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Gletscher: Wie entstehen diese Eissegel?

Aus dem Baltoro-Gletscher im Karakorum ragen riesige Eispyramiden wie Segel empor. Weltweit einmalige Bedingungen verursachen dieses Phänomen.
Eissegel auf dem Baltoro-Gletscher im Karakorum

Wer es bis zum Baltoro-Gletscher im Karakorum schafft, sieht ein atemberaubendes Bild – nicht nur wegen der dünnen Luft im Umfeld des K2, des zweithöchsten Bergs der Erde: Aus der schmutzig braunen Oberfläche der riesigen Eiszunge ragen weiße Pyramiden wie Segel aus einem brackigen Gewässer. Nur hier im Hochgebirge Nordpakistans existieren diese bis zu 25 Meter hohen und 90 Meter breiten Eissegel, was eng mit den klimatischen und gemormphologischen Besonderheiten der Region zusammenhängt, so eine Studie von Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und seinem Team. Ihre Geschichte beginnt weit oben, wo der Gletscher seinen Anfang nimmt: Der Frost sprengt reichlich Gestein von den angrenzenden steilen Felswänden, die als Schutt auf dem Eis landen. Das dunkle Material heizt sich durch die Sonneneinstrahlung stärker auf als Flächen blanken Eises – das die Sonnenstrahlung stark reflektiert – und gibt seine Wärme auch nach unten zum Gletscher hin ab. In diesen Bereichen schmilzt er schneller als im Umfeld des "nackten Eises", so dass dieses relativ nach oben wächst, während die bedeckte Oberfläche absinkt.

Mit dem strömenden Gletscher bewegen sich die Eispyramiden talwärts, wo sich ihr Schicksal schließlich umkehrt: Immer mehr Schutt bedeckt den Baltoro und isoliert ihn schließlich gegenüber der Außenwelt. Seine Schmelzrate nimmt deswegen trotz der steigenden Durchschnittstemperaturen ab, während nun die Segel schutzlos verstärkt tauen. Warum diese Prozesse jedoch so ausgeprägt im Karakorum ablaufen, aber nicht in anderen Gebirgen, selbst wenn dort ebenfalls stark schuttbedeckte Gletscher vorhanden sind, haben Mayer und Co modelliert. Zum einen muss genau die richtige Topografie vorhanden sein; die Gletscher müssen gewaltige Materialmengen auf ihrer Oberfläche ansammeln und dabei lange Strecken zurücklegen, die nur langsam abfallen. Steile Kanten würden andernfalls dafür sorgen, dass die Pyramiden immer wieder abstürzen, bevor sie sich zu voller Größe entwickelt hätten. Mit einer Länge von mehr als 60 Kilometern gehört der Baltoro zu den längsten Gebirgsgletschern der Erde.

Und auch das Klima spielt eine Rolle: In diesem Teil des Karakorums ist die Luft sehr trocken; das Eis verdunstet ohne flüssige Zwischenphase direkt in die Atmosphäre – ein Sublimation genannter Prozess. Er ist auch mitverantwortlich, wenn sich so genannter Büßerschnee entwickelt, der ebenfalls sehr markante Schmelzformen von Gletschereis in trockenen Gebirgen darstellt. In feuchten Gebieten wie den Alpen oder Alaska sehe man diese Eisformationen dagegen nicht, weil hier stärkere Niederschläge und Schmelzwasser den Gletscher viel deutlicher prägen, so Koautor Geoff Evatt von der Manchester University gegenüber der BBC. Das Karakorum gehört zu den wenigen Gebieten der Erde, wo einige Gletscher noch stabil sind oder sogar wachsen, während sie sich ansonsten zurückziehen. Das Schicksal eines Gletschers hängt nicht nur mit den Temperaturen zusammen, sondern auch mit der Menge an Schnee, die in ihrem Einzugsgebiet fällt. Diese Niederschläge haben in der Region während der letzten Jahrzehnte zugenommen. Und die isolierende Wirkung des Schutts leistet ebenfalls ihren stabilisierenden Beitrag.

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