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Ebola: Wie lange lauert Ebola in Überlebenden?

Ernste Spätfolgen bei Überlebenden der Seuche zeigen: Ebola ist hartnäckiger als gedacht. Nun gibt es drei neue Fälle in Liberia, das als frei von der Krankheit galt. Können Expatienten neue Ausbrüche verursachen?
Auge mit brauner Iris

Pauline Cafferkey hat Ebola überlebt. Zum zweiten Mal. In Sierra Leone hatte die schottische Krankenschwester im vergangenen Jahr Ebolapatienten behandelt; kurz nach ihrer Rückkehr nach Glasgow im Dezember 2014 wurde sie selbst krank. Im Royal Free Hospital in London kämpfte ein Ärzteteam um ihr Leben – mit Erfolg. Ende Januar wurde Cafferkey als geheilt entlassen. Der Spuk schien vorüber.

Doch Anfang Oktober wurde Cafferkey erneut krank. Sie litt unter Kopfschmerzen und Fieber. Die Diagnose: Meningitis. "Ich habe gedacht: Was für ein Pech diese arme Frau hat. Erst hat sie Ebola und jetzt auch noch eine Meningitis", sagt Daniel Bausch, ein Infektionsmediziner, der mehrfach Ebolapatienten behandelt hat und heute für die Weltgesundheitsorganisation in Genf arbeitet. Dass das Ebolavirus neun Monate nach Cafferkeys Genesung die Meningitis verursacht haben könnte, schien unmöglich. Doch ein Test zeigte: Cafferkeys Hirnflüssigkeit war voll mit Ebolaviren. Offenbar hatte der tödliche Erreger sich im Gehirn versteckt und war nun zurückgekommen. "Das hat mich wirklich überrascht und schockiert", sagt Bausch.

Zu früh gefeiert?

Cafferkeys Geschichte ist nicht die einzige Überraschung, die die Ebolaepidemie in Westafrika mit sich gebracht hat. Kaum ein Forscher hatte es für möglich gehalten, dass das Virus überhaupt so einen großen Ausbruch verursachen könnte. Doch nun scheint der Schrecken fast vorüber. Liberia und Sierra Leone wurden bereits für ebolafrei erklärt. Guinea hat das erste Mal eine Woche ohne einen neuen Fall gemeldet. Damit gewinnen die Überlebenden immer mehr an Bedeutung und die offenen Fragen werden drängender: Was passiert mit dem Virus, wenn es aus dem Blut der Erkrankten verschwunden ist? Wie groß ist die Gefahr, dass ehemalige Patienten einen Rückfall erleiden?

Ebolabekämpfer | Das Engagement freiwilliger Helfer wie Lamin Koroma und Suley Kamara, die Personal und Geräte desinfizierten, trug dazu bei, dass 60 Prozent der registrierten Ebolapatienten überlebten.
Vor allem aber: Könnten sie andere Menschen anstecken und so den neuesten Ausbruch im eigentlich schon ebolafreien Liberia ausgelöst haben? Mindestens neun Monate überdauert der Erreger im Sperma, und Forscher vermuten, dass die drei rätselhaften neuen Ebolafälle auf diesen Übertragungsweg zurückgehen. Erst vor wenigen Tagen feierte Sierra Leone das Ende der Epidemie – möglicherweise ist der Jubel zu voreilig.

Dass das Ebolavirus bei manchen Überlebenden nicht gleich ganz verschwindet, wissen Forscher schon lange. In einem der ersten bekannten Fälle hatte sich ein Forscher 1976 bei einem Laborunfall in Großbritannien mit dem gerade entdeckten Virus angesteckt. Er überlebte, aber in seiner Samenflüssigkeit war das Virus noch Monate später nachweisbar.

Den jüngsten Ausbruch in Westafrika haben mehr als 15 000 Menschen überlebt – immer mehr Daten zeigen, dass auch viele von ihnen das Virus noch in sich tragen. Pauline Cafferkeys Fall ist besonders dramatisch. Aber es gibt andere. Beim US-amerikanischen Arzt und Ebola-Überlebenden Ian Crozier das Virus im Auge gefunden, als es schon seit mehr als zwei Monaten aus dem Blut verschwunden und er als geheilt entlassen worden war. Und in einer Studie, die im Oktober im "New England Journal of Medicine" erschien, untersuchten Forscher das Sperma von 93 Ebola-Überlebenden in Sierra Leone. Bei 46 von ihnen wiesen sie das Erbgut des Erregers nach.

