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Rohstoffe : »Der Fokus sollte auf Rest- und Abfallstoffen liegen«

Biomasse ist ein wertvoller Rohstoff. Wie gehen wir damit nachhaltig um? Dafür ist eine Strategie nötig, sagen eine Bioökonomin und eine Agrarwissenschaftlerin im Interview.
Kühe stehen vor einer Biogasanlage auf der Weide.
Der Vorteil von Biogas ist, dass es sich wetterunabhängig und dezentral erzeugen lässt und grundlastfähig ist. »Der Fokus sollte dabei aber auf Rest- und Abfallstoffen liegen, die für nichts anderes mehr in Betracht kommen«, sagt die Agrarwissenschaftlerin Annette Prochnow.
Franziska Schünemann | Die Volkswirtin leitet das Fachgebiet Bioökonomie am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hohenheim. Sie untersucht die Auswirkungen von Energie-, Klima- und Agrarpolitik auf globaler Ebene.

Jeden Tag setzt die Natur mit Hilfe von Sonnenenergie Kohlenstoffverbindungen zusammen. Sie sind die Grundlage allen irdischen Lebens – und eine wertvolle Ressource. Holz, Energiepflanzen oder organische Abfälle sind nachwachsende Rohstoffe und sollen im Zuge der Energiewende zunehmend fossile Rohstoffe ersetzen. Doch Anbauflächen sind begrenzt. Und ihr Einsatz ist auch nicht per se klima- und umweltfreundlich – er geht viel zu oft auf Kosten der Biodiversität. Die Bundesregierung hat deshalb erste Eckpunkte für eine Nationale Biomassestrategie vorgelegt, die eine Grundlage schaffen soll, um Biomasse aus der Wald-, Land- und Abfallwirtschaft nachhaltig zu erzeugen und zu nutzen. Ob die Eckpunkte weit genug gehen, worauf es wirklich ankommt und wie Biomasse zu einem sinnvollen Baustein für die grüne Transformation unseres Wirtschaftssystems werden kann, erklären die Bioökonomin Franziska Schünemann und die Agrarwissenschaftlerin Annette Prochnow im Interview.

Warum braucht Deutschland eine Biomassestrategie?

Franziska Schünemann: Biomasse als Ressource ist neben Wasser die Grundlage unserer Existenz. Wir brauchen Biomasse für unsere Ernährung, für unsere Wirtschaft und für die Funktion unserer Ökosysteme. Das Problem ist jedoch, dass dabei Nutzungskonkurrenzen und Zielkonflikte entstehen, etwa, ob man Mais als Energie- oder als Futterpflanze betrachtet. Das globale Bevölkerungswachstum, geopolitische Entwicklungen wie in der Ukraine oder der Klimawandel verstärken diese Nutzungskonkurrenzen noch. Um dem entgegenzuwirken und dafür zu sorgen, dass wir genug Biomasse für Nahrungsmittel, Wirtschaft und Umwelt haben, ist so eine Strategie wirklich sehr wichtig. Ziel muss sein, die Verfügbarkeit von Biomasse zu steigern und Potenziale zu nutzen, aber auch zu regeln, wofür sie genutzt wird und wie viel davon.

Annette Prochnow: Wir haben ja bereits eine nationale Bioökonomiestrategie. Die ist allerdings sehr allgemein gefasst. In Anbetracht zunehmender Nutzungskonflikte von Biomasse ist es sehr sinnvoll, sich damit eingehender zu beschäftigen: Wie viel Biomasse haben wir? Wie viel davon ist frische, also primäre Biomasse, wie viel sind Rest- und Abfallstoffe? Wie lassen sich Stoffkreisläufe schließen?

Worüber sprechen wir denn überhaupt, wenn von Biomasse die Rede ist?

Annette Prochnow | Die Agrarwissenschaftlerin leitet die Abteilung »Technikbewertung und Stoffkreisläufe« am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie in Potsdam und ist Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Prochnow: Ganz allgemein fällt darunter jegliche rezente organische Substanz. Das umfasst alle lebenden und toten Pflanzen und Tiere sowie deren Reststoffe und Nebenprodukte wie Laub, Exkremente, Klärschlamm und Abwasser. Auch Rückstände aus Tierverarbeitungsprozessen gehören natürlich dazu, ebenso Mikroorganismen wie etwa Bakterien und Pilze.

Es scheint, als könnten da sehr viele unterschiedliche Interessen im Spiel sein …

Schünemann: Ja, das sehe ich auch als eine große Herausforderung bei der Ausarbeitung der Strategie. Dass sie nicht überladen und überreguliert ist und am Ende niemanden wirklich weiterbringt.

Prochnow: Um es noch komplizierter zu machen: In meinen Augen fokussiert das Papier bislang noch zu sehr auf den Kohlenstoff. Dem kommt im Zuge des Klimaschutzes natürlich eine besondere Bedeutung zu. Aber darüber hinaus sollte man noch Stickstoff- und Phosphorkreisläufe betrachten sowie mögliche Risiken durch Schadstoffe wie Pestizide, Schwermetalle oder Pathogene einbeziehen.

Erste Stimmen zum Eckpunktepapier der Bundesregierung werfen die Frage auf, wie viel Biomasse Ökosystemen entnommen und wie viel darin verbleiben soll, vor allem geht es um den Wald. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Schünemann: Dass ein unberührter Regenwald in Brasilien oder intakte Waldökosysteme hier zu Lande unangetastet bleiben sollten, darüber müssen wir eigentlich nicht sprechen. Aber es gibt ja auch Wirtschaftswälder. Wenn sie nachhaltig bewirtschaftet werden, dann ist ihre CO2-Bilanz weitgehend neutral. Wichtig ist eine Kaskadennutzung. Das bedeutet, dass das Holz zunächst stofflich als Rohmaterial für langlebige Produkte wie etwa Möbel genutzt wird, dann möglichst recycelt und erst am Ende der Lebenszeit energetisch verwertet wird.

Prochnow: Das muss man in meinen Augen sehr differenziert betrachten. Über welche Arten von Wäldern und Holz sprechen wir? Es ist natürlich nicht sinnvoll, alte Eichen zu fällen und zu verbrennen. Holz ist aber nicht gleich Holz. Wenn in modernen Holz-Heizkraftwerken Sägespäne sowie Alt- und Schwachholz energetisch genutzt werden, dann sehe ich darin für das Klima Vorteile. Dass es klimaschädlicher sein soll, Holz zu verbrennen als Erdöl, diese Auffassung teile ich nicht. Wenn der Baum irgendwann verrottet, entweicht das Kohlendioxid auch, lediglich etwas langsamer.

Ja, in der Zwischenzeit bringt das verrottende Holz allerdings Nährstoffe zurück und bietet vielen Spezialisten eine Heimat … Also doch lieber im Wald lassen?

Prochnow: Auch hier ist Augenmaß erforderlich, um den unterschiedlichen Zielen Rechnung zu tragen. Selbstverständlich muss für den Erhalt der Biodiversität ein ausreichender Anteil an Alt- und Totholz im Wald verbleiben. Andererseits sollte dieser Anteil auf die Belange der Holznutzung und des Brandschutzes abgestimmt sein, und es muss verhindert werden, dass sich Schädlinge und Krankheiten ausbreiten können.

Energiepflanzen wie Mais und Raps werden oft großflächig in Monokulturen gezogen. Bleibt da nicht die Artenvielfalt auf der Strecke?

Prochnow: Da sind wir bei den Zielkonflikten. Will ich fossile Rohstoffe ersetzen und damit das Klima schützen oder will ich die Artenvielfalt fördern? Will ich Tierfutter oder lieber pflanzliche Lebensmittel anbauen? Letztlich wollen und brauchen wir alles, doch wir müssen neue Prioritäten setzen, ein ausgewogenes Maß finden und wo immer möglich Synergien nutzen. So ist es eine zwingende Notwendigkeit, weniger tierische Produkte zu konsumieren. Außerdem sollten naturbasierte Lösungen vorangetrieben werden wie die Wiedervernässung von Mooren oder extensive Weidehaltung, die Klima- und Biodiversitätsschutz vereinen. Aber bleiben wir mal beim Rohstoff Holz. Das Gute an Bäumen ist, dass sie in die Höhe wachsen und der Ertrag pro Fläche dadurch recht groß ist. Wir erforschen zum Beispiel so genannte Kurzumtriebsplantagen. Solche Plantagen bestehen aus schnell wachsenden Gehölzen wie Weiden und Pappeln. Die wachsen auch auf ungünstigen Standorten, binden Kohlenstoff im Boden, lassen sich alle zwei bis fünf Jahre ernten, zu Holzschnitzeln verarbeiten und zur klimafreundlichen Erzeugung von Strom und Wärme nutzen.

Kurzumtriebsplantage | In Kurzumtriebsplantagen werden schnell wachsende Gehölze wie Pappeln oder Weiden angepflanzt, die schon nach kurzer Zeit geerntet und zu Holzschnitzeln geschreddert werden. Die Bäume treiben dann einfach neu aus.

