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Schlaf, Stress, Entzündung: Wie fit ist mein Gehirn?

Wer sein Gehirn gesund halten will, kann vieles tun, etwa besser schlafen, sich bewegen und Stress abbauen. Aber wie kann man herausfinden, ob die eigenen Bemühungen auch helfen? Was Blutuntersuchungen, Scans, Gentests und Smartwatch-Daten wie die Herzfrequenzvariabilität leisten.
Eine Frau im Profil, umgeben von digitalen Symbolen und Datenvisualisierungen, die Konzepte wie Technologie, Vernetzung und Datenanalyse darstellen. Die Symbole umfassen Diagramme, Grafiken und Zahlen, die auf digitale Kommunikation und Informationsverarbeitung hinweisen. Ein heller Lichtschein im Hintergrund verstärkt den futuristischen Eindruck.
Wer seine eigene Hirngesundheit systematisch verbessern will, setzt am besten auf ein langfristiges Monitoring verschiedenster Daten. Welche Tests sind gut praktikabel und trotzdem aussagekräftig?

Kann doch nicht so schwer sein: 72 mal 72 ergibt …? Vom Rücksitz aus wollte meine Tochter, die im Kopfrechnen gerade neues Selbstvertrauen gewonnen hatte, ihre Lösung überprüfen. Ob es daran lag, dass es auf den Abend zuging, oder daran, dass ich nebenher einparken wollte: Mein geistiger Motor geriet jedenfalls gewaltig ins Stottern.

Früher hätte mich eine solche Rechenaufgabe nicht aus der Fassung gebracht. In letzter Zeit habe ich jedoch mitunter das Gefühl, dass mein Gehirn nicht mehr auf allen Zylindern läuft. Das betrifft nicht nur den Umgang mit Zahlen, es geht eher um eine allgemeine Trägheit des Denkens.

Und das ist mir alles andere als egal. Ich schreibe nicht nur beruflich über das Gehirn, sondern ich arbeite auch hart daran, es gesund zu halten. Ich ernähre mich gut, ich treibe Sport und spiele sogar Trompete, in der Hoffnung, diese Dinge könnten etwas bewirken.

Hirngesundheit kontrollieren

Anders als ein wachsender Bauchumfang oder ein steigender Blutdruck lässt sich die Gesundheit des Gehirns aber kaum regelmäßig kontrollieren – oder doch? Die Zeiten ändern sich. »Wir stehen wahrscheinlich am Beginn eines Wandels. Wir behandeln die Gesundheit des Gehirns zunehmend so wie die körperliche Gesundheit: als etwas, das wir eher proaktiv als reaktiv überwachen«, sagt der Neurologe Hedley Emsley von der Lancaster University in Großbritannien.

»Wir stehen wahrscheinlich am Beginn eines Wandels. Wir behandeln die Gesundheit des Gehirns zunehmend so wie die körperliche Gesundheit«Hedley Emsley, Neurologe

Hirntests überschwemmen den Markt

Technische Fortschritte, künstliche Intelligenz und das wachsende Interesse an den eigenen Gesundheitsdaten haben eine neue Generation von »Werkzeugen« hervorgebracht – von hochmodernen Bluttests bis hin zu teuren Hirnscans. Das Angebot ist enorm. Ich machte mich also daran herauszufinden, welche Tests sich lohnen: Was würde mir wirklich Auskunft darüber geben, ob meine Bemühungen um mein Gehirn fruchten?

Anfang der 2000er-Jahre sprachen nur wenige Menschen über Hirngesundheit. Die Neurowissenschaft interessierte sich mehr dafür, was das zentrale Nervensystem krank macht, als dafür, wodurch es prächtig gedeiht. Damals konnte man die Zahl der Studien über die Gesunderhaltung des Gehirns noch an beiden Händen abzählen. Heute erscheinen jedes Jahr mehr als 4000 Publikationen zum Thema.

Wachsendes Interesse an Hirngesundheit

Ein Teil dieses Anstiegs spiegelt einen kulturellen Wandel wider: Viele von uns zählen ihre Schritte, beobachten ihren Schlaf und ihre Herzfrequenz. Das Gehirn war wohl der unvermeidliche nächste Kandidat. Wahrscheinlich spielt auch die Sorge um die eigene Psyche eine Rolle. Im Jahr 2024 befragte das Neuro-Wearables-Unternehmen Muse 5000 Erwachsene in den USA: Rund 40 Prozent glaubten, sie litten an einer (noch nicht diagnostizierten) Erkrankung des Gehirns. Ganz oben auf der Liste der Sorgen stehen Angststörungen und Depressionen. Laut einer Umfrage unter 28 000 Erwachsenen in Europa würden die meisten einen Test zur Gehirngesundheit machen, würde er angeboten – selbst dann, wenn er Informationen über eine Krankheit lieferte, die sich weder behandeln noch verhindern lässt.

Ein solcher Test für jedermann ist vielleicht kein reines Hirngespinst mehr. Die Technik hat sich verändert: EEG-Geräte, die Hirnaktivität nichtinvasiv messen, sind billiger denn je, und KI kann Daten aus der Hirnbildgebung inzwischen in Echtzeit analysieren und individuell auswerten. Noch vor fünf Jahren wäre das unmöglich gewesen. Das Ergebnis ist ein schnell wachsender Markt an Testinstrumenten, die uns angeblich nie da gewesene Einblicke in unsere Hirngesundheit ermöglichen.

APOE4 – der Gentest und seine Tücken

Mit einem Teil davon habe ich bereits eigene Erfahrung: Gentests. Vor mehr als zehn Jahren ließ ich mein Erbgut analysieren und erfuhr, dass ich eine Kopie der Genvariante APOE4 besitze. Von ihr ist bekannt, dass sie die Wahrscheinlichkeit für Alzheimer im Vergleich zu Menschen ohne diese Variante um das Drei- bis Vierfache erhöht. Es gibt viele Tests, die Ihnen sagen können, ob Sie diese Genvariante besitzen. Ob Sie es wissen wollen, ist eine andere Frage.

Mein eigenes Ergebnis bringt mich wahrscheinlich dazu, etwas mehr über meine Hirngesundheit nachzudenken, als ich es sonst täte. Aber es erklärt mir nicht, wie es meinem Gehirn heute geht. Ich weiß: Alzheimer in der Familie oder eine einzelne Kopie von APOE4 machen den Ausbruch der Krankheit nicht unausweichlich. Tatsächlich empfehlen Alzheimer-Organisationen in Großbritannien und den USA den Gentest nicht, weil so viele Lebensstilfaktoren das Gesamtrisiko beeinflussen.

Das Verlockende an Hirnscans

Eine verlockendere Möglichkeit ist ein Hirnscan. Er kann Blutungen, Tumoren, Schrumpfungen, Gefäßschäden und andere altersbedingte Veränderungen sichtbar machen. Das könnte potenziell wertvolle Informationen über meine aktuelle und künftige Hirngesundheit liefern. Tatsächlich habe ich bereits ein Bild meines Gehirns auf meinem Computer gespeichert, aus einer klinischen Studie, an der ich einmal teilgenommen habe. Es sieht schön aus und zeigt keine unerwarteten Auffälligkeiten, sogenannte Zufallsbefunde.

Doch etliche Menschen haben nicht so viel Glück, sagt Rab Khan, Mediziner und Schlaganfall-Experte bei der Northern Care Alliance NHS Foundation Trust in Manchester, Großbritannien. Schätzungen zufolge finden sich Zufallsbefunde in rund vier Prozent aller Hirnscans. Manche, etwa kleine Zysten oder ungewöhnliche Blutgefäßwucherungen, richten keinen Schaden an und erklären auch keine Symptome. Sie können aber trotzdem Angst auslösen, weitere Untersuchungen nach sich ziehen und Kosten verursachen.

Tatsächlich empfiehlt keiner der Ärzte, mit denen ich gesprochen habe, routinemäßige Hirnscans. »Jährliche oder alle paar Jahre durchgeführte Scans klingen vorausschauend, aber als allgemeine Strategie für mehr Hirngesundheit sind sie nicht belegt«, erklärt Khan.

»Jährliche oder alle paar Jahre durchgeführte Scans klingen vorausschauend, aber als allgemeine Strategie für mehr Hirngesundheit sind sie nicht belegt«Rab Khan, Neurologe

Vor diesem Hintergrund entscheide ich mich gegen einen weiteren Scan. Wie sieht es mit Bluttests aus? Einfache Kontrollen der Spiegel an Vitamin B12 und Folat sowie der Schilddrüsenfunktion sind mitunter sehr aufschlussreich. Ein Mangel oder ein Hormonungleichgewicht kann Gedächtnisverlust und andere kognitive Beeinträchtigungen nach sich ziehen. Meine jüngste Blutabnahme im Rahmen eines »Well Woman«-Pakets hatte hier aber nichts Ungewöhnliches erbracht. Zumindest auf dieser Ebene scheint es meinem Gehirn zurzeit gut zu gehen.

Hinweise auf Alzheimer im Blut

Zunehmend stehen auch spezialisiertere Untersuchungen zur Verfügung: Alzheimer-Bluttests können die Konzentrationen von Beta-Amyloid und Tau nachweisen – Proteine, die bei dieser Erkrankung zur Zerstörung von Hirngewebe beitragen. Einige der Tests schneiden inzwischen besser ab als Hirnscans und entdecken in bestimmten Fällen verräterische Krankheitszeichen, lange bevor Symptome auftreten. Das ist ebenso spannend wie heikel. Solche Tests sind mittlerweile in den USA und EU-weit zugelassen. Sie werden Menschen ohne Symptome jedoch im Allgemeinen nicht empfohlen, weil ihr Vorhersagewert derzeit noch untersucht wird und die Behandlungsmöglichkeiten für Demenz begrenzt bleiben.

Specks – Entzündungsmarker im Blut

Andere experimentelle Tests zielen darauf ab, Entzündungen im Gehirn nicht mehr nur wie bisher per Lumbalpunktion, sondern auch im Blut nachzuweisen. Evgeniia Lobanova von der University of Cambridge untersucht beispielsweise bestimmte punktförmige Eiweißflecken, im Englischen als »ASC specks« bezeichnet. Das Protein ASC wird von Immunzellen des Gehirns freigesetzt, wenn sie im Gewebe Stress, Schäden oder Krankheitserreger detektieren, und scheint Entzündungen und den Zelltod voranzutreiben. Form und Größe der Flecken könnten Auskunft darüber geben, mit welcher Wahrscheinlichkeit jemand Parkinson oder Alzheimer entwickelt – und zwar bis zu fünf Jahre bevor Symptome auftreten. »Mit diesem Test kann ich mir das Blut von Patienten ansehen und diejenigen identifizieren, die sehr davon profitieren würden, an einer Medikamentenstudie teilzunehmen«, sagt Lobanova. Solche Tests sind allerdings noch lange nicht für jedermann verfügbar.

Wer sich ernsthaft Sorgen um seine Hirnfunktion macht, kann auch seine Hausärztin oder seinen Hausarzt aufsuchen. Bestimmte Denkaufgaben decken gravierende Probleme des Gedächtnisses, der Konzentration und der Orientierung in Zeit und Raum auf. Außerdem gibt es zahllose Online-Tests, die alles Mögliche, von der Reaktionsgeschwindigkeit bis hin zu den »exekutiven Funktionen«, messen. All diese Tests sind größtenteils darauf ausgelegt, bedenkliche Beeinträchtigungen zu erkennen. Mir geht es aber nicht darum, eine bestimmte Krankheit zu detektieren oder auszuschließen, sondern ich will einfach wissen, ob mein Gehirn gut in Form ist.

Smartwatches – Fluch oder Segen?

Vielleicht tragen wir die Antwort schon am Handgelenk. »Forschende interessieren sich zunehmend für passive Verhaltenssignale«, sagt Hedley Emsley. Damit meint er Signale aus anderen Bereichen unseres Körpers, die uns aber etwas über unser Gehirn verraten. Ich besitze eine Smartwatch, die meinen Schlaf, meine körperliche Aktivität und meine Herzfrequenz aufzeichnet. Zunehmend glauben Fachleute, dass solche Daten auch Einblicke in die Hirngesundheit bieten könnten.

Der naheliegendste Ausgangspunkt ist der Schlaf. Immer deutlicher wird, dass Schlaf nicht nur erholsam ist, sondern auch ein höchst organisierter Zustand, in dem synchronisierte neuronale Rhythmen helfen, Abfallstoffe über den Flüssigkeitsstrom des »glymphatischen Systems« aus dem Gehirn zu schwemmen. Langfristig kann schlechter Schlaf den Abtransport von potenziell schädlichen Proteinen wie Beta-Amyloid und Tau beeinträchtigen. »Viele Störungen, die das Demenzrisiko erhöhen, stören auch die Schlafrhythmen des Gehirns«, sagt Maiken Nedergaard von der University of Rochester Medicine im US-Bundesstaat New York.

Herzfrequenzvariabilität als Maß für die Hirngesundheit?

