleinen Kolonie am Rand der Neuen Welt sollte endlich wieder Ruhe einkehren. Und das tat es auch.

Zumindest für eine Weile.

102 Männer, Frauen und Kinder waren im September 1620 aus Europa aufgebrochen, um die Kirche ihrer englischen Heimat endgültig abzuschütteln. Jede christliche Gemeinde solle in völliger Autonomie existieren, glaubten sie, kein Bischof dürfe die Hoheit über das religiöse Leben haben. Und dieses selbstbestimmte Dasein, das ihnen die Church of England mit Verhaftungen und Hausdurchsuchungen auszutreiben versucht hatte, hofften sie in der Neuen Welt endlich Wirklichkeit werden zu lassen.

Schlechter Start in eine Neue Welt

Zwei Monate dauerte die Überfahrt an Bord der Mayflower, dann landeten sie an der Küste des heutigen US-Bundesstaats Massachusetts. Der Start verlief denkbar schlecht. Als das gecharterte Schiff im folgenden Frühjahr wieder abfuhr, hatten sie durch Hunger und Krankheit fast die Hälfte ihrer Angehörigen verloren. Doch die andere Hälfte blieb und lieferte mit ihrer Beharrlichkeit den Stoff für eine Art Gründungsmythos der modernen USA, wonach die rechtschaffenen Puritaner von Plymouth den Grundstein für eine Nation von gleichermaßen unerschrockenen, freiheitsliebenden und gottesfürchtigen Menschen legten.

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Außer Rand und Band | Wie ausgelassen sich der Tanz um den Maibaum entwickeln kann, hat zur Zeit von Thomas Morton der niederländische Maler Pieter Brueghel der Jüngere in einem Gemälde (um 1627) festgehalten.

Von Thomas Morton, der nahezu zeitgleich mit ihnen seinen fröhlichen Hügel bezog, ist in dieser Heldenerzählung kaum je die Rede. Was wenig überrascht, legt seine Geschichte doch wie kaum eine andere Episode offen, welche Lücken dieses Bild der Puritaner aufweist.

»Unsere frühesten amerikanischen Helden sind die Männer, die Morton unterdrückten: Endicott, Bradford, Standish«, sagt Philip Roths (1933–2018) Romanfigur David Kepesh in seinem 2001 erschienenen Werk »Das sterbende Tier«. Für einen Verfechter der sexuellen Revolution der 1960er Jahre wie Kepesh setzt sich der Konflikt aus dem Massachusetts des 17. Jahrhunderts bis heute fort. Bei den genannten Herren handelt es sich um John Endicott (eigentlich Endecott), William Bradford und Miles Standish – allesamt glühende Puritaner und legendäre Figuren der frühen Besiedlung Nordamerikas.

Dabei waren die »Pilgrim Fathers«, wie sie später genannt wurden, keineswegs die ersten Europäer, die hier dauerhaft Fuß fassten. Nicht einmal die ersten Engländer: Die hatten 13 Jahre früher, also 1607, und einiges weiter südlich eine Siedlung errichtet, die sich, ebenfalls allen Widrigkeiten zum Trotz, dauerhaft etablierte. Nach Jamestown, im heutigen Virginia, waren vor allem Abenteurer auf der Suche nach Profit gekommen – und sie wären um ein Haar gescheitert, wie so viele Kolonisten jener Zeit. Denn die Ostküste Nordamerikas warf weit weniger ab, als man sich in der Alten Welt erträumte. Erst der mit Sklaven betriebene Tabakanbau sicherte Jamestown das Überleben.

