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News: Wie regenerationsfähig ist unser Gehirn wirklich?

Bei Ratten ist es schon länger bekannt: In ihrem Gehirn wachsen ständig neue Nerven. Bisher wurde aber angenommen, daß in den Hirnen von Primaten keine Neubildung von Neuronen mehr stattfindet. Jetzt fanden Wissenschaftler heraus, daß auch dort sehr wohl neue Nervenzellen entstehen.
In den 60er Jahren zeigten Forscher, daß erwachsene Ratten in einer bestimmten Region des Gehirns kontinuierlich neue Neuronen produzieren. Bei dieser Hirnregion handelt es sich um den Gyrus dentatus, ein Gebiet, das für den Erwerb neuer Erinnerungen zuständig und Teil des Hippocampus ist. In einer 1994 begonnenen Studienserie erweiterten die Neurowissenschaftler Elizabeth Gould von der Rockefeller University in New York City und ihre Mitarbeiter dieses Bild, indem sie demonstrierten, daß Ratten unter Streß Adrenalin abgeben, die die Produktion neuer Nervenzellen im Hirn unterdrücken. Diese Untersuchungen wurden jedoch nie bei Primaten durchgeführt. So wurde bisher angenommen, daß das zusätzliche Wachstum neuer Nervenzellen eine spezielle Eigenschaft der Hirne von Nagetieren sei.

Gould, die jetzt an der Princeton University arbeitet, und ihre Kollegen haben schließlich den Schritt zu Experimenten an Primaten unternommen (Proceedings of the National Academy of Sciences vom 17. März 1998). Die Forscher injizierten Tamarinaffen eine chemische Markersubstanz, BrdU genannt. BrdU wird in die DNA sich teilender Zellen integriert, wodurch neu entstandene Zellen leicht auszumachen sind. Drei Wochen nach der Injektion untersuchten die Wissenschaftler das Hirngewebe der Affen und fanden im Gyrus dentatus BrdU in großen Mengen. Um zu erfahren, ob die neuen Zellen auch wirklich Neuronen waren, nutzten Gould und seine Kollegen eine andere Markersubstanz: neuronenspezifische Enolase. Es erwies sich, daß 80% der mit BrdU gekennzeichneten Zellen auch das Enolase-"Etikett" zeigten. Dies war die Bestätigung, daß es sich bei den neuen Zellen in der Tat um Neuronen handelte. Auch bemerkte Goulds Team eine spezifische Auswirkung von Streß: Affen, die dicht mit anderen Affen zusammen hausten, besaßen ein Drittel weniger mit BrdU gekennzeichnete Zellen.

Die Erkenntnisse sind "ein großer Fortschritt", der dem "vorherrschenden Wissen widerspricht", sagt Gerd Kempermann, Neurowissenschaftler am Salk Institute in La Jolla, California. Er meint: "Alle anderen hoffen, daß man das [die Produktion von Nervenzellen] nutzen kann, um neurodegenerative Krankheiten zu behandeln" (wie bspw. die Parkinsonsche Krankheit) oder sogar das alternde Gehirn zur Regeneration veranlassen könnte, indem die Produktion neuer Nervenzellen stimuliert wird. Doch Fred Gage, gleichfalls vom Salk Institute, und andere warnen, daß es noch zu früh ist, von Tamarinaffen auf Menschen überzugehen. Frühere Studien haben gezeigt, daß die Fähigkeit erwachsener Mäuse, im Hippocampus neue Nervenzellen hervorzubringen, durch den genetischen Hintergrund beeinflußt werden kann, erklärt Gage. Er gibt zu bedenken, daß diese Fähigkeit von Spezies zu Spezies sehr unterschiedlich ausfallen kann.

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