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Familienalltag: Wie Perfektionismus Eltern und ihren Kindern schadet

Viele Eltern setzen sich unter Druck, immer alles richtig machen zu müssen. Dabei macht Perfektionismus das Familienleben nicht besser – sondern belasteter. Wann hohe Ansprüche hilfreich sind und wann nicht.
Eine Anordnung von Holzklötzen, die ein Balkendiagramm darstellen. Die Bausteine sind in aufsteigender Reihenfolge von links nach rechts gestapelt, was einen Anstieg oder Wachstum symbolisiert. Der Hintergrund ist dunkelgrau.
Im Alltag mit Kindern ist es selten perfekt – muss es aber auch nicht.

Sie möchten, dass sich Ihre Kinder geliebt fühlen – und dass sie glücklich, gesund und hoffentlich halbwegs gut erzogen sind. Ratschläge dazu, wie das gelingen kann, kommen aus allen Ecken: von anderen Müttern auf dem Spielplatz, den Medien, den Schwiegereltern.

Gehören Sie auch zu den Menschen, die in allem, was sie tun, perfekt sein wollen? Oder es fällt Ihnen schwer, die Kluft zwischen Ihrem Idealbild von Elternschaft und der Realität zu akzeptieren?

Die traurige Ironie ist: Je mehr wir uns bemühen, perfekt zu sein, desto unglücklicher werden wir. Und desto wahrscheinlicher ist es, dass wir Kinder großziehen, die ängstlich sind oder ein niedriges Selbstwertgefühl haben.

Wie die Eltern, so die Kinder

»Wenn Sie ein perfektionistischer Elternteil sind, sollten Sie wissen, dass Sie nicht allein sind«, sagt die klinische Psychologin Erica Lee vom Boston Children’s Hospital und der Harvard Medical School. Junge Männer und Frauen haben zunehmend das Gefühl, dass andere von ihnen Perfektion verlangen. Und sie verinnerlichen diese hohen Ansprüche an sich selbst – auch wenn sie Eltern werden. Studien zeigen, dass Perfektionismus mit Angstzuständen, Depressionen und anderen Erkrankungen verbunden ist. »Wenn man sich an unrealistischen Standards misst, kann das Angst, Überforderung und Scham hervorrufen, einen kritischer und unflexibler machen und einem die Freude am Elternsein nehmen«, erklärt Lee.

Je mehr wir uns bemühen, perfekt zu sein, desto unglücklicher werden wir

Mehr noch: Das wirkt sich auch auf die Kinder aus. »Perfektionistische Eltern neigen dazu, Kinder zu Perfektionisten zu erziehen«, sagt Lee. »Das kann das Risiko der Kinder für Depressionen, Ängste, Selbstkritik und Selbstverletzung erhöhen.«

Die beiden Facetten des Perfektionismus

Psychologen definieren Perfektionismus als eine Persönlichkeitseigenschaft, die über die Jahre meist stabil ist. Sie haben festgestellt, dass Perfektionismus in zwei zentrale Persönlichkeitsmerkmale eingebettet ist: hohe Gewissenhaftigkeit und hoher Neurotizismus. Diese Eigenschaften sind ihrerseits wiederum mit den beiden Facetten des Perfektionismus verknüpft: dem Streben nach hohen Standards und der Sorge vor wahrgenommenen Misserfolgen.

Wer gewissenhaft nach Perfektion strebt, will in allem exzellent sein. Er setzt sich unerreichbare Ziele und versucht, diese dennoch zu erreichen. Menschen mit hohen Werten in Neurotizismus hingegen machen sich viele Sorgen. Sie haben eher mit Ängsten oder einem geringen Selbstwertgefühl zu kämpfen. Sie grübeln mehr über die Diskrepanz zwischen ihren Idealen und der Realität – etwa des Familienalltags – und machen sich Vorwürfe, wenn sie Fehler machen.

»Wenn man sich an unrealistischen Standards misst, kann das Angst, Überforderung und Scham hervorrufen – und einem die Freude am Elternsein nehmen«Erica Lee, Psychologin

Eine 2025 veröffentlichte Studie mit mehr als 1200 polnischen Eltern hat untersucht, wie die beiden Seiten des Perfektionismus die Identität von Eltern beeinflussen. Mütter und Väter beantworteten dreimal innerhalb eines Jahres Fragen dazu, wie sie sich als Elternteil fühlen. Sie gaben etwa an, inwieweit sie Aussagen zustimmten wie »Es ist mir wichtig, dass ich in allem, was ich tue, absolut kompetent bin« oder »Wenn ich bei der Arbeit / in der Schule versage, bin ich ein Versager«.