Flucht vor Krone und Kirche

Um Reichtümer war es den christlichen Eiferern in der Plymouth Colony aber ohnehin nie gegangen. Sie waren in der Hoffnung auf eine neue Heimat gekommen, zumal ihnen der Rückweg in die Alte Welt versperrt war. Dort, im Dörfchen Scrooby in der Grafschaft Nottinghamshire, hatten sie unter ihrem Anführer William Bradford (1590-1657) mit der anglikanischen Kirche gebrochen. Anders als andere Puritaner wollten sie die Staatskirche nicht von allen Elementen des verhassten katholischen Papismus »reinigen«, sondern schlicht abschaffen. Ein Teil der Separatisten – unter ihnen neben Bradford auch Miles Standish (1584-1656), ein alter Haudegen und später militärischer Anführer der Kolonisten – war vor den Repressalien der Kirche bereits Anfang des 17. Jahrhunderts in das calvinistische Holland geflohen. Doch auch in den Niederlanden sahen sie auf Dauer keine Zukunft für sich, ihre Familien und ihre Gemeinschaft. Von der Plymouth Company, die im Auftrag der englischen Krone die neuen Besitztümer in Übersee verwaltete, beschafften sie sich Siedlungsrechte in Neuengland, das Geld für die Überfahrt liehen sie von einer Londoner Kaufmannsvereinigung. Und mit einem gewaltigen Schuldenberg im Nacken machten sie sich auf die Reise.

Welche Nachbarn er sich da ausgesucht hatte, als er sich rund 50 Kilometer von ihrer Kolonie entfernt niederließ, dürfte Morton längst klar gewesen sein. Immerhin hatte er die Separatisten von New Plymouth bereits zwei Jahre zuvor kennen gelernt, als er gemeinsam mit einem gewissen Captain Wollaston eine Entdeckungsreise nach Neuengland unternommen hatte.

Schnaps »im Wert von zehn Pfund an einem Morgen«!

Dieser »grausamen Sekte von Schismatikern«, wie er sie später einmal nennen wird, war selbst das festliche Begehen christlicher Feiertage wie Weihnachten verpönt. Sie sahen sich als Auserwählte des Herrn, als Gotteskrieger, allzeit bereit, dem teuflischen Blendwerk immer und überall entgegenzutreten – jenem Blendwerk, dem sie allerdings auch immer und überall zu begegnen meinten, sei es unter den heidnischen Indianern ihrer neuen Umgebung, den papistischen Iren oder den sündigen Engländern.

Auch die harmlosesten Vergnügungen galten ihnen als des Teufels: Sie lehnten das Singen weltlicher Lieder, den Besuch von Theatern, den Genuss von Alkohol oder Tabak genauso ab wie das Glücksspiel und selbstverständlich außereheliche Beziehungen, ja selbst das Schreiben von Liebesbriefen und vieles mehr. Hinzu kam eine erbitterte Intoleranz gegenüber all jenen, die sich nicht anpassen wollten. Sie wurden bestraft, verjagt, aus der Kolonie verbannt – und bald sogar aus der Nachbarschaft.

Was Thomas Morton – Anglikaner, aber augenscheinlich nicht an kirchlichen Dogmen interessiert – dazu trieb, mit Mitte 40 den Atlantik zu überqueren, ist nicht überliefert. Geboren wurde er um 1575 im Westen Englands. Aus seiner Jugend ist heute nur noch wenig bekannt, doch offenbar studierte er die Rechte am Clifford's Inn, einer Londoner Anwaltskammer und juristischen Ausbildungsstätte. 1620 heiratete der Anwalt eine Witwe namens Alice Miller, die er in einem Erbstreit gegen ihren Sohn aus erster Ehe, George, vertrat. Der Prozess wurde erbittert geführt und fand wohl mitunter auch außerhalb des Gerichtssaals seine Fortsetzung. In Protokollen aus der Zeit ist nachzulesen, wie die beiden Streitparteien die jeweils gegnerische Seite grober und verbrecherischer Methoden bezichtigten. Mal behauptet da George Miller, der neue Gemahl seiner Mutter habe ihn mit vorgehaltener Waffe bedroht, mal bezichtigen Morton und Alice Miller den Sohn, er sei in das Haus seiner Mutter und Schwestern eingebrochen und habe diese beraubt. Die Spuren verlieren sich, wie der Prozess ausging, ist unbekannt. Nach zwei Jahren hatte Morton jedoch anscheinend genug von alledem: vom Rechtsstreit, von der Witwe, ihrer Familie – und auch von England.

