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Tödliches Nagervirus: Wie kam das gefährliche Hantavirus aufs Kreuzfahrtschiff?

Drei Menschen starben auf einer Kreuzfahrt mutmaßlich durch ein Hantavirus. Fachleute rätseln nun, wie der Erreger an Bord kam – und ob er sich von Mensch zu Mensch verbreitet hat.
Ein großes Kreuzfahrtschiff fährt auf einem ruhigen Meer, umgeben von einer malerischen Landschaft mit felsigen Küsten und grasbewachsenen Hügeln. Im Vordergrund sind zahlreiche Robben auf den Felsen zu sehen, während im Hintergrund eine Bergkette den Horizont dominiert. Der Himmel ist klar und blau.
Die »Hondius« in Südgeorgien im April 2023. Das Schiff einer niederländischen Reederei bietet Kreuzfahrten im Südpolarmeer an.

Bei einem mutmaßlichen Ausbruch eines Hantavirus auf einem Kreuzfahrtschiff sind bisher drei Menschen gestorben, eine weitere Person wird in Südafrika intensivmedizinisch behandelt. Das meldet die Weltgesundheitsorganisation WHO. Demnach sind insgesamt sechs Menschen erkrankt, zwei erkrankte Crewmitglieder befinden sich noch an Bord. Bei einer Person wurde ein Hantavirus nachgewiesen, bei den fünf anderen gilt es als sehr wahrscheinlich, dass sie ebenfalls infiziert sind. Hantaviren kommen weltweit bei Nagetieren vor und können auch bei Menschen sehr schwere Erkrankungen auslösen. Bisher ist unbekannt, wo und wie sich die Personen auf dem Kreuzfahrtschiff angesteckt haben; Menschen infizieren sich normalerweise über Kot und Urin von Nagetieren. Es gilt aber als möglich, dass sich das Virus von Mensch zu Mensch ausgebreitet hat.

Der Ausbruch fand auf dem Kreuzfahrtschiff »Hondius« statt, einem für Polarkreuzfahrten ausgerüsteten Schiff, das 170 Passagiere befördern kann. Die »Hondius« war vom argentinischen Hafen Ushuaia gestartet, hatte unter anderem die Antarktische Halbinsel besucht und sollte nach dem Ende der Kreuzfahrt an den Kapverden zu den Kanarischen Inseln weiterfahren. Derzeit befindet sich das Schiff bei den Kapverdischen Inseln, Crew und Passagiere werden an Bord versorgt und überwacht. Während Hantaviren weltweit pro Jahr 150 000 bis 200 000 Menschen infizieren, ist es der erste dokumentierte Hantavirusausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff. Fachleute versuchen nun herauszufinden, was hinter den Infektionen steckt.

Es gibt eine ganze Reihe von Hantaviruslinien, die Menschen krank machen. Menschen infizieren sich, wenn sie Fäkalien, Urin oder Speichel infizierter Nagetiere in Form eines Aerosols einatmen. Je nachdem, welches Hantavirus beteiligt ist, können zwei typische Ausprägungen der Krankheit entstehen. Altwelt-Hantaviren wie das in Deutschland verbreitete Puumalavirus verursachen oft ein hämorrhagisches Fieber (vergleichbar mit Filoviren wie Ebola), bei dem die Nieren stark betroffen sind und an dem 10 bis 15 Prozent der Infizierten sterben.

Neuwelt-Hantaviren wie das Sin-Nombre-Virus aus Südamerika lösen dagegen meist das sehr viel tödlichere Hantavirus-induzierte kardiopulmonale Syndrom (HCPS) aus, an dem ein Drittel bis über die Hälfte der Infizierten sterben. Bisher ist nicht bekannt, welche Art von Virus für die Erkrankungen auf dem Kreuzfahrtschiff verantwortlich ist, die hohe Sterblichkeit spricht jedoch für ein Neuwelt-Hantavirus.

Wie kam das Virus auf das Kreuzfahrtschiff?

Welches Virus beteiligt ist, ist für den Übertragungsweg wichtig. Denn bisher ist völlig unklar, wie das Virus sechs Menschen auf dem Schiff anstecken konnte. Normalerweise passiert das dort, wo die meist wilden Nagetiere leben, die den Viren als Wirt dienen. Dass das Kreuzfahrtschiff selbst eine Population infizierter Nager beherbergte, gilt als extrem unwahrscheinlich, weil umfassende Maßnahmen getroffen werden, um Ratten von Kreuzfahrtschiffen und Schiffen allgemein fernzuhalten.

Zudem tragen Hausmäuse und Wanderratten, die in der Nähe des Menschen leben, überwiegend das Seoul-Hantavirus, welches das wesentlich weniger tödliche hämorrhagische Fieber auslöst. Sie spielen im Vergleich zu Wildtieren eine geringere Rolle bei menschlichen Hantainfektionen. So steckt man sich in Deutschland überwiegend im Wald oder in der Nähe des Waldes mit Hantaviren an, wo die Rötelmaus als einer der wichtigsten Überträger lebt.

Am wahrscheinlichsten ist deswegen, dass die sechs Infizierten sich entweder noch in Argentinien selbst oder auf einer der Zwischenstationen der Kreuzfahrt an den Fäkalien wilder Nagetiere angesteckt haben. Genauer lässt sich das nicht eingrenzen, denn die Inkubationszeit der Krankheit kann von wenigen Tagen bis mehrere Wochen reichen.

Eine weitere Möglichkeit, die die WHO nicht ausdrücklich ausschließt, ist eine Übertragung von Mensch zu Mensch. Dabei hätte sich der erste verstorbene Patient bei Nagern angesteckt und dann die Krankheit auf Mitreisende, darunter seine ebenfalls verstorbene Ehefrau, übertragen. Solche Übertragungen sind extreme Ausnahmefälle, und es ist bis heute nicht ganz klar, ob es sie gibt.

Bei fast keinen Hantaviren gibt es Hinweise, dass sie direkt von Mensch zu Mensch übertragbar sind. Lediglich bei einem Virus, dem in Südamerika vorkommenden Anden-Hantavirus, berichteten Fachleute im Jahr 2014, dass es bei einem Ausbruch 2011 zu Übertragungen zwischen Menschen kam, darunter auch zwei Pflegekräfte einer Klinik. Dieser Fall wird jedoch nach wie vor kontrovers diskutiert, und es gibt noch andere mögliche Interpretationen. Bisher ist nicht klar, ob das Anden-Hantavirus für die Infektionen auf der »Hondius« verantwortlich ist. Laut Weltgesundheitsorganisation wird das Erbgut des Virus derzeit sequenziert, um herauszufinden, um welchen Erregertyp es sich handelt und ob sich alle Infizierten bei der gleichen Quelle angesteckt haben.

Die beengten Bedingungen auf Kreuzfahrtschiffen sind jedenfalls besonders günstig für die Ausbreitung von Krankheiten, etwa analog zu Gefängnissen oder Slums. Die Möglichkeit, dass das Hantavirus hier einen Weg fand, sich direkt zwischen Menschen zu verbreiten, lässt sich deswegen nicht völlig ausschließen. Laut Berichten versuchen Fachleute derzeit, Kontaktpersonen Infizierter unter anderem in Südafrika nachzuverfolgen, um zu verhindern, dass sich möglicherweise weitere Menschen anstecken. 

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