Zwei Seiten einer Medaille

Diejenigen, die sich am meisten Sorgen um ihre Leistung machten, fühlten sich in ihrer Rolle als Eltern am schlechtesten. »Solche Eltern empfinden größere Unsicherheit, Unzufriedenheit und sogar Bedauern über ihre Entscheidung, Eltern zu werden«, sagt der Psychologe und Autor der Studie Konrad Piotrowski von der SWPS-Universität in Warschau.

»Perfektionistische Eltern neigen dazu, Kinder zu Perfektionisten zu erziehen«Erica Lee, Psychologin

Eltern, die in erster Linie hohe Anforderungen an sich stellten und weniger Angst vor dem Scheitern hatten, fühlten sich besser als diejenigen, die sich vor allem vor Fehlern sorgten. Aber perfektionistisches Streben und perfektionistische Sorgen sind zwei Seiten derselben Medaille; sie treten bei den meisten Menschen gemeinsam auf. »Nur einige wenige Eltern – diejenigen, die hohe persönliche Standards haben und gleichzeitig nur minimale Sorgen oder Selbstzweifel – profitieren von ihrem Versuch, die Besten zu sein«, sagt Piotrowski. Bei den meisten führe Perfektionismus dagegen eher zu mehr Problemen und Stress und zu weniger Zufriedenheit mit der Elternschaft.

Schlecht für die Eltern, schlecht für die Kinder

Das geht bis zu den Symptomen eines Burn-outs. Psychologen um Mirjam Raudasoja von der Universität Jyväskylä in Finnland befragten mehr als 470 Mütter von Babys. Die Befunde machen deutlich, dass vor allem zwei Faktoren zu einem Burn-out bei Eltern beitragen: der soziale Druck, eine perfekte Mutter oder ein perfekter Vater zu sein, und ein niedriges Selbstwertgefühl. Frauen, die bereits unter geringem Selbstvertrauen litten, waren am stärksten von einem mütterlichen Burn-out betroffen, während selbstbewusstere Mütter weniger gefährdet waren.

Generell zeigt die Forschung: Perfektionistische Väter können zwar ebenfalls von sich als Elternteil enttäuscht sein. Die kulturellen Erwartungen an Mütter führen allerdings dazu, dass diese an sich selbst viel höhere Anforderungen stellen, als Väter dies tun.

Fehler als Zeichen dafür, schlecht zu sein

Zahlreiche Untersuchungen sprechen dafür, dass der elterliche Wunsch nach Perfektion der psychischen Gesundheit der Kinder schaden kann. Psychologinnen um Fuschia Sirois von der Durham University in England haben in einer 2020 veröffentlichten Übersichtsarbeit die zahlreichen negativen Auswirkungen des Perfektionismus von Eltern auf die Kinder analysiert. Wer Angst davor hat, unvollkommen zu sein, bringt seinen Kindern womöglich ungewollt bei, Fehler als Zeichen dafür zu sehen, dass man als Mensch schlecht sei. Leben Eltern unrealistisch hohe Erwartungen vor, kann das dazu führen, dass Kinder ein geringes Selbstwertgefühl oder ein tief sitzendes Gefühl des Versagens entwickeln.

»Eltern können sich aus dem starren Rahmen perfektionistischer Erwartungen befreien«Konrad Piotrowski, Psychologe

Stellen Sie sich einmal eine Mutter vor, die damit konfrontiert wurde, dass ihre fünfjährige Tochter ein anderes Kind geschlagen hat. Die Mutter schämt sich und hat das Gefühl, sie sei als schlechte Mutter bloßgestellt worden. Neigt sie zum Perfektionismus, fühlt sie sich schuldig und wie eine Versagerin. Anstatt ihre Tochter zu fragen, was passiert ist, schreit sie, dass Schlagen schlecht sei, und droht mit Strafe. »Das Kind wird sich das zu Herzen nehmen«, sagt Sirois. Es wird das Gefühl haben, dass etwas grundlegend nicht mit ihm stimmt – und nicht, dass es sich schlecht verhalten hat.