Fröhlich und mit Meerblick

1624 unternahm er seine Reise nach Amerika, wo er sich auf Mount Wollaston niederließ, dem nördlich von Plymouth gelegenen Anwesen seines Partners während der Expedition zwei Jahre zuvor. Er taufte die kleine Kolonie um und nannte sie fortan Ma-Re Mount. Lateinisch ausgesprochen nahm der Name Bezug auf den Meerblick, der sich von dem Haus und der Siedlung drum herum bot. Englisch ausgesprochen aber wurde daraus der Merry Mount (später: Merrymount), der fröhliche Hügel. Das war wohl ganz im Sinn Mortons.

Es soll dort tatsächlich ausgesprochen fröhlich zugegangen sein. Das behauptete zumindest William Bradford, der auch in der Plymouth Colony bald zum Anführer der Puritaner gewählt worden war und drei Jahrzehnte als ihr Gouverneur fungierte. In den Jahren 1620 bis 1647 schrieb er an seinem Werk »History of Plimouth Plantation«, sein für die Nachwelt bestimmtes Tagebuch, in dem er die Geschichte der ersten 30 Jahre der Kolonie festhielt – und von dem in England nach und nach Auszüge veröffentlicht wurden. In diesem frühen Bericht ist auch Bradfords Darstellung der Auseinandersetzung zwischen den Puritanern von Plymouth und den Siedlern von Merrymount enthalten.

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Thanksgiving mit den Indianern | Teil des Gründungsmythos ist auch das erste Erntedankfest in Amerika, das die Pilgerväter mit den Ureinwohnern gemeinsam feierten und das zum Ursprung der Thanksgiving-Tradition der USA wurde. Tatsächlich war das Verhältnis zu den Indianern meistens gespannt und schlug nicht selten in blutige Auseinandersetzungen um. Gemälde von Jennie Augusta Brownscombe, 1914.

Nachdem sich Morton dort niedergelassen und erfolgreich Handelsbeziehungen mit den benachbarten Indianerstämmen aufgenommen hatte, so Bradford, verfielen er und seine Kumpanen »größter Lasterhaftigkeit, führten ein zügelloses Leben und gaben sich allem möglichen Frevel hin«. Hatten die fröhlichen Siedler vom Merrymount beim Handel mit den Ureinwohnern gute Einkünfte erwirtschaftet, verprassten sie diese, »sowohl Wein als auch Schnaps zechend«, naturgemäß in großen Mengen, »wie manche berichten, im Wert von zehn Pfund an einem Morgen«! Puritanisch war dies nicht, der Gipfel der Provokation war damit aber auch noch nicht erreicht.

Wilde Feste um einen Maibaum

Den erklommen Morton und Genossen spätestens im Frühjahr des Jahres 1627, als sie auf Merrymount einen Maibaum errichteten, den sie mit allerlei Blumen, Zweigen und Geweihen schmückten. Dies war ein im damaligen England durchaus verbreiteter Brauch, der bereits in puritanischen Predigten und Schriften des 16. Jahrhunderts angeprangert wurde und auch den Separatisten von Plymouth außerordentlich missfiel.

Um diesen Baum, so berichtet wieder Bradford, »tranken sie tagelang« zusammen mit Indianern und Indianerinnen, die sie zu »Gattinnen« nahmen. Morton wurde zum »Herrn der Gesetzlosigkeit«, dem »Lord of Misrule«, eine Verkörperung der Umkehr aller natürlichen Ordnung und nach altem Brauch Zeremonienmeister ausgelassener Feierlichkeiten. Die Feiernden trugen Tiermasken und »tanzten und sprangen, als hätten sie die Feste der römischen Göttin Flora oder gar die Praktiken der verrückten Bacchanalien wiederbelebt«. Kurz: Es war empörend, und es fand kein Ende! Denn die Feiern wurden schon bald zu einer ständigen Einrichtung. Allmonatlich vergnügten sich fortan die wahrscheinlich nicht viel mehr als ein Dutzend zählenden Siedler von Merrymount gemeinsam mit ihren eingeborenen Nachbarinnen und Nachbarn bei ausgelassenen Gelagen rund um den Maibaum. Ein eigens verfasstes Trinklied aus Mortons Feder hebt an mit der Losung zum festlichen Reigen: »Drink and be merry, merry, merry boyes; Let all your delight be in the Hymens joys.« Trinken solle man und Hymenaios, dem griechischen Gott der Hochzeit, huldigen.