Früher hätte man eine Nacht verkabelt in einem Schlaflabor verbringen müssen, um einen Einblick in die Hirnwellen zu erhalten. Heute haben wir womöglich einen Ersatzwert, der sich leichter messen lässt: Die sogenannte Herzfrequenzvariabilität, kurz HRV (vom englischen Begriff heart rate variability), beschreibt die winzigen Schwankungen der Zeitabstände zwischen Herzschlägen. Die HRV wurde bereits mit mehreren kognitiven und psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Ein niedriger Wert hängt zum Beispiel mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Demenz, Schizophrenie und posttraumatische Belastungsstörung zusammen.

Herzfrequenzvariabilität messen |

Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) misst in Millisekunden, wie stark die Zeitabstände zwischen einzelnen Herzschlägen schwanken. Je höher die HRV, desto flexibler reagiert das autonome Nervensystem auf Belastungen und Erholung. Steigt die HRV über Wochen oder Monate leicht an, spricht das oft für bessere Erholung und weniger Stress.

Nedergaard zufolge könnte eine aktuelle Studie die entscheidende Verbindung zwischen der Dynamik der Herzfrequenz und der Hirngesundheit erklären. Sie belegt, dass die Pumpen für die glymphatische Reinigung von denselben Mechanismen angetrieben werden, die im Schlaf auch die HRV steuern. Möglicherweise lässt sich die HRV daher als Biomarker dafür nutzen, wie gut das Gehirn seinen Müll beseitigt. Obwohl diese Idee noch nicht direkt getestet wurde, zeigt laut Nedergaard die Fachliteratur, dass eine niedrige HRV einen weniger günstigen Verlauf des Alterns vorhersagt.

Das Problem: Krankheitsängste werden gefördert

Tatsächlich habe ich mir immer ein wenig Sorgen um meine HRV gemacht. Sie liegt beständig unter dem Durchschnitt, was darauf hindeutet, dass ich viel Zeit in einer Art Kampf-oder-Flucht-Zustand verbringe. Das hatte ich bereits als Anstoß genutzt, etwas nachsichtiger mit mir selbst zu sein und Dinge zu tun, die mir beim Stressabbau helfen. Auch wenn die Belege noch vorläufig sind: Dass die HRV ein beeinträchtigtes Abfallentsorgungssystem meines Gehirns anzeigen könnte, motiviert mich dazu, mein Stressmanagement stärker zu priorisieren.

Das Wissen darum ist allerdings noch bruchstückhaft. »Die Herausforderung besteht darin, dass das Gehirn weit komplexer und variabler ist als so etwas wie die Herzfrequenz«, sagt Emsley. »Deshalb vermute ich, dass es in Zukunft weniger um einen einzelnen ›Gehirnwert‹ gehen wird, sondern stärker darum, mehrere Signale über längere Zeit zu kombinieren.« Das Ziel sei, Veränderungen früh zu erkennen, aber am besten auf eine Weise, die Handlungsmöglichkeiten eröffnet, statt Angst auszulösen.

Brain Health Index – ein Indikator für die Hirngesundheit

Ein Team um den Datenanalysten David Dickie von der University of Glasgow in Großbritannien versuchte bereits 2018, vier verschiedene MRT-Hirnscans zu kombinieren, die auf jeweils unterschiedliche Hirnprobleme spezialisiert sind, etwa Läsionen, Atrophie oder Veränderungen der weißen Substanz. Die Informationen verdichteten die Forschenden zu einer Zahl, dem Brain Health Index, kurz BHI. Mehrere Studien führten allerdings vor Augen, dass der BHI einer einzelnen Person enger mit ihrer Reaktionszeit und dem Abschneiden in kognitiven Tests zusammenhängt als mit physiologischen Untersuchungsergebnissen wie etwa mit einem leicht atrophierten (geschrumpften) Gehirn.

2023 bestimmte eine Gruppe unter der Leitung von Jodi Watt, ebenfalls an der University of Glasgow, den BHI von fast 3000 Menschen im Alter zwischen 48 und 77 Jahren und leitete daraus eine »normale« BHI-Kurve für verschiedene Altersgruppen ab. Später beobachtete die Forschungsgruppe, dass der BHI der Menschen verschiedene Faktoren widerspiegelte, von denen wir bereits wissen, dass sie die Hirngesundheit beeinflussen. Bildung schien ihn zum Beispiel zu verbessern, während Rauchen, Typ-II-Diabetes und Bluthochdruck den BHI drückten.

Schlechte Hirngesundheit entsteht eher selten durch eine einzelne pathologische Veränderung. Verschiedene Informationen zu einem Wert zusammenzuführen, kann daher nützlich sein, um die eigene Hirngesundheit einzuschätzen.