Mitunter können hohe – selbst unrealistische – Maßstäbe, die man an die Erziehung seiner Kinder anlegt, aber auch von Vorteil sein, urteilt das Team um Fuschia Sirois. Die Psychologinnen stellten fest, dass Eltern mit einem großen perfektionistischen Streben ihren Kindern seltener emotionales Leid zufügen. Entscheidend sei, dass Eltern nicht von Zweifeln und Selbstkritik geplagt werden. Die perfektionistische Mutter im vorherigen Beispiel fühlt sich schlecht, wenn ihr Kind sich danebenbenimmt. Denn dann wird sie den eigenen hohen Erziehungsstandards nicht gerecht. Um es künftig besser zu machen, kann sie ihre Tochter fragen, warum diese das andere Kind geschlagen hat. Sie könnte erklären, dass man seine Wut mit Worten und nicht mit Fäusten ausdrücken soll.

»Leben Sie Ihrem Kind Selbstakzeptanz vor«Erica Lee, Psychologin

Die polnische Studie weist auf einen weiteren Vorteil hin: Wer zu einem ausgeprägten perfektionistischen Streben neigte, suchte eher als jemand mit perfektionistischen Sorgen nach Hilfe bei der Erziehung. Und zumindest ein Teil passte die eigenen Ansprüche mit der Zeit an ein realistischeres Niveau an. Konrad Piotrowski betont, wie wichtig die Erkenntnis ist: »Eltern können sich aus dem starren Rahmen perfektionistischer Erwartungen befreien. Etwa durch Workshops oder Therapien, die ihnen einen bewussteren Umgang mit ihrer Elternschaft ermöglichen.«

Problematische Erwartungen erkennen und verändern

Der Trick besteht Experten zufolge darin, zu erkennen, wann die eigenen Erwartungen für einen selbst und für die Kinder problematisch sind. Warnzeichen sind:

  • Sie beurteilen sich selbst nach einem Alles-oder-nichts-Prinzip. Wenn Sie einen Fehler machen, fühlen Sie sich wie ein Versager.
  • Sie spielen Erfolge herunter. Wenn andere Eltern Ihnen erzählen, wie toll sich Ihr Kind benommen hat, können Sie das nicht glauben.
  • Sie bemerken, dass Ihr Kind mit seinen Leistungen unzufrieden ist und befürchtet, nicht gut genug zu sein.

Erkennen Sie sich hier wieder? Falls ja, empfehlen Experten, dass Sie zunächst bei sich selbst ansetzen:

  • Reden Sie offen mit anderen Eltern über Ihre Schwierigkeiten. Sie werden überrascht sein, wie viele ebenfalls zu kämpfen haben.
  • Wenn Sie bemerken, wie Sie sich selbst dafür kritisieren, nicht genug zu tun: Erinnern Sie sich an die guten Dinge, die Sie tun.
  • Sprechen Sie mit sich selbst wie mit einem mitfühlenden Freund.
  • Suchen Sie sich (professionelle) Hilfe, wenn Sie in einem Gefühl des Versagens versinken.

Freundlich sein zu sich selbst

Vor allem aber sollten Sie darüber nachdenken, was gut für Ihre Kinder ist, statt sich zu sehr auf Ihre eigene Leistung zu fokussieren. »Leben Sie Ihrem Kind Selbstakzeptanz vor«, sagt Lee.

Wem es schwerfalle, freundlich zu sich selbst zu sein, dem rät die Psychologin, sich klarzumachen: »Wenn ich mir selbst gegenüber nachsichtig bin, wenn ich meinen Kindern Liebe und Akzeptanz entgegenbringe, damit sie lernen, sich ebenfalls so zu behandeln und selbstbewusst Schwierigkeiten und Unsicherheiten zu meistern – dann bin ich der großartige Elternteil, der ich sein möchte.«

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  • Quellen

Ishizuka, P., Social Science Research 10.1016/j.ssresearch.2025.103156, 2025

Lilley, C. et al., Personality and Individual Differences 10.1016/j.paid.2020.110015, 2020

Piotrowski, K. et al., Journal of Personality 10.1111/jopy.13010, 2025

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