Kein Singen, Alkohol oder Tabak: Selbst die harmlosesten Vergnügungen galten den Puritanern als des Teufels

Im Herbst 1628 war das Maß voll. Bradford wies Standish an, den Bewohnern Merrymounts die Feierwut gewaltsam auszutreiben. Es kam zu der eingangs geschilderten Attacke, der anschließenden Verhaftung und Vertreibung Mortons unter dem Vorwurf illegaler Handelsbeziehungen mit den Ureinwohnern. Das sollte reichen, um Morton für lange Zeit in einem englischen Kerker verschwinden zu lassen.

Doch die Gerichte in old England taten den Puritanern diesen Gefallen nicht. Bereits im Jahr darauf war er zurück in Amerika.

Morton nimmt es mit der Massachusetts Bay Colony auf

Die englischen Kolonisierung der Ostküste hatte seit der Gründung von Jamestown und der Plymouth Colony beständig Fahrt aufgenommen. Jahr für Jahr trafen Schiffe mit neuen Auswanderern ein, darunter immer wieder auch Glaubensgenossen der Pilgrim Fathers, deren Gemeinde auf annähernd 300 Personen angewachsen war. Schon bald aber waren sie nicht mehr die einflussreichste Kraft vor Ort. Denn in der alten Heimat spitzte sich 1625 der Konflikt zwischen Staatskirche, Krone und den Puritanern mit der Thronbesteigung Karls I. so weit zu, dass selbst unter jenen Puritanern, die keine separatistischen Ansichten vertraten, immer mehr ihr Heil in der Emigration suchten. Vor allem die 1628 gegründete Massachusetts Bay Colony, die an die Plymouth Colony angrenzte, wurde zu ihrem Zufluchtsort. Im Lauf der folgenden zehn Jahre nahm sie geschätzte 20 000 Emigranten auf und wuchs zum alles beherrschenden Machtfaktor in der Region.

Die Unversöhnlichkeit, mit der sich die gemäßigteren und die separatistischen Puritaner sowie die Mitglieder anderer Glaubensrichtungen in England begegneten, spiegelte sich auch in der Neuen Welt. So stand an der Spitze der Massachusetts Bay Colony unter anderem John Endecott (1588-1665), der mehr als 16 Jahre lang als Gouverneur ihre Entwicklung bestimmte. Er ging als ebenso sittenstrenger und arbeitsamer wie jähzorniger und selbstgerechter Mann in die Annalen Amerikas ein. Endecott brach Kriege mit den Ureinwohnern vom Zaun, ließ Quäker hinrichten, und wer ihm nicht passte, der musste mit Vertreibung rechnen.

So wie jener alte Bekannte, der 1629 aus England kommend einlief, eine kurze Zeit in New Plymouth weilte, um danach wieder seinen fröhlichen Hügel zu beziehen. Morton nahm bald nicht nur seinen früheren Lebenswandel wieder auf, sondern auch die Geschäfte mit den Indianern. Ein Affront gegenüber der Massachusetts Bay Company und somit auch Endecott, denn die beanspruchte für sich ein Monopol am Handel. Morton hingegen vertrat die Ansicht, dass es jedem Siedler freistehe, eigenständig und nach eigenem Ermessen mit wem und womit auch immer Handel zu treiben. Die Puritaner fackelten nicht lange: Morton wurde verhaftet, in Fußeisen gelegt zur Schau gestellt und kurz darauf erneut nach England verschifft.

Die Häuser von Merrymount ließ Endecott niederbrennen, der Maibaum wurde gefällt. Unter anderem dienten unbewiesene und sehr wahrscheinlich völlig haltlose Gerüchte, er hätte Jahre zuvor in der alten Heimat (vielleicht im Zusammenhang mit den Streitigkeiten um das Erbe der Witwe Miller) einen Mord begangen, als Begründung für die Maßnahmen. Außerdem hätte er, so hieß es vage, die Indianer schlecht behandelt – ausgerechnet er, den sie zuvor beschuldigt hatten, den Indianern allzu gewogen zu sein.