Offenbar kann das Ebolavirus sich in manchen Geweben halten, lange nachdem es aus dem Blut verschwunden ist. Dass es ausgerechnet um Auge, Hirn und Hoden geht, ist kein Zufall. Das menschliche Immunsystem ist zwar ständig auf der Suche nach Eindringlingen, die es bekämpfen kann. Aber in diesen Geweben patroullieren die Immunzellen kaum oder gar nicht. Dort ein Virus anzugreifen ist, als würden Polizisten im Louvre eine Schießerei anfangen. Am Ende geht womöglich mehr Wertvolles kaputt, als wenn man die Eindringlinge gewähren lässt.

Gut versteckt in Hirn und Hoden

Bausch glaubt, dass der Erreger zufällig in diese Gewebe gelangt, wenn das Blut der Patienten mit dem Ebolavirus regelrecht überschwemmt ist. Je kränker ein Patient, desto mehr Viren habe er in der Regel im Blut und desto wahrscheinlicher sei es, dass sich einige der Pathogene in diese Gewebe verirren. Dort können sie dann ausharren, während das Virus im Rest des Körpers langsam zurückgedrängt und schließlich vernichtet wird. "Das ist zwar Spekulation, aber es ist biologisch absolut plausibel", sagt Bausch. Zumindest in einigen Fällen verhalten sich andere Viren ähnlich, sagt Jonathan Ball, Virologe an der University of Nottingham. "Wir wissen, dass zum Beispiel Masernviren ebenfalls nach einer Infektion im Gehirn bleiben und dort viele Monate später schlimme Komplikationen verursachen können."

Möglicherweise erklärt das Überdauern des Virus auch, warum so viele Überlebende noch immer krank sind. Sie leiden unter Kopf- und Gelenkschmerzen, Sehproblemen, Schlafstörungen. Etwa jeder Dritte von ihnen klagt über Müdigkeit, jeder Fünfte über Hörprobleme, sagt Mosoka Fallah. Der Forscher leitet in Liberia PREVAIL, eine große Studie, in der 1500 Überlebende jedes halbe Jahr untersucht werden sollen, fünf Jahre lang. Verursacht das Virus die Probleme? Oder sind es Folgen des Kampfes des Immunsystems gegen das Virus, Kollateralschäden also? "Beides sind mögliche Erklärungen", sagt Ball. "Wir wissen es einfach nicht."

Auge | In Augen, Gehirn, Hoden und anderen vom Immunsystem isolierten Geweben kann Ebola mehrere Monate überleben und schwere Komplikationen auslösen.

Noch dringender ist die Frage, ob Überlebende ein Ansteckungsrisiko für andere Menschen darstellen. "Alle Daten, die wir haben, zeigen, dass das Ebolavirus, wenn es im Auge ist, auch dort bleibt, und nicht zum Beispiel in die Tränen gelangt", sagt Bausch. Mehr Sorge bereiten ihm und den anderen Forschern die Viren im Sperma. Bei den 46 Expatienten aus Sierra Leone suchten die Wissenschaftler nur nach dem Erbgut des Erregers, wie viele der Studienteilnehmer infektiöse Viruspartikel im Sperma tragen, ist unklar. Das wird zurzeit von Forschern der US-Seuchenschutzbehörde CDC untersucht.

Klar ist, dass es in einigen Fällen, zur sexuellen Übertragung des Virus kommen kann. Eine Studie, die ebenfalls im Oktober im "New England Journal of Medicine" erschienen ist, beschreibt einen solchen Fall: Eine 44 Jahre alte Frau war im März in Liberia an Ebola erkrankt und wenig später gestorben. Das Land hatte in den 30 Tagen zuvor keinen Ebolafall gemeldet und es gab keine offensichtliche Infektionsquelle. Die Patientin hatte aber angegeben, am 7. März mit einem Überlebenden Sex gehabt zu haben. Tatsächlich fanden Forscher in seinem Sperma das Ebolavirus. Das Erbgut war nahezu identisch zu dem in einer Probe der Patientin, nur ein einziges Basenpaar Unterschied fanden die Forscher. "Ich denke das ist wirklich ein Beweis", sagt Vincent Munster, Virologe an den National Institutes of Allergy and Infectious Diseases und einer der Autoren der Studie.

Blut, Schweiß und Tränen

Die WHO empfiehlt Überlebenden seit Mai, mindestens sechs Monate lang Kondome beim Sex zu benutzen. Dennoch sei es gut möglich, dass es durch Fälle von sexueller Übertragung noch einmal zu kleineren Ebolaausbrüchen komme, sagt Ball. Das Risiko sollte aber auch nicht überschätzt werden, warnt Armand Sprecher von Ärzte ohne Grenzen. "Es gibt tausende Überlebende und trotzdem gibt es nur etwa 20 Fälle, in denen sexuelle Übertragung wahrscheinlich ist." Offensichtlich sorgten andere Faktoren dafür, dass es nur selten dazu kommt, möglicherweise sei zum Beispiel die Vaginalschleimhaut für Ebolaviren eine größere Barriere. "Wir sollten auch nicht vergessen, dass diese Menschen Furchtbares durchgemacht haben", sagt Sprecher. "Das Letzte, was wir tun sollten, ist, ihr Leben durch Stigmatisierung noch weiter zu erschweren."

In der PREVAIL-Studie werden Blut, Schweiß, Tränen sowie Samen- und Vaginalflüssigkeit der Überlebenden untersucht. Außerdem sollen für jeden Überlebenden bis zu vier enge Kontakte getestet werden. So würden Übertragungen auch dann erkannt, wenn sie unauffällig verlaufen. Das französische Nationale Institut für Gesundheit und medizinische Forschung hat in Guinea mit einer ähnlichen Studie begonnen. Dort sollen 450 Überlebende und ihre sexuellen Kontakte alle drei Monate untersucht werden.

Die französische Studie soll auch auf mögliche psychische Krankheiten achten: Posttraumatische Belastungsstörung, Ängste, Depressionen. Schließlich haben die Überlebenden Schreckliches durchgemacht. Sie sind dem Tod entronnen und nun kämpfen sie mit den Spätfolgen der Krankheit, gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung. "Einige haben ihren Job verloren, sie sind aus ihrem Zuhause vertrieben worden, ihre Verwandten haben sie verlassen", sagt Fallah.

Das Virus zumindest werden Überlebende mit der Zeit offenbar los. So war in der Studie aus Sierra Leone eine klare Staffelung erkennbar. Forscher fanden das Ebolavirus im Sperma aller neun Männer, deren Infektion weniger als drei Monate zurücklag. Nach drei bis sechs Monate fanden sie das Virus bei 26 von 40 Männern und nach sieben bis neun Monaten bei 11 von 43. "Die Daten deuten daraufhin, dass es hier wirklich nur um eine Verzögerung beim Auslöschen des Virus geht, nicht um eine chronische Infektion wie bei Hepatitis C, die Jahre andauert", sagt Bausch.

"Eine der spannendsten Fragen ist, warum das Virus sich bei jemandem wie Pauline entscheidet, nach neun Monaten plötzlich aufzuwachen und sich wieder zu vermehren", sagt Bausch über Cafferkey. Denkbar wäre zum Beispiel, dass ein Mensch Kortison gegen Asthma nimmt und dadurch das Immunsystem unterdrückt. "Aber wir haben bei Pauline keinen derartigen Grund finden können." Und was ist mit den tausenden Überlebenden in Westafrika? Haben einige von ihnen ähnliche Spätfolgen erlitten, und es wurde lediglich nicht entdeckt? Oder ist Pauline Cafferkey ein besonderer Fall? Weil sie einen experimentellen Antikörper-Cocktail erhalten hat zum Beispiel? "In Westafrika hätten Patienten, die so krank waren wie Pauline Cafferkey, jedenfalls nie überlebt. Das könnte auch ein Grund sein, warum wir solche Spätfolgen dort nicht sehen", sagt Bausch.

Am Ende hat Cafferkey überlebt. Und auch Sierre Leone hat Ebola überstanden. Die Hoffnung ist, dass es das nicht ein zweites Mal muss.

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