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Horizon Europe: Wie lässt sich nach dem Brexit gemeinsam forschen?

Großbritannien verlässt um 24 Uhr die Europäische Union. Das gefährdet die Zusammenarbeit im neuen EU-Rahmenprogramm, Horizon Europe. Die wichtigsten Fragen und Antworten
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Es ist so weit: Am 31. Januar um 24 Uhr mitteleuropäischer Zeit wird das Vereinigte Königreich die Europäische Union verlassen. Es gibt zwar eine elfmonatige Übergangszeit, Forschern stehen also nur wenige unmittelbare Veränderungen bevor. Doch noch ist unklar, wie Großbritannien am nächsten Forschungsrahmenprogramm der EU Horizon Europe teilnehmen wird. Sieben Jahre wird es ab 2021 laufen und rund 100 Milliarden Euro wert sein. Welche Schwierigkeiten der Brexit mit sich bringt, hatte beispielsweise die Finanzierung des britischen Fusionsprojekts gezeigt. Zu Beginn des Brexits klären wir die wichtigsten Fragen zu den anstehenden Verhandlungen in der Wissenschaft:

Was wird sich mit dem Austritt am 31. Januar unmittelbar ändern?

Nicht allzu viel, es beginnt eine Übergangsphase. Bis 2021 steht es Wissenschaftlern und Forscherinnen weiterhin frei, ein Projekt zu beginnen und zwischen dem Vereinigten Königreich und anderen EU-Ländern zu reisen. Britische Forscher können sich um europäische Forschungsgelder bewerben und an Austauschprogrammen teilnehmen.

Wird Großbritannien versuchen, Horizon Europe beizutreten?

Großbritanniens Forscher sollen zu ähnlichen Bedingungen wie bislang bei Horizon Europe mitwirken können, das Vereinigte Königreich künftig ein »assoziierter Staat« sein. Das hatte der britische Wissenschaftsminister Chris Skidmore dem Parlament am 20. Januar mitgeteilt. Er betonte jedoch, dass die Zusammenarbeit letztlich von der endgültigen Form und dem Inhalt des Programms abhängen werde, dem die europäischen Gesetzgeber noch zustimmen müssten. Größere Verhandlungen – einschließlich Beschlüssen über Einwanderung – dürften sich ebenfalls darauf auswirken, ob so eine enge Zusammenarbeit möglich sein wird. Ein solches Abkommen würde normalerweise erst dann zu Stande kommen, wenn sich die Länder auf ein Handelsabkommen geeinigt haben.

Welche anderen Faktoren werden die Teilnahme Großbritanniens an Horizon Europe beeinflussen?

Skidmore wird die Mitarbeiter der britischen Staatskasse davon überzeugen müssen, dass die Teilnahme die Kosten wert ist. Das Land hat schon lange mehr aus dem EU-Forschungstopf genommen, als es hineinsteckt, aber mit ziemlicher Sicherheit wird sich das ändern. Denkbar ist, dass das Vereinigte Königreich künftig entsprechend seiner Einnahmen in das Programm einzahlt.

Wie kann das Vereinigte Königreich teilhaben, wenn das freie Reisen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU endet?

Für das bestehende Forschungsprogramm Horizon 2020 mussten Norwegen und die Schweiz – beides Nicht-EU-Länder – den freien Personenverkehr über ihre Grenzen hinweg ermöglichen, um teilzunehmen. Das hat die britische Regierung bereits ausgeschlossen. Aber die EU hat vorgeschlagen, dass sie bei den Beitrittsbedingungen für das nächste Programm flexibler sein könnte. Laut Beth Thompson, Leiterin der Abteilung für britische und europäische Politik beim in London ansässigen biomedizinischen Forschungsförderer Wellcome, könnte ein britisches System, das die Mobilität von Forschern garantiert, ausreichen, um ein Abkommen zu erzielen: das am 27. Januar von der britischen Regierung angekündigte Fast-Track-Visum für Forscher beispielsweise. Am 20. Februar wird zudem die Global Talent Visa Route eröffnet. Sie soll das derzeit nur wenig genutzte »Ausnahmetalent«-Visum aufwerten und es dem wichtigsten Forschungsförderer des Landes UK Research and Innovation erlauben, geeignete Forscherinnen und Forscher zu empfehlen.

Lassen sich die Regeln zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit bis zum Ende der Übergangszeit am 31. Dezember vereinbaren?

Es ist möglich, sagt Beth Thompson, aber es wird eine Herausforderung sein. Eine von Wellcome und dem Brüsseler Wirtschafts-Think-Tank Bruegel durchgeführte Scheinverhandlung ergab nur eine »geringe« Chance dafür, dass sich Großbritannien und die EU innerhalb von elf Monaten auf ein umfassenderes Handelsabkommen einigen können. Der am 28. Januar veröffentlichte Bericht kam jedoch zu dem Schluss, dass es möglich sein könnte, sich eine noch nie dagewesene eigenständige Vereinbarung für die Wissenschaft zu schließen. Dazu müssten sich beide Seiten darauf verständigen, eine Ausnahme für die Wissenschaft zu machen, zum Beispiel durch die Einführung spezieller Visa für Forscher und die Einrichtung eines Systems, das es britischen Organisationen erlaubt, sich an die EU-Datenstandards zu halten.

Was, wenn es Großbritannien nicht gelingt, Horizon Europe vor Ende 2020 beizutreten?

Das wäre disruptiv. »Sowohl Großbritannien als auch die EU werden den Kürzeren ziehen«, warnt Thompson. Wird Großbritannien kein assoziierter Staat, könnten britische Forscher nur als Mitglieder eines »Drittlandes« an Horizon Europe teilnehmen: Sie könnten EU-finanzierte Projekte nicht leiten, sondern nur bei einigen mitmachen – und das auch nur, wenn die Regierung zustimmt, ihre Kosten zu übernehmen. Sollte es kein umfassenderes Handelsabkommen geben, könnte sich das auf Reisen, Datenaustausch und Laborbedarf auswirken. Britische Forscher werden mit ziemlicher Sicherheit Visa benötigen, um Jobs in europäischen Staaten annehmen zu können, unabhängig davon, ob das Vereinigte Königreich rechtzeitig ein neues Einwanderungssystem entwickeln kann oder nicht.


Dieser Artikel ist im Original »Brexit is happening: what does it mean for science?« in Nature erschienen.

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