30 Jahre Pokémon: So hat Pokémon die Wissenschaft geprägt

Am 27. Februar 1996 veröffentlichte der japanische Spieleentwickler Satoshi Tajiri die ersten Pokémon-Spiele für den Nintendo Game Boy. Was als kindliche Leidenschaft für das Sammeln von Monstern begann, entwickelte sich zu einem riesigen Franchise und globalen Phänomen, das auch die Wissenschaft nicht unberührt ließ. Tatsächlich hat die fiktive Spielewelt Eingang in verschiedene Forschungsbereiche gefunden, darunter Ökologie, Paläoanthropologie und Biodiversität.
»Pokémon hat meine Vorstellung davon beeinflusst, was Tiere und Naturgeschichte sind – fast bevor ich wusste, wie echte Tiere in der realen Welt aussehen«, sagt Arjan Mann, Kurator für fossile Fische und frühe Tetrapoden am Field Museum in Chicago, der mit dem Spiel groß wurde.
Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von Pokémon sprach »Nature« mit Fachleuten aus aller Welt darüber, wie ihre Arbeit durch das Spiel, die dazugehörigen Zeichentrickserien und die Sammelkarten geprägt wurde.
Komm’ und schnapp’ sie dir!
Für einige Forschende spiegeln sich die Pokémon-Themen in ihrer täglichen Arbeit wider. So sagt Spencer Monckton von der University of Guelph in Kanada, der mit den Spielen und der Fernsehserie aufgewachsen ist, das Sammeln von Pokémon sei »gewissermaßen das, was ein Entomologe tut: Man versucht, sie alle zu schnappen«.
Beim Spielen lernt man zudem, die verschiedenen fiktiven Kreaturen nach ihren Merkmalen und Fähigkeiten zu ordnen. »Genau das macht ein Taxonom«, erklärt Monckton. Im Jahr 2013 verbrachte er mehrere Monate seines Masterstudiums damit, durch Chile zu reisen und Bienen zu sammeln. Nachdem er die Form und die DNA der Untergattung Chilicola(Heteroediscelis) analysiert hatte, identifizierte er acht neue Arten. Eine davon hatte ein längliches Gesicht, das Monckton an die Schnauze eines Pferdes oder eines Drachen erinnerte. Er nannte sie deshalb Chilicola charizard, nach dem drachenähnlichen Pokémon Charizard (deutsch: Glurak).
Fossilien sind ein weiteres wichtiges Thema in Pokémon. Ab dem 22. Mai 2026 können Besucher des Field Museum in Chicago eine Ausstellung besuchen, in der Pokémon und die realen Fossilien, auf denen sie basieren, gezeigt werden. Derzeit gibt es ganze 1025 Pokémon: Ihre Anzahl hat im Vergleich zu den 151 ursprünglichen Exemplaren der ersten Spiele deutlich zugenommen. Dutzende davon sind nach Tieren benannt – und die Namen einiger Tierarten sind umgekehrt an Pokémon angelehnt.
Ein Beispiel dafür ist das Pokémon Aerodactyl, das an fliegende Reptilien namens Pterosaurier wie Pterodactylus angelehnt ist. Pterosaurier sind prähistorische Flugtiere, die entfernt mit Dinosauriern verwandt sind, aber keine Dinosaurier sind, erklärt Arjan Mann, der wissenschaftliche Leiter der Ausstellung. 2014 wurde die Pterosaurier-Gattung Aerodactylus wiederum nach dem Pokémon-Charakter benannt. Weitere Beispiele, die in der Ausstellung gezeigt werden, sind das Pokémon Aeropteryx, inspiriert von Archäopteryx, einem gefiederten Dinosaurier, der vor 150 Millionen Jahre lebte und lange Zeit als der früheste bekannte Vogel galt.
Pokémon hat Forschenden auch dabei geholfen, didaktische Lernmethoden zu entwickeln. Eine Umfrage aus dem Jahr 2002, bei der 109 Schulkinder im Alter von vier bis elf Jahren im Vereinigten Königreich befragt wurden, ergab, dass die Kinder deutlich mehr Pokémon-Charaktere benennen konnten als lokale Wildtierarten. Acht Jahre später entwickelten Fachleute, die von diesen Ergebnissen entsetzt waren, das von Pokémon inspirierte Kartenspiel Phylo. Dessen Ziel ist es, Nahrungsketten aufzubauen, stabile Ökosysteme zu schaffen und die Ökosysteme der Gegner zu sabotieren, um Punkte zu sammeln. Dabei wird vermittelt, wie Klimawandel und Ölkatastrophen die fragilen Systeme zerstören können, erklärt Meggie Callahan von der University of Washington in Seattle.
In einer 2019 erschienenen Studie berichteten Callahan und ihre Kollegen, dass Phylo Studierenden und Doktoranden dabei hilft, sich mehr Arten zu merken, als sie durch gewöhnliche Lehrmittel verinnerlichen. »Das war sehr spannend und hat gezeigt, dass ein Spiel wie Pokémon tatsächlich dazu führt, dass Menschen mehr mit den Arten verbinden, sich besser an sie erinnern und viel besser verstehen, wie sie in einem Ökosystem funktionieren«, sagt Callahan.
Pokémon in unseriösen Fachzeitschriften
Die Welt von Pokémon wurde auch genutzt, um unseriöse Praktiken im akademischen Verlagswesen aufzudecken. Der Entomologe Matan Shelomi von der National Taiwan University in Taipeh spielt nicht nur in seiner Freizeit Pokémon Go, sondern nutzt das Spiel auch, um das Bewusstsein für unseriöse Fachzeitschriften zu schärfen, die seiner Meinung nach »eine Plage für die Wissenschaft« sind.
Im Jahr 2019 begann er, Dutzende von gefälschten Artikeln mit erfundenen Referenzen und fiktiven Co-Autoren, darunter Charaktere aus Pokémon wie Professor Samuel Oak, zu verfassen und sie bei unseriösen Fachjournalen einzureichen. »Jeder solchen Zeitschrift, die mir Spam-E-Mails schickte, antwortete ich mit einer dieser gefälschten Einreichungen«, sagt er.
Mehrere von Shelomis Artikeln wurden tatsächlich veröffentlicht, weil diese Zeitschriften keinen Begutachtungsprozess haben. Shelomis Artikel umfassen Studien über die Luft- und Wasserqualität in der fiktiven Pokémon-Stadt Gringey, die Sedierung durch Pummeluff – ein Pokémon, das seine Gegner mit seinem Gesang einschläfert – und die Expression des Proteins »Pikachurin« im Pokémon Pikachu. »Ich kann diese Zeitschriften nicht stoppen. Aber mit solchen kleinen Sticheleien – insbesondere wenn sie etwas mit Pokémon zu tun haben, das den Menschen am Herzen liegt – kann ich das Bewusstsein dafür schärfen«, sagt Shelomi.
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