Ein Paradies mit einer Schwäche

Auch beim zweiten Anlauf wurden Vorwürfe gegen Morton von englischen Gerichten zurückgewiesen. Nun begann er in der alten Heimat seinerseits sowohl rechtlich als auch publizistisch gegen die Puritaner in Neuengland vorzugehen. Gemeinsam mit anderen unzufriedenen Siedlern und unterstützt von dem Gründer der Kolonie Maine, Sir Ferdinando Gorges (1568-1647), versuchte er ab 1632 vor Gericht, den Puritanern von Plymouth wegen diverser Vergehen die königliche Genehmigung zur Gründung einer Kolonie in Neuengland aberkennen zu lassen. Sie hätten, so argumentierte er, ihre Befugnisse weit überschritten, etwa indem sie versuchten, die Grenzen ihres Einflusses zu erweitern oder die Kontrolle über alle Handelsbeziehungen mit den Ureinwohnern zu übernehmen. Trotz anfänglicher Erfolge blieben diese juristischen Anstrengungen allerdings fruchtlos. Also verlegte sich der Mann vom Merrymount zusätzlich auf Publizistik und Propaganda. Morton schrieb seine Erfahrungen in und mit der Neuen Welt nieder und schuf dabei zugleich eine Art Gegendarstellung zu den unterdessen auch in England bekannt gewordenen Passagen aus Bradfords Tagebuch.

Die Puritaner fackelten nicht lange: Morton wurde verhaftet und in Fußeisen gelegt zur Schau gestellt

Sein 1637 in Holland erschienenes Buch »New English Canaan« ist ein bemerkenswertes Dokument aus den ersten Jahrzehnten der Inbesitznahme Nordamerikas durch englische Siedler. Es ist gleichzeitig eine Lobrede auf die Ureinwohner der Neuen Welt, eine Werbeschrift für die Kolonisierung des Kontinents sowie eine bittere Polemik gegen die Puritaner. Im ersten von drei Teilen schildert der Autor Sitten und Gebräuche der Indianer, von denen er im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Berichten nur in den höchsten Tönen schreibt. Er lobt ihre Genügsamkeit ebenso wie ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit. Mehrmals hebt er ihre Menschlichkeit, Gastfreundschaft, Vertragstreue und sittliche Reife hervor, nennt sie gar zivilisierter als so manche Europäer. Schlüssig drängte Morton darauf, mit den amerikanischen Ureinwohnern harmonisch und zum gegenseitigen Nutzen zusammenzuleben, statt sie nach und nach zu verdrängen. Umso mehr, als sie »den begierigen Wunsch, mit unserer Nation Handel zu treiben« hegten und den Engländern mit Wohlwollen, ja gar mit Liebe begegneten. Lohnende Handelsgüter gebe es schließlich im Überfluss, lässt Morton seine Leser wissen.

Im zweiten Teil seines Buchs gibt er begeistert Auskunft von der Schönheit, der Fruchtbarkeit und dem Reichtum Neuenglands. Gleichsam wie das biblische Kanaan sei auch dieses neue ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Besser noch: »Es gibt einen derartigen Überfluss von Vögeln, Wild und Fischen, dessen sich Kanaan nicht rühmen konnte.« Das Wasser sei süßer, die Erde fruchtbarer, die Wälder dichter, die Bäume höher als in der alten Heimat. An Wild und Federvieh herrsche kein Mangel, ihr Fell sei dichter und widerstandsfähiger als das englischer Tiere, ihr Fleisch schmecke besser, und aus den Federn der Gänse etwa könne man Schlafstätten herstellen, »die weicher sind als jedes Bett, in dem ich gelegen habe«. Die Neue Welt ist also gleichsam ein Schlaraffenland, ihre eingeborenen Bewohner so anständige wie verlässliche Geschäftspartner und Arbeiter.

