Erotische Tagträumereien: Wie sexuelle Fantasien mit der Persönlichkeit zusammenhängen

Viele Menschen geben sich regelmäßig sexuellen Fantasien hin. In Fachkreisen gelten erotische Tagträume sogar als förderlich für das eigene Wohlbefinden und die Stabilität der Paarbeziehung. Doch bislang war unklar, welche Rolle die Persönlichkeit dabei spielt. Ein Forschungsteam um Emily Cannoot von der Michigan State University hat untersucht, wie sich der Charakter auf Häufigkeit und Art solcher Fantasien auswirkt. Das Ergebnis: Menschen mit einer eher neurotischen, das heißt emotional labilen Persönlichkeit haben offenbar häufiger Sexfantasien, während Menschen, die eher gewissenhaft oder verträglich sind, seltener von erotischen Szenarien träumen. Die Ergebnisse sind im Fachmagazin »PLOS ONE« erschienen.
Über Tagträume mit sexuellen Inhalten wird kaum offen gesprochen. Dabei sind sie extrem verbreitet: Umfragen zeigen, dass gut 90 Prozent der Erwachsenen irgendwann in ihrem Leben erotische Fantasien haben. Bisherige Forschung hat vor allem untersucht, wie häufig Menschen fantasieren und welche Themen dabei eine Rolle spielen. Typischerweise werden die Gedanken in vier Kategorien eingeteilt: explorativ (neue Erfahrungen, ungewöhnliche Orte), intim-romantisch (Liebe, Zärtlichkeit, emotionale Verbindungen), unpersönlich (andere beim Sex beobachten) oder sadomasochistisch (Machtspiele, Zwang). Weniger gut erforscht war bislang, inwieweit Persönlichkeitsmerkmale diese Muster beeinflussen. Die neue Studie liefert nun empirische Daten, die zeigen, dass bestimmte Charaktereigenschaften enger mit der Häufigkeit und Art sexueller Fantasien zusammenhängen als andere.
Cannoot und ihre Kollegen analysierten die Daten von 5225 Erwachsenen in den USA, die zwei standardisierte Fragebögen ausgefüllt hatten. Der erste Fragebogen erfasste die allgemeine Häufigkeit von Fantasien sowie die darin vorkommenden Themen. Der zweite Fragebogen enthielt Aussagen zu typischen Verhaltens- und Denkmustern, anhand derer die Teilnehmenden den weithin akzeptierten Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen – Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für Erfahrungen – zugeordnet wurden.
Sind Sexfantasien ein Mittel zur Emotionsregulation?
Es zeigte sich, dass Personen mit hohen Werten im Bereich von Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit seltener von sexuellen Fantasien berichteten. Bei genauerer Betrachtung wurden diese Ergebnisse vor allem durch ein hohes Maß an Respekt und Verantwortungsbewusstsein bestimmt. Menschen mit hoher Punktzahl im Neurotizismus, insbesondere solche mit starker depressiver Veranlagung, berichteten dagegen von häufigeren sexuellen Fantasien. Bei Menschen mit hohen Werten in den Dimensionen Extraversion oder Offenheit für Erfahrungen konnte kein signifikanter Zusammenhang bei der Häufigkeit sexueller Fantasien festgestellt werden. Diese Befunde galten für alle vier Kategorien von Fantasien.
Warum dies so ist, können die Forscherinnen und Forscher allerdings nach eigener Aussage nicht vollständig erklären. So schreiben sie: »Menschen mit hoher negativer Emotionalität neigen dazu, sich stärker auf negative Reize zu konzentrieren, sich in Gedankenspielen zu verlieren und generell negative Gedanken zu haben. Sie erleben auch eher verschiedene Formen von Ekel, einschließlich sexuellen Ekels. Zusammengenommen könnten diese Beobachtungen erklären, warum sie verstärkt bestimmte Arten sexueller Fantasien wie etwa sadomasochistische haben. Allerdings erklärt dies nicht, weