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Steinzeit: Die Mammutjäger vom Rande des Eismeers

Bereits vor 32 000 Jahren lebten Steinzeitmenschen am Kältepol der bewohnten Erde im Nordosten Sibiriens. Wie kamen sie mit den eisigen Temperaturen zurecht? Und wieso hatten sie sich ausgerechnet eine derart unwirtliche Gegend ausgesucht?
Mammuts wurden vor allem wegen ihrer Stoßzähne gejagtLaden...

Selbst für sibirische Verhältnisse ist die Ausgrabungsstätte abgelegen. Das Tiefland zwischen dem Unterlauf der Ströme Jana und Kolyma gehört zu den am dünnsten besiedelten und kältesten bewohnten Gebieten auf dem Globus. Hier, im Fernen Osten Russlands, schwankt das Thermometer im Januar um die minus 38 Grad. Nur gut zwei Monate im Sommer bleibt es frostfrei, und dann reißt das Thermometer durchaus die Plus-30-Grad-Marke. Obendrein ist die Gegend recht trocken: In München etwa fällt im Jahr viermal so viel Wasser auf die Erde.

Und dennoch fanden der Archäologe Wladimir Pitulko und seine Kollegen ausgerechnet hier, unweit der Siedlung Nischnejansk, wenige Kilometer von der Nordmeerküste entfernt, 32 000 Jahre alte Spuren von Menschen. Was trieb diese Jäger und Sammler dazu, sich ohne die Hilfsmittel der Zivilisation in einer derart unwirtlichen Gegend aufzuhalten? Wie konnten sie überleben?

Denn wie Studien gezeigt haben, war es seinerzeit nicht weniger frostig als heute, lediglich die Sommer könnten etwas wärmer gewesen sein. Auch fielen im Jahr wohl 50 bis 100 Liter mehr Niederschläge, so dass auch das Landschaftsbild ein anderes war. An Stelle der heutigen Tundra erstreckte sich eine endlos scheinende Kältesteppe.

Wachsen heute auf dem dauernd gefrorenen Boden vor allem Schopfgräser und Zwergbüsche mit vereinzelten Gruppen der extrem kälteresistenten Dahurischen Lärche (Larix gmelinii), schossen damals im Sommer viele Kräuter wie Wegerich, Beifuß und Chrysanthemen-Gewächse in die Höhe, die einer reichen Tierwelt Nahrung gaben: Mammuts, Wollnashörner, Moschusochsen, Wisente, Pferde und Rentiere grasten hier. Von ihnen wiederum lebten zahlreiche Raubtiere, darunter Braunbären, Wölfe und Vielfraße, und ein Wesen, das von diesem Schlaraffenland offenbar wie magisch angezogen wurde – der Mensch. Für die Jäger der Steinzeit gab es reichlich Beute zu machen.

Am Jana-Strom im hohen Norden weit im Osten Sibiriens graben russische Forscher die Reste einer 32.000 Jahre alten Siedlung ausLaden...
Suche nach den Steinzeitmenschen | Am Jana-Strom im hohen Norden weit im Osten Sibiriens graben russische Forscher die Reste eines 32 000 Jahre alten Lagerplatzes aus.

Nicht alle erlegten Tiere landeten auf dem Speiseplan. So fanden die Forscher am Fluss Jana zwar sehr viele Knochen von Schneehasen, aber keinerlei Hinweise, dass man ihr Fleisch verzehrte. Ein Blick nach Grönland liefert eine Erklärung: Dort fingen die Inuit noch im 20. Jahrhundert mit Schlingen jedes Jahr Tausende von Hasen, obwohl ihnen das Fleisch überhaupt nicht schmeckte. Die Jäger im hohen Norden hatten es vielmehr auf die besonders gut wärmenden Hasenfelle abgesehen. »Daraus nähten sie warme Unterwäsche und Socken oder stellten Einlagen für ihre Fußbekleidung her, die ihre Sohlen vor der vom Boden aufsteigenden eisigen Kälte schützten«, erklärt Pitulko. Hatten die Steinzeitjäger vor 32 000 Jahren an der Jana also warme Socken und Unterwäsche im Sinn, wenn sie im späten Herbst und frühen Winter ihre Schlingen für Hasen auslegten, die dann ihr neues, warmes Winterfell trugen?

Warme Socken und Einlagen aus Hasenfell?

Für diese Überlegung spricht auch die Unzahl an Nähnadeln aus kleinen Knochen, die die Forscher in mühevoller Arbeit aus dem Untergrund bargen: »Offensichtlich nähten die Menschen mit diesen Nadeln die Felle für ihre Kleidung und auch für Zelte zusammen, in denen sie lebten«, sagt Pitulko. Vermutlich war nähen zu können für das Überleben des Klans ähnlich wichtig, wie ein guter Jäger zu sein.

Allerdings griffen die Menschen wohl kaum nur zu Hasenfellen. So fanden die Forscher ebenfalls sehr viele Knochen von Wisenten, Pferden und Rentieren. »Sehr wahrscheinlich verarbeiteten die Menschen auch deren Felle für ihre Kleidung und für ihre Zelte«, so Pitulko.

Neben dem Fleisch der Wisente, Rentiere und Pferde brieten die Steinzeitmenschen an der Jana manchmal die Keulen oder andere Stücke von Wollnashörnern, Moschusochsen, Elchen, Hirschen und Bibern. Als Herd hatten sie flache Gruben mit einem Durchmesser von gut einem Meter ausgehoben, die etwa 15 bis 20 Zentimeter tief waren. Die Forscher haben bereits etliche dieser einfachen Öfen ausgegraben. Als Brennmaterial diente das Holz der niedrigen Büsche, die in den Senken der Steppenlandschaft wuchsen, und wohl ebenso der Dung der Mammuts, von denen sehr viele auf der Kältesteppe grasten. »Als Delikatesse scheint es manchmal vermutlich auch die Zunge eines Mammuts gegeben zu haben«, schließt Wladimir Pitulko aus kleinen Zungenbein-Knochen, die er dort entdeckt hat.

Schmuck aus Mammut-Stoßzähnen

Allerdings finden sich sonst kaum Mammutknochen in der Umgebung der Steinzeitküchen des hohen Nordens. Vermutlich war das Fleisch der riesigen Tiere einfach zu zäh. Sie wurden aus anderen Gründen gejagt: Mammuts hatten bis zu vier Meter lange Stoßzähne. Dieses Elfenbein besteht aus Dentin, wie die meisten Zähne im Tierreich, hat aber fast keinen Zahnschmelz, der die Oberfläche extrem hart macht. Schließlich wollen die Rüsseltiere mit ihren Stoßzähnen keine harten Gräser kauen, sondern nutzen sie zum Beispiel als Werkzeug zum Graben.

Dieses Mammutelfenbein war bei den Steinzeitmenschen an der Jana, aber auch in vielen anderen Kältesteppen des eiszeitlichen Eurasiens sehr begehrt. So stießen die Forscher einige hundert Meter flussabwärts der großen Feuerstellen auf eine riesige Ansammlung von Elfenbeinstücken: »Das war anscheinend eine Werkstatt, in der geschickte Handwerker die Stoßzähne der Mammuts verarbeiteten«, erklärt Wladimir Pitulko diese steinzeitliche Elfenbeinsammlung.

Die Künstler im eisigen Norden fertigten aus Elfenbein wunderschöne Perlenketten und Stirnbänder. Auch aus den Knochen der Schneehasen schnitzten sie sich Perlen für Ketten, die sie manchmal mit rotem Ocker verzierten. Halsketten aus Rentier-, Wisent- und Moschusochsenzähnen gehörten damals genauso wie Diademe aus Elfenbein in die Schmuckschatullen. Viele der Preziosen waren obendrein mit feinen Gravierungen verziert und zeugen so noch heute von der Kunstfertigkeit der Menschen. Pitulko findet: »Allzu schlecht scheint es ihnen nicht gegangen zu sein.«

Elfenbeinwaffen sicherten das Überleben

Und noch aus einem weiteren Grund war das Elfenbein begehrt. In den Kältesteppen Eurasiens wuchsen keine Bäume, aus denen man einen anständigen Speer oder andere Waffen, Werkzeuge und Zeltgestänge hätte herstellen können. Das Holz der niedrigen Büsche und Krüppelbäumchen in den feuchten Senken auf dem Dauerfrostboden eignete sich allenfalls als Brennholz oder für kleinere Gebrauchsgegenstände.

Forscher graben am Fluss nach Spuren der frühen MenschenLaden...
Spuren der Steinzeitmenschen | Forscher graben am Fluss nach Spuren der frühen Menschen.

Lange und gerade Stangen waren im hohen Norden und in den weiten Ebenen vor den Gletschern der Eiszeit also absolute Mangelware. Zumindest jene pflanzlicher Herkunft. Doch die Mammuts lieferten diesen Rohstoff in Form ihrer Stoßzähne. Vor allem die Weibchen waren eine heiß begehrte Jagdbeute, weil ihr Stoßzähne zwar dünner, aber auch viel gerader und länger waren als die der Bullen. »Wir haben bisher die Überreste von einigen hundert Mammuts am Fluss Jana gefunden, von denen rund 90 Prozent Weibchen waren«, berichtet Wladimir Pitulko. Aus deren Elfenbein fertigten die Handwerker dann die langen Spitzen ihrer Waffen und sogar komplette, zwei Meter lange Speere. Ganz ähnlich waren die Inuit im ebenfalls baumlosen Grönland vorgegangen, die allerdings die Stoßzähne von Narwalen für den gleichen Zweck nutzten.

Wie aber erbeuteten die Steinzeitjäger damals die Mammuts? Einen wichtigen Hinweis liefert ein Mammutschädel mit einem schmalen, runden Loch, den die Forscher ausgruben. Als sie diesen Fund im Computertomografen analysierten, war schnell klar, dass die Spitze einer Waffe dieses Loch durch die Wange gebohrt haben muss. Offensichtlich hatte der Jäger seinen Speer dabei mit aller Kraft von links hinten und von oben nach unten gestoßen. Das ging aber nur, wenn das Mammut auf dem Boden lag.

Wie erlegten Menschen Mammuts?

Die Forscher haben sogar Hinweise auf die Methode gefunden, mit denen die Jäger die Tiere auf den Boden zwangen: Anscheinend hatten sie zunächst auf die linke Schulter und die Rippen gezielt und so das Tier am Weglaufen gehindert. Darauf deuten etliche Kratzer an diesen Knochen hin, die eindeutig von den Waffen der Menschen herrührten. Als das bewegungsunfähige Tier am Boden lag, stießen die Jäger mit dem Speer dann kräftig gegen den Schaft des Stoßzahns, um die dort befindliche große Arterie zu öffnen. Danach verblutete das Mammut ähnlich schnell wie heute ein Tier, dem im Schlachthof die Halsschlagader geöffnet wird. »Mit dieser Methode jagten und töteten Jäger noch im 20. Jahrhundert in Afrika Elefanten«, erklärt Wladimir Pitulko. Nur glitt einer dieser Speerstöße bei einem Mammut an der Jana offensichtlich ab und verletzte nicht die Arterie, sondern durchbohrte den Wangenknochen.

