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Komplizierter Stoffwechsel: Wie lässt Sport Fettpolster schmelzen?

Sport hilft ja beim Abnehmen, heißt es. Ganz so einfach ist die Sache aber nicht, wie Stoffwechselexperten immer wieder beobachten.
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Ein wenig Sport kann Menschen sicher in verschiedener Hinsicht guttun, insgesamt beeinflusst Bewegung das Körpergewicht allerdings weniger, als die meisten annehmen. Das liegt daran, dass der Körper von Menschen sehr unterschiedlich reagiert und sich kurzfristig dynamisch an Belastung anpasst. Zwar gilt: Wer abnehmen möchte, muss mehr Energie verbrauchen, als er aufnimmt – die Bilanz ist aber wegen der individuell verschiedenen und ineinandergreifenden Stoffwechselprozesse schwer zu ziehen. Dies belegen nun wieder einmal Forscher aus Dänemark im Fachblatt »Cell Metabolism« bei einem Versuch, den Erfolg von Sport gegen krankhaftes Übergewicht genauer als zuvor zu bewerten.

Das Team hatte für sein Experiment 53 Teilnehmer mit krankhaftem Übergewicht rekrutiert. Die Hälfte der Probanden unterzogen sie für 14 Tage einem überwachten Fitnessprogramm von mehreren 45-Minuten-Sitzungen auf dem Standfahrrad pro Woche. Anschließend bewerteten die Forscher mit Magnetresonanztomografen sehr exakt, ob oder um wie viel das Bauchfett der Teilnehmer im Vergleich zu nicht aktiven Personen abgebaut wurde. Zusätzlich interessierten die Wissenschaftler sich aber auch für die Rolle verschiedener Hormone auf den Prozess, die in früheren Studien als mögliche Störgrößen aufgefallen waren. Im Verdacht hatten sie dabei neben dem beim Sport ausgeschütteten und dann den Appetit anregenden Adrenalin den Stoffwechsleregulator Interleukin-6. Sie überwachten seine Konzentration im Blut der Probanden und blockierten bei einem Teil der Teilnehmer die Wirkung dieses Hormons mit dem Rheumamedikament Tocilizumab.

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Abnehmen, Sport und Interleukin | Ob Übergewichichtige beim Sport abnehmen oder nicht, hängt auch von ihrem Hormonstoffwechsel ab. Mitentscheidend scheint Interleukin-6: Wird seine Wirkung blockiert, so verlieren auch sportlich aktive Menschen kein Fett.

Das hatte einen drastischen Effekt, so die Forscher: Die Sportler verloren über zwei Wochen im Vergleich zu den nicht strampelnden Kollegen im Durchschnitt rund acht Prozent ihres Bauchfetts – allerdings nur, solange die Wirkung von Interleukin-6 nicht blockiert wurde. Tatsächlich nahmen Probanden, die das Rheumamittel genommen hatten, sogar zu, während sich gleichzeitig ihre Blutwerte verschlechterten und ihr Cholesterinspiegel stieg. Offensichtlich übernimmt Interleukin-6 also eine bisher unbekannte wichtige Rolle für den Auf- und Abbau von Fettgewebe. Das überrascht: Das Hormon war vor allem bei Rheumapatienten als problematisch entzündungsfördernd bekannt – wogegen der Wirkstoff Tocilizumab ja entwickelt worden war. Zudem hatten Studien zuvor ergeben, dass Sport zumindest in Muskelzellen eher entzündungshemmend wirkt, während hier nun das entzündungsfördernde Hormon Interleukin-6 den Fettabbau beschleunigt.

Womöglich wirke Interleukin-6 in unterschiedlichen Zelltypen sowie bei krankhaft Übergewichtigen und Gesunden unterschiedlich und fördere oder bremse in unterschiedlichen Situationen verschiedene Entzündungsprozesse, vermuten die Wissenschaftler. Am Ende fassen sie zusammen, dass »Abnehmen durch Sport« ein komplexer, noch nicht wirklich verstandener Prozess ist – und wiederholen klassische Ratschläge für Abnehmwillige: regelmäßig und nicht zu verbissen bewegen, lange dranbleiben und nicht nur den Verlust von Körpergewicht als Erfolgsgröße gelten lassen, weil man anfangs womöglich mehr Muskelmasse gewinnt, als man an Fettgewebe abschmilzt.

01/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01/2019

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