Anhand welcher Kriterien kann Biomasse denn überhaupt als nachhaltig bezeichnet werden?

Schünemann: Das hängt davon ab, was man unter Nachhaltigkeit versteht. Mir ist immer wichtig, dass wir nicht nur auf die ökologische Nachhaltigkeit abzielen, sondern die drei Dimensionen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt betrachten. Es kann wirtschaftlich vorteilhaft sein, Pestizide einzusetzen – das wäre aber nicht im Sinne der Umwelt. Ökologisch hergestellte Biomasse erhöht möglicherweise die Preise – das wäre nicht sozial verträglich. Wir müssen immer alle drei Teilbereiche gegeneinander abwägen. Das ist natürlich keinesfalls trivial.

Wie kann Biomasse zu einem sinnvollen Baustein für die grüne Transformation unseres Wirtschaftssystems werden?

Prochnow: Das Hauptziel ist, von den fossilen Rohstoffen wegzukommen. Dazu muss man die stoffliche und die energetische Nutzung unterscheiden. Im Bereich der Energieerzeugung gibt es viele gute Alternativen zur Biomasse, wie Windräder oder Solaranlagen. Da kann sie ein Rädchen im Gesamtgetriebe sein. Vorteile sind sicherlich, dass sich Biogas wetterunabhängig und dezentral erzeugen lässt und grundlastfähig ist. Der Fokus sollte dabei jedoch auf Rest- und Abfallstoffen liegen, die für nichts anderes mehr in Betracht kommen. Der Bereich der stofflichen Nutzung von Biomasse ist zwar mengenmäßig kleiner, aber hier kann sie als Kohlenstoffquelle eine große Rolle spielen – ob für Biokunststoffe, biobasierte Farben, Kosmetika oder als Baumaterial.

Schünemann: Das muss immer ganzheitlich betrachtet werden und letztlich für jeden Teilbereich die gesellschaftlich, ökologisch und wirtschaftlich beste Lösung gefunden werden. Im Prinzip lassen sich fossile Rohstoffe komplett durch Biomasse ersetzen, doch die Biomasseproduktion ist ebenfalls begrenzt, etwa durch die Landflächen auf unserer Erde. Und wie auch im Eckpunktepapier steht: Teller vor Tank. Die Nahrungsmittelproduktion darf nicht darunter leiden.

In welchen Anwendungen hat die Nutzung von Biomasse in Ihren Augen die größten positiven Effekte für Klima, Umwelt und Biodiversität?

Schünemann: Definitiv dann, wenn das CO2 möglichst lange gebunden bleibt. Daher ganz klar in allen stofflichen Anwendungen.

Prochnow: Die Erzeugung von Biogas aus Gülle und anderen Exkrementen ist ökologisch gesehen definitiv sinnvoll und effizient. Man verwendet Reststoffe, die sonst Methan und Lachgas in die Atmosphäre abgeben würden, um fossile Energieträger zu ersetzen. Damit schütze ich Klima, Umwelt und Biodiversität. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Kurzumtriebsplantagen einen wertvollen Beitrag leisten können.

Wie lassen sich die Ökosystemleistungen, die eine intakte Natur erbringt, ökonomisch bewerten?

Schünemann: Das ist jetzt nicht direkt mein Forschungsgebiet, aber ich weiß, dass sich zum Beispiel die Bestäubungsleistung von Insekten für die Wirtschaft ganz gut bestimmen lässt. Es gibt jedoch auch Werte, die man schwierig monetär bemessen kann – etwa den Naherholungswert von Wäldern oder ihre Funktion als Lebensraum. Ganz grundsätzlich sehe ich allerdings keinen Widerspruch zwischen der Nutzung von Biomasse und dem Erhalt von Ökosystemen. Wir brauchen die Artenvielfalt und fruchtbare Böden zur Produktion von Biomasse, entsprechend sollte klar sein, dass wir diese Grundvoraussetzungen erhalten müssen.

Prochnow: Auf die Biodiversität bezogen ist das nur sehr schwer zu sagen. Einfacher ist es zum Beispiel, dem Kohlenstoff einen Preis zu geben – das wird schon gemacht. Das ist dann jedoch weniger die Ökosystemleistung an sich, die man bewertet, sondern nur eine Facette davon. Und letztlich ist das natürlich alles konstruiert, denn die Natur kommt ohne uns aus, wir aber nicht ohne sie. Das sollten wir uns bei alldem immer wieder bewusst machen.

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