Ähnliche Indizien zeigen Wladimir Pitulko, dass Menschen nicht erst vor 32 000 Jahren im hohen Norden Sibiriens lebten. So entdeckten Forscher in dieser Region das Schulterblatt eines Wolfs mit einem ähnlichen Loch wie jenes im Wangenknochen des Mammuts. »Im Computertomografen konnten wir ebenfalls einen Speerstoß als Ursache ausmachen«, berichtet Pitulko. Mit Hilfe der Radiokarbonmethode konnten die Forscher das Alter des Knochens bestimmen: Offensichtlich hatte der Speer den Wolf vor 45 000 bis 47 000 Jahren getroffen.

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Wladimir Pitulko | Seit vielen Jahren schon graben sich Pitulko und seine Kollegen durch die Fundschichten am Fluss Jana. Dabei fanden sie auch Hinweise auf eine noch viel frühere Anwesenheit des Menschen.

Ähnlich alt ist wohl ein Mammut, von dem die Forscher im Dauerfrostboden dieser Region Knochen und wenige Gewebereste fanden. Die Rippenknochen dieses Tieres haben genau die gleichen Kratzer, die Speere dem Mammut an der Jana zugefügt hatten. Auch wenn Pitulko und seine Kollegen bisher noch keinen Lagerplatz aus dieser Zeit identifiziert haben, trotzten Menschen also bereits vor ungefähr 45 000 Jahren den harschen Bedingungen im hohen Norden Sibiriens.

Auf dem Sprung nach Amerika?

Wer waren diese Menschen, die während der Eiszeit am heutigen Kältepol der bewohnten Erde Muße für die Herstellung von Elfenbeinschmuck hatten? Eske Willerslev von der Universität in Kopenhagen ist dieser Frage mit Hilfe von zwei Milchzähnen nachgegangen, die bei den Ausgrabungen an der Jana gefunden wurden. Beide sind etwa 31 600 Jahre alt, wie Analysen des darin vorhandenen Kohlenstoff-14-Isotops zeigen. Das sehr gut erhaltene Erbgut verrät, dass zwei nicht miteinander verwandte Jungen die Milchzähne verloren hatten. Beide gehörten zu einer Gruppe von modernen Menschen, die sich laut den Analysen vor etwa 39 000 Jahren vom Rest der Menschheit abspaltete.

Offenbar waren die damals im hohen Norden lebenden Menschen sowohl mit den Einwohnern des Westens von Eurasien verwandt, die rund zwei Drittel zum Erbgut dieser »Alten Nordsibirier« beigesteuert hatten. Ungefähr ein weiteres Drittel stammt von den damaligen Bewohnern Ostasiens. Dazu kommt noch ein Schuss von etwa zwei Prozent Neandertaler-Erbgut.

In welchen Gegenden die Alten Nordsibirier damals lebten, wissen die Forscher noch nicht genau, weil sie deren Spuren bisher nur an zwei Stellen an der Jana gefunden haben, die nicht weit voneinander entfernt liegen. Ihre Heimat könnte jedoch deutlich größer gewesen sein. Schließlich hatte sich das Klima damals abgekühlt; in Nordamerika und im Norden Europas wuchsen die Gletscher, Eurasien steuerte auf den Höhepunkt der letzten Eiszeit zu. Wasser, das zu Gletschern gefror, fehlte den Meeren, deren Wasserspiegel sank. Dadurch fielen flache Meeresgebiete vor den Küsten Nordsibiriens trocken, und die Menschen konnten vielerorts einige hundert Kilometer weiter als heute nach Norden wandern.

Noch weiter im Osten war damals die Beringstraße zwischen Sibirien und Alaska erheblich schmaler als heute, und vor etwa 34 000 Jahren hatte sich dort wohl eine durchgehende Landbrücke gebildet. Auch in diesem »Beringia« genannten Land könnten die Alten Nordsibirier also zu Hause gewesen sein. Damit sind die Bewohner der Siedlung an der Jana heiße Kandidaten für die Vorfahren der Ureinwohner Amerikas, die einst genau über dieses Beringia in die Neue Welt kamen.

06/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 06/2020

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