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News: Wie lange sind Horoskope haltbar?

Wenn Sie einen Astronomen auf die Palme bringen wollen, dann bitten Sie ihn einfach, mal ein Horoskop für Sie zu erstellen. Doch so ärgerlich die Verwechslung der Begriffe Astronomie und Astrologie für ernsthafte Wissenschaftler auch sein mag, sie ist dennoch historisch gut zu begründen. Das wird am Beispiel eines wiederentdeckten Manuskripts des berühmten Astronomen Johannes Kepler deutlich. Der überaus interessante Inhalt dieser Aufzeichnung ist nämlich - ein Horoskop.
Anthony Misch vom Lick Observatory war eigentlich damit beschäftigt, Berichte über frühere Expeditionen zu Sonnenfinsternissen aufzustöbern, als er im Archiv der University of California in Santa Cruz auf eine alte Handschrift stieß. Etwa so groß wie ein DIN A5-Bogen, befand sie sich in einem Ordner mit den verschiedensten Unterlagen. Drei Handschriften waren darauf zu erkennen, von denen die jüngste mit "W. Struve" unterzeichnet war.

Die meisten Menschen hätten das Blatt wohl wieder zur Seite gelegt. Misch wurde dagegen immer neugieriger. Als Sammler alter Bücher untersuchte er seinen Fund genauer und stellte fest, daß der Text in deutscher Sprache verfaßt war. Wie das Geschick es nun manchmal will, versteht Misch glücklicherweise Deutsch, und erschloß so bald den Inhalt des Textes. "Es war ein unheimlich packender Moment", erinnert er sich. "Mir war gleich klar, daß dies möglicherweise ein sensationeller Fund war. Meine Hände zitterten, während ich das Dokument betrachtete."

Im oberen Teil der Vorderseite wird in geschwungener Handschrift die Geburt des Adligen Hans Hannibal Hütter von Hütterhofen aus Österreich im Jahre 1586 dokumentiert. Darunter folgt ein komplexes Netz von Zeichen und Tierkreissymbolen, das von dem berühmten Astronomen Johannes Kepler stammt. Am Fuß der Seite wird auf die Autorenschaft Keplers verwiesen und das Manuskript der Pulkova-Sammlung zugeordnet. Pulkova ist der Name eines Observatoriums in der Nähe von St. Petersburg, an dem der deutsche Astronom Wilhelm Struve und sein Sohn beschäftigt waren. Ihr Eintrag ist auf den 13. Mai 1864 datiert.

Keplers Berühmtheit geht vor allem auf seine Entdeckung der Bewegungsgleichungen zurück. Der zwischen 1571 und 1630 lebende Wissenschaftler war aber außerdem ein hervorragender Mathematiker und verbesserte wesentlich die Optik der damaligen Teleskope. Seine Tätigkeit als Hofmathematiker brachte es mit sich, daß er gelegentlich auch Horoskope erstellen mußte. Vielleicht erwirtschaftete er sich auf diese Weise auch ein willkommenes Extraeinkommen. Zwar wies er die in jener Zeit weit verbreitete konventionelle Astrologie zurück, doch glaubte Kepler ernsthaft an den Einfluß der Planeten auf das Leben der Menschen.

Die Echtheit des Manuskripts wurde von dem Berliner Spezialisten J. A. Stargardt bestätigt. Auf welchen Wegen es nach Kalifornien kam, glaubt der Bibliothekar Alan Ritch beantworten zu können. In den Veröffentlichungen der Astronomical Society of the Pacific vom 1. Dezember 1896 fand er einen Bericht des ersten Direktors des Lick Observatories, Edward S. Holden, in dem die Rede vom Kauf eines Manuskripts ist. Holden ist der Ansicht, dieser Text zeige mehr von der Persönlichkeit Keplers, als ein Blatt Papier, auf dem sein drittes Bewegungsgesetz steht.

Von nun an hat das Manuskript seinen gebührenden Ehrenplatz in der Sammlung der Universitätsbibliothek.

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