Es wäre alles perfekt, wenn da nicht diese frommen Siedler wären. Die Puritaner nämlich, das hält der Autor im dritten Teil seines Werks fest, seien so selbstgefällig wie unfähig. Vom Handel verstünden sie nichts, von der Jagd wenig. Zwar führten sie ständig Gott im Munde, missachteten aber unentwegt das fundamentale christliche Gebot der Nächstenliebe. Sie ignorierten das Recht, hielten sich an keine Verträge und übten eine Macht aus, die ihnen nicht zustünde. Ihr ganzes Streben gelte ihren bornierten Gemeinderegeln und Gesetzen, die ihnen etwa vorschrieben, mit geschlossenen Augen zu beten, denn: »Sie halten sich für derart perfekt auf dem hohen Weg in den Himmel, dass sie meinen, blind hinzufinden.«

Mortons Buch verschwindet aus der Öffentlichkeit

1643 – in England war der Konflikt zwischen Anhängern König Karls I. und jenen des puritanisch dominierten englischen Parlaments zu einem Bürgerkrieg eskaliert – machte sich Morton ein letztes Mal auf den Weg über den Ozean und steuerte direkt die Massachusetts Bay an. Die Puritaner dort können sich noch gut an ihn erinnern – und sie haben inzwischen auch von seinem Buch gehört, kennen zumindest Passagen daraus. Kurz nach seiner Ankunft wird der gealterte Störenfried zum dritten Mal festgenommen und einige Monate inhaftiert, ehe er nach Maine ausgewiesen wird, in die Kolonie seines alten Gönners Ferdinando Gorges. Dort verlebt er die letzten Jahre bis zu seinem Tod 1647 in dem Städtchen Acomenticus an der Atlantikküste, dem heutigen York am Golf von Maine.

In der alten Heimat geht Morton juristisch gegen die Puritaner vor: Die königliche Genehmigung zur Koloniegründung soll ihnen entzogen werden

Mit dem Tod Mortons setzte auch das Vergessen ein. Schon nach wenigen Jahren gab es kaum noch öffentlich zugängliche Exemplare von »New English Canaan«, dessen Erscheinen die Puritaner nicht hatten verhindern können. Zwar veröffentlichte Nathaniel Morton, ein Neffe William Bradfords und nicht mit dem einstigen »Herrn der Gesetzlosigkeit« verwandt, 1669 ein Werk namens »New-Englands Memorial«, in dem er auch von den Querelen um Merrymount berichtete, allerdings bediente er sich dabei ausschließlich der Aufzeichnungen seines Onkels.

Das andere Amerika

Mit der Zeit gerieten Thomas Morton und sein Werk so gut wie in Vergessenheit. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts erwachte das Interesse an ihm wieder. Kurioserweise waren gleich drei US-Präsidenten an der Wiederentdeckung Mortons beteiligt. John Quincy Adams (1767-1848), der spätere sechste Präsident, ersteigerte 1798 als Botschafter am preußischen Hof in Berlin ein Exemplar von »New English Canaan«. Offenbar erregte dieses das Interesse seines Vaters John Adams (1735-1826), des zweiten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Persönlich hielt er zwar keine großen Stücke von Thomas Morton, den er einen »Brandstifter und Aufwiegler« nannte, schrieb aber um 1802 dennoch ein unveröffentlichtes Büchlein mit dem Titel »Scraps of the History of Mount Wollaston«. In einem Brief an den dritten und damals amtierenden Präsidenten Thomas Jefferson (1743-1826), der seinerseits großes Interesse an der Geschichte bekundete, verriet Adams auch ein persönliches Motiv für seine Beschäftigung mit dem Thema: Der Merrymount lag auf seinen eigenen Ländereien.

Der romantische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne (1804-1864) war der Erste, der die Ereignisse literarisch aufgriff. In seiner Kurzgeschichte »The May-Pole of Merry Mount« stellt er Morton als tragischen Helden dar, der sich gegen die beklemmende Herrschaft der bigotten Puritaner auflehnt. »Es ging bei diesem schwer wiegenden Streit um das künftige Antlitz Neuenglands«, schrieb Hawthorne und beklagte die Siedler von Merrymount, deren »Heimatort der wilden Fröhlichkeit inmitten eines düsteren Waldes zum Veröden gebracht« worden sei.

Als Urahn des anderen gegenkulturellen Amerika stellt ihn auch Philip Roth vor, der seinen David Kepesh fragen lässt: »Warum betrachtet man Morton nicht als das, was er ist: den Gründervater der persönlichen Freiheit? In der puritanischen Theokratie hatte man die Freiheit, Gutes zu tun; in Mortons Merry Mount hatte man die Freiheit – und das war's.«

38/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 38/2020

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