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News: Wie ein Mensch den anderen erkennt

Nur eine halbe Sekunde braucht ein Mensch, um das Gesicht eines Fremden wahrzunehmen. Dann kann der vormals Unbekannte sicher wiedererkannt werden, auch wenn sein Gesicht halb verborgen ist oder der ehemals vorhandene Vollbart fehlt. Ein Prozeß, der in unserem Gehirn so schnell abläuft, sollte ganz einfach organisiert, möglicherweise angeboren sein und automatisch ablaufen. Doch brauchen Kinder für die gleiche Erkennungsleistung noch deutlich länger als Erwachsene.
Wenn ein Gesicht ein markantes Merkmal trägt wie bei dem Schauspieler Gerard Depardieu eine große Nase oder bei dem Politiker Theo Waigel außergewöhnlich starke Augenbrauen, orientieren sich Kinder und oft auch noch Erwachsene bei der Wiedererkennung häufig nur an dieser Auffälligkeit. Jüngere Kinder lassen sich auch stark von Utensilien wie einem Haarband, Brille oder Hut ablenken und achten dann kaum auf die Merkmale des Gesichtes. Erwachsene können von solchen veränderbaren Zusätzen leichter abstrahieren.

In den 20er Jahren folgerten Psychologen aus ersten Experimenten mit Kindern zur allgemeinen visuellen Wahrnehmung, daß Kinder die Welt zunächst nur diffus sähen und Objekte nur im Ganzen wahrnehmen. Die Fähigkeit, ein Ganzes bei der Wahrnehmung in Teile zu zerlegen und zu analysieren, sollte danach erst vom Schulalter an entwickelt werden. "Diese Erkenntnisse wurden bis in die 70er Jahre nicht in Frage gestellt. Als die Forschung dann wieder aufgegriffen wurde, hielten die alten Ergebnisse den neueren experimentellen Methoden nicht stand", sagt Gudrun Schwarzer vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. Wurde früher bei Kindern eine ganzheitliche oder holistische Wahrnehmung angenommen, so deuteten die neueren Ergebnisse auf das Gegenteil hin. "Es stellte sich heraus, daß bereits Kinder mit fünf bis sechs Jahren gute Analytiker sind, die einzelne Merkmale zum Beispiel in Gesichtern bei der Wahrnehmung nutzen. Bei Kindern ab etwa zehn Jahren geht die Gesichterwahrnehmung zur holistischen Strategie über, wie sie auch Erwachsene meistens nutzen", erklärt Schwarzer. Dabei werden zwar auch Einzelmerkmale wahrgenommen, aber blitzschnell in ein Gesamtbild eines Gesichtes integriert. Schwarzer und ihre Mitarbeiterin Monika Korell verwenden Bilder von eher durchschnittlichen Gesichtern ohne weiteren Schmuck, damit die Versuchspersonen auf andere Strategien der Gesichterwahrnehmung zurückgreifen müssen.

Wie lassen sich die ganzheitliche und analytische Wahrnehmungsstrategie im Experiment unterscheiden? Dazu lernen Versuchspersonen zunächst, Karten mit unterschiedlichen Schemagesichtern den zwei Kategorien Kinder- und Erwachsenengesicht zuzuordnen. Nach der Lernphase zeigen die Forscherinnen Testgesichter, bei denen die Merkmale Augen, Nase, Mund und Gesichtsform von Kinder- und Erwachsenengesicht nach einem bestimmten Schema gemischt sind. Je nach ganzheitlicher oder analytischer Wahrnehmung ordnen die Versuchspersonen die etwa 70 Gesichter den Kategorien unterschiedlich zu. "Diese Versuche lassen sich problemlos auch schon mit Vorschulkindern um die fünf bis sechs Jahre durchführen, wenn man spielerisch vorgeht und die beiden Gesichterkategorien nicht A und B nennt, sondern die Gesichterkategorien durch zwei Spielzeugtiere repräsentiert und die Aufgabe mit einer Geschichte verbindet", erklärt Korell. Da die Gesichtererkennung eine starke soziale Funktion hat, wurde diese Fähigkeit von anderen Forschern mit eigenen Methoden auch bei Säuglingen untersucht. Doch war über die Gesichterwahrnehmung bei Kleinkindern und Vorschulkindern wenig bekannt. Diese Forschungslücke wollten die Tübinger Psychologinnen schließen, um zunächst festzustellen, wie der Entwicklungsprozeß normalerweise verläuft. Für die bewährten Wahrnehmungsexperimente der Psychologinnen konnten sich die zweijährigen Kinder jedoch noch nicht lange genug konzentrieren. "Wir haben daher eine aufwendigere Versuchsanordnung entwickeln müssen", sagt Korell. Die Doktorandin hatte nach zahlreichen Vorversuchen herausgefunden, wie die Kinder bei der Stange zu halten sind: Bär und Hund sind in Kästen auf zwei Zimmerseiten versteckt. Per Mausklick am Computer können die Kästen geöffnet werden und die Tiere werden sichtbar, dazu wird eine Melodie gespielt. Mit einer altersgerechten Geschichte zu den beiden Tieren werden Lernbilder von Gesichtern auf einem Bildschirm eingeblendet. "Die meisten Kinder begreifen die Aufgabe und ordnen dann auch die Testgesichter jeweils einem Tier zu. Allerdings sagen viele Kinder nicht, was sie meinen, sondern zeigen oder laufen zu dem entsprechenden Tier im Kasten hin", läßt Korell ahnen, daß bei dieser Forschung Geduld nötig ist. Bei den Studien zeigte sich, daß Kinder schon von etwa zwei Jahren an Gesichter bevorzugt analytisch wahrnehmen und sich hauptsächlich auf ein Merkmal konzentrieren. Anfangs dienten ihnen häufig die Augen als Orientierungsmerkmal, später die Nasenform. Zwar hatten die Forscherinnen eine ganzheitliche Verarbeitungsform als typisch für Erwachsene ermittelt. "Wenn Gesichter allerdings auf dem Kopf stehen, wird die Erkennungsleistung auch bei Erwachsenen um zwanzig bis dreißig Prozent schlechter und sie fallen in die analytische Strategie zurück", sagt Schwarzer. Die Psychologinnen schlossen daraus, daß auch bei der schnellen Wahrnehmung von Gesichtern Übung den Meister macht: "Ausschlaggebend für die Verarbeitungsform ist das Vorwissen. Durch Lernen und längere Erfahrung können Gesichter ganzheitlich wahrgenommen werden", zieht Schwarzer ein Fazit.

Das gilt nicht nur für Gesichter, sondern zeigte sich auch bei Untersuchungen zur Unterscheidung verschiedener Objekte wie Flugzeugen und Vögeln, deren Merkmale wie bei den Kinder- und Erwachsenengesichtern vermischt wurden. Die Psychologinnen ordnen ihre Forschung zwar dem Bereich der Grundlagen zu, doch liegen einige Konsequenzen auf der Hand: "Kinder werden durch hohe Komplexität bei Bildern schnell überfordert", meint Schwarzer. Die Psychologinnen haben außerdem festgestellt, daß es zwar bei Erwachsenen kaum eine Rolle spielt, ob sie einen Menschen nach einer Schemazeichnung oder nach einem Foto wiedererkennen sollen, Kinder sich aber mit den weniger natürlich wirkenden Zeichnungen deutlich schwerer tun. Die Forschungsergebnisse zur Gesichterwahrnehmung können mit solchen Hinweisen auch in die Arbeit der Polizei eingehen, wenn beispielsweise jüngere Kinder einen Menschen nach einem Fahndungsbild identifizieren sollen.

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