Doch auch hier liegt der Fokus offenbar wieder darauf, was nicht stimmt. Ein Grund, warum ich einen Einblick in meine Hirngesundheit möchte, ist, dass ich mich sehr bemühe, Aspekte meines Lebensstils zu verbessern. Es wäre also schön zu sehen, dass sich diese Anstrengungen hinsichtlich meiner Hirngesundheit auszahlen, ähnlich wie man Muskeln wachsen oder Cholesterinwerte sinken sieht.

Lebensstil und Demenz

2024 erklärte die Lancet Commission on Dementia Prevention, Intervention and Care, dass sich fast die Hälfte aller Demenzfälle verhindern oder verzögern ließe, wenn man 14 Lebensstilfaktoren angehen würde, darunter Rauchen, Diabetes, körperliche Aktivität, soziale Isolation und Hörverlust. Für Christin Glorioso, Gründerin von NeuroAge Therapeutics, hatte dieser Bericht eine besondere Bedeutung. Als Neurowissenschaftlerin mit Alzheimerfällen in der Familie und, wie ich, einer Kopie von APOE4 im Erbgut, hat sie ein persönliches Interesse daran, die Gesundheit ihres Gehirns zu fördern: »Der Lebensstil ist dieses riesige, beeinflussbare Stück, an dem Menschen anfangen können zu arbeiten«, sagt sie. Aber auch sie suchte nach einer Möglichkeit, den Erfolg der Bemühungen zu beobachten.

Der NeuroAge-Test: Wie alt ist Ihr Gehirn?

Glorioso und ihr Team hatten bereits gezeigt, dass das Gehirn mancher Menschen biologisch älter oder jünger wirkt, als es ihrem chronologischen Alter entspricht, und zwar gemessen an Mustern der Genaktivität im Hirngewebe. Menschen mit vorzeitig gealtertem Gehirn erkrankten mit höherer Wahrscheinlichkeit an Alzheimer oder erlebten einen kognitiven Abbau. Außerdem stellte die Arbeitsgruppe fest: Ein Hirnalter, das fünf Jahre unter dem tatsächlichen Alter liegt, scheint den Effekt einer einzelnen APOE4-Kopie aufzuwiegen.

»Also dachte ich: Okay, wenn das Ziel minus fünf Jahre lautet, wie verfolge ich dann, wie alt mein Gehirn ist und was wirkt?«Christin Glorioso, Neurowissenschaftlerin

»Also dachte ich: Okay, wenn das Ziel minus fünf Jahre lautet, wie verfolge ich dann, wie alt mein Gehirn ist und was wirkt?«, erzählt Glorioso. »Und so sind wir auf den NeuroAge-Test gekommen.« Mit 1398 Dollar für das Gesamtpaket, das eine MRT, eine genetische Analyse, kognitive Tests und eine Beratung umfasst, ist mir NeuroAge zu teuer. Der Einzelbestandteil mit kognitiven Tests für 9,99 Dollar im Monat bietet jedoch bereits eine grobe Schätzung des Hirnalters. Er umfasst Aufgaben zu Gedächtnis, Aufmerksamkeit, visuell-räumlicher Leistung und Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Wie aussagekräftig sind kognitive Tests?

Die kognitive Testbatterie ergab, dass mein Hirnalter 21 Jahre unter meinem tatsächlichen Alter liegt. Ich vermute allerdings, dass sich darin meine Kenntnisse zu Gedächtnistricks widerspiegeln. Wobei meine Reaktionszeiten ebenfalls überraschend »jung« waren – vielleicht ist mein Gehirn also gesünder, als ich denke. Ohnehin könnte der Nutzen weniger in der Zahl selbst liegen als in der Möglichkeit, Veränderungen über längere Zeit zu verfolgen. Der Ansatz hat einen gewissen Reiz. Aber ich bin noch nicht überzeugt davon, dass ich über die Jahre Hunderte Dollar dafür zahlen möchte.

