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Sars-CoV-2: Wie lange bin ich ansteckend, wenn ich Covid-19 habe?

Wer an Covid-19 erkrankt ist, muss sich nur noch wenige Tage isolieren. Dabei hat sich die wissenschaftliche Basis kaum geändert: Die meisten Menschen dürften deutlich länger andere infizieren können.
Einkaufstasche an der Tür
Wer einen positiven Coronatest hat, muss sich zu Hause von anderen Menschen isolieren. Einkäufe bekommen in dieser Zeit viele von Freunden oder Nachbarn vor die Tür gestellt.

Die Zeit, die man nach einer Covid-19-Infektion in Quarantäne verbringen muss, hat sich in Deutschland immer weiter verkürzt. Wer 48 Stunden lang keine Symptome hatte, kann inzwischen bereits nach fünf Tagen die Isolation verlassen. Im internationalen Vergleich sieht es ähnlich aus: Die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) verringerten bereits im Dezember 2021 die empfohlene Isolationszeit für Menschen mit Covid-19 von zehn auf fünf Tage. Begründet wurde diese Änderung damals mit wissenschaftlichen Erkenntnissen: Die meisten Übertragungen von Sars-CoV-2 würden früh im Krankheitsverlauf stattfinden, nämlich in den ein bis zwei Tagen vor dem Auftreten der Symptome und zwei bis drei Tage danach, erklärten die CDC.

Unter Forscherinnen und Forschern war diese Entscheidung schon damals umstritten – und sie ist es noch heute. Untermauert wird ihre Skepsis von einer Reihe von Studien, die zeigen, dass viele Patienten mit Covid-19 bis weit in die zweite Woche nach Auftreten der ersten Symptome infektiös bleiben. Die Verkürzung der empfohlenen Isolationszeit – die inzwischen weltweit üblich ist – sei eher politisch motiviert als durch neue, beruhigende Daten.

»Die Fakten dazu, wie lange Menschen infektiös sind, haben sich nicht wirklich geändert«, sagt etwa Amy Barczak, Spezialistin für Infektionskrankheiten am Massachusetts General Hospital in Boston. »Es gibt keine Daten, die eine Isolation von weniger als zehn Tagen stützen.« Barczaks eigenen Forschungsergebnissen zufolge, die auf dem Preprint-Server medRxiv veröffentlicht wurden, könnte ein Viertel der Menschen, die sich mit der Omikron-Variante von Sars-CoV-2 angesteckt haben, auch nach acht Tagen noch infektiös sein.

Wovon die Infektiosität abhängt

Obwohl die Frage »Wie lange ist jemand mit Covid-19 ansteckend?« einfach ist, ist die Antwort kompliziert. »Wir betrachten es gerne in Schwarz-Weiß: Entweder ist jemand ansteckend oder nicht. In Wirklichkeit geht es aber um Wahrscheinlichkeiten. Es ist ein Zahlenspiel«, sagt Benjamin Meyer, Virologe an der Universität Genf in der Schweiz.

Die Regeln und Ausgangswerte verändern sich dabei immer wieder. Neue Varianten, Impfungen und eine unterschiedlich gute natürlichen Immunität, die durch frühere Infektionen hervorgerufen wird – all diese Dinge beeinflussen, wie schnell jemand das Virus aus seinem System entfernen kann, sagt Meyer. Und das bestimmt letztlich, wann diese Person aufhört, infektiös zu sein. Auch das Verhalten spielt dabei eine Rolle. Menschen, die sich unwohl fühlen, neigen dazu, andere zu meiden. Auf diese Weise kann der Schweregrad der Symptome Einfluss darauf haben, wie wahrscheinlich es ist, andere anzustecken.

Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich sicher, dass PCR-Tests selbst dann noch ein positives Ergebnis liefern können, wenn eine Person nicht mehr infektiös ist. Dies liegt vermutlich daran, dass die Tests, die virale RNA nachweisen, auch nicht infektiöse Überreste aufgreifen, die zurückbleiben, nachdem der größte Teil des lebenden Virus bereits eliminiert wurde. Im Gegensatz dazu liefern Antigen-Schnelltests bessere Anhaltspunkte für die Infektiosität, da sie Proteine nachweisen, die von sich aktiv vermehrenden Viren produziert werden. Ist der Antigen-Schnelltest positiv, sollte man sich deshalb von Menschen fernhalten, die man nicht anstecken möchte, fasst die Mikrobiologin und Molekulargenetikerin Emily Bruce von der University of Vermont in Burlington zusammen.

Doch was ist mit jemandem, dessen Antigentest seit einigen Tagen negativ ist, der jedoch weiterhin Husten und Fieber hat? Bruce zufolge deuten anhaltende Symptome nicht zwangsläufig auf eine weiter bestehende Ansteckungsfähigkeit hin. Das könne damit zusammenhängen, dass viele Symptome durch die Immunreaktion und nicht durch das Virus selbst entstehen.

Erst nach zehn Tagen sind die meisten vermutlich nicht mehr ansteckend

Nun ist in vielen Ländern nicht nur die Quarantänedauer verkürzt worden – gleichzeitig wurde auch das Angebot an kostenlosen Antigen-Schnelltests zurückgefahren. In der Annahme, dass viele der Personen, die sich an die neuen Empfehlungen halten, ihre Isolation nach fünf Tagen ohne Test beenden, interessieren sich Forscherinnen und Forscher deshalb inzwischen vor allem dafür, wie viele Patienten zu diesem Zeitpunkt noch ansteckend sind. Da sich die Weiterverbreitung des Virus nur schlecht über viele Menschen hinweg nachverfolgen lässt, sind Wissenschaftler bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage auf Hilfsgrößen angewiesen.

Forscher, die Zugang zu einem Hochsicherheitslabor der Stufe 3 haben – wie Barczak – untersuchen dafür etwa, ob sich aus Proben, die Patienten an mehreren aufeinander folgenden Tagen entnommen wurden, noch lebende Sars-CoV-2-Viren züchten lassen. »Wenn Sie immer noch Viren ausscheiden, die wir aus Ihrer Nase kultivieren können, besteht zumindest eine reelle Chance, dass Sie noch für andere Menschen ansteckend sind«, sagt Barczak. Inzwischen besteht unter Expertinnen und Experten ein gewisser Konsens darüber, dass Menschen nur in seltenen Fällen nach zehn Tagen noch vermehrungsfähige Viren abgeben. Dass jemand zehn Tage nach der Infektion noch ansteckend ist, sei also eher ungewöhnlich, schlussfolgert die Spezialistin für Infektionskrankheiten.

Wie entwickelt sich die Pandemie? Welche Varianten sind warum besorgniserregend? Und wie wirksam sind die verfügbaren Impfstoffe? Mehr zum Thema »Wie das Coronavirus die Welt verändert« finden Sie auf unserer Schwerpunktseite. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Andere Studien versuchen aus der Menge an viraler RNA, die sich mit PCR-Tests messen lässt, auf die Ansteckungsfähigkeit zu schließen. Bei diesem Ansatz lässt sich leichter mit großen Stichproben arbeiten: Ein Projekt des Crick Institute und des University College Hospital, beide in London, kann beispielsweise auf PCR-Tests zurückgreifen, die bei mehr als 700 Teilnehmern durchgeführt wurden, als die Symptome auftraten. Dabei zeigte sich, dass viele Menschen auch nach sieben bis zehn Tagen noch eine Viruslast besitzen, die hoch genug ist, um weitere Infektionen auszulösen – und zwar unabhängig von der Virusvariante und dem Impfstatus einer Person.

»Wir messen keine lebenden Viren, aber es gibt inzwischen eine Vielzahl von Arbeiten in der Literatur, die eine ziemlich gute Vorstellung davon vermitteln, was eine Viruslast ausmacht, die wahrscheinlich infektiöse Viren hervorbringt«, sagt David Bauer, ein Virologe am Crick Institute, der an dieser Studie mitgewirkt hat. »Es ist zwar kein perfektes Bild, aber doch ein einleuchtendes.«

Antivirale Therapien können das Bild verzerren

Yonatan Grad von der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston, Massachusetts, der an ähnlichen PCR-basierten Studien zur Ansteckungsfähigkeit gearbeitet hat, stimmt zu, dass zehn Tage eine nützliche Faustregel dafür sind, wann Menschen nicht mehr ansteckend sein sollten. Eine kleine Anzahl von Menschen, so gibt er zu bedenken, könnte jedoch auch danach noch andere infizieren.

Einige solcher Fälle in den Vereinigten Staaten wurden mit dem gängigen antiviralen Medikament Paxlovid in Verbindung gebracht, sagt er. »Es gibt ein Reboundphänomen, bei dem die Symptome scheinbar abklingen und ein Schnelltest vielleicht sogar negativ ausfällt, aber ein paar Tage später kehren die Beschwerden zurück und das Virus ist wieder da.«

Wie sich solche Mittel auf die Ansteckungsfähigkeit auswirken, ist eine der Schlüsselfragen, die Forscherinnen und Forscher derzeit untersuchen, erklärt Barczak. »Antivirale Mittel verändern die Dynamik der Symptome, der Immunantwort und der Virusausscheidung. Die Menschen gehen in die Welt hinaus und denken, dass sie nach zehn Tagen nicht mehr infektiös sind. Aber wenn sie einen Paxlovid-Rebound haben, sind sie es vielleicht doch.«

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