»Es geht darum, sich zu fragen: Wie kann ich das nächste Jahr zu meinem bisher besten für die Hirngesundheit machen?«Lori Cook, Hirnforscherin

Motivierend finde ich den Gedanken, dass es im mittleren Lebensalter offenbar noch nicht zu spät dafür ist, die Altersuhr des Gehirns zurückzudrehen. »Bei Hirngesundheit geht es nicht nur darum, den Abbau oder Krankheiten im Griff zu behalten, sondern darum, sich zu fragen: Wie kann ich das nächste Jahr zu meinem bisher besten Jahr für die Hirngesundheit machen?«, erläutert Lori Cook von der University of Texas in Dallas. »Man muss dieses Potenzial zur Optimierung erkennen. Dass man die Gesundheit seines Gehirns auf eine aufsteigende Bahn bringen kann, egal, wo man anfängt.«

Der Wunsch nach Optimierung

Um Menschen dabei zu helfen, starteten Cook und ihre Kolleginnen und Kollegen 2020 das BrainHealth Project. Das Ziel besteht darin, ein ganzheitlicheres Maß für Hirngesundheit zu schaffen, mit dem sich Verbesserungen verfolgen lassen und das so offenbart, was wirkt und was nicht. Das Team will im Lauf der kommenden zehn Jahre bis zu 100 000 Menschen in die Studie aufnehmen. Erhoben werden kognitive Daten zusammen mit Informationen zum Lebensstil und Messwerten wie der HRV.

Cook weist darauf hin, dass Hirngesundheit mehr umfasst als kognitive Leistungsfähigkeit. »Wir greifen auf die Definition der Hirngesundheit der Weltgesundheitsorganisation zurück, die soziale und emotionale Faktoren einschließt: wie gut man sozial eingebunden ist, wie man mit Stress umgeht und welchen Aktivitäten man nachgeht.«

»Der Wert definiert keine ›normalen‹ Bereiche, weil sein Zweck nicht darin besteht, Menschen oder Gruppen zu vergleichen«Lori Cook, Hirnforscherin

Die Teilnehmenden liefern alle sechs Monate Daten und erhalten dafür einen zusammengefassten Wert. Dessen Sinn besteht nicht darin, ihn mit dem tatsächlichen Alter abzugleichen. »Der Wert definiert keine ›normalen‹ Bereiche, weil sein Zweck nicht darin besteht, Menschen oder Gruppen zu vergleichen«, sagt Cook. »Er zeigt, wie sich die Hirngesundheit eines Menschen über längere Zeit verändern und verbessern kann: Sie treten gegen sich selbst an.«

Multitasking ist Gift fürs Gehirn

Rund 40 000 Menschen haben sich bereits angemeldet, und erste Ergebnisse verraten schon, wie eng bestimmte Faktoren miteinander verknüpft sind. Schlaf etwa unterstützt das kognitive Wachstum offenbar enorm. Auch Mitgefühl scheint sich positiv auf die Hirngesundheit auszuwirken, nicht nur auf das Wohlbefinden. Multitasking dagegen entfaltet eher eine toxische Wirkung. »Wir glauben, dass ständiges Wechseln zwischen Dingen zu chronischem Stress führt, der die neuronale Funktion hemmt und die Emotionsregulation beeinträchtigt«, erklärt Lori Cook.

Es gibt keinen einzelnen, perfekten Weg, Hirngesundheit zu beurteilen, zumindest noch nicht

Was Cooks erste Ergebnisse zusammen mit Maßen wie dem BHI nahelegen: Es gibt keinen einzelnen, perfekten Weg, Hirngesundheit zu beurteilen, zumindest noch nicht. Irgendwann könnten mehrere Tests zusammen jedoch Hinweise darauf liefern, ob sich unsere Hirngesundheit in eine positive oder negative Richtung entwickelt.

Schlaf, Entspannung, Freunde

Das alles im Hinterkopf behaltend werde ich zunächst die Parameter im Blick behalten, die sich am einfachsten messen lassen: meinen Schlaf, meine HRV und meine sozialen Kontakte. Alle sechs Monate will ich die BrainHealth-App starten, um meine aktuellen Informationen zu liefern und einen entsprechenden Wert zurückzubekommen. Alle Daten zusammen sollten mir sagen, ob irgendwelche Änderungen, die ich vornehme, meine Hirngesundheit in die richtige Richtung schieben. Vielleicht fällt mir dann beim nächsten Mal, wenn mir eine Rechenaufgabe vom Rücksitz aus zufliegt, die Antwort schon leichter.

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  • Quellen
  • Ashton, J.N. et al., JAMA Neurology 10.1001/jamaneurol.2023.5319, 2024
  • Lobanova, E. et al., Nature Communications 10.1038/s41467–024–53547–0, 2024
  • Nedergaard, M., Science 10.1126/science.aeg227, 2026
  • Wang, Z. et al., Translational Psychiatry 10.1038/s41398–025–03339-x, 2025
  • Watt, J.K. et al., Cerebral Circulation – Cognition and Behavior 10.1016/j.cccb.2024.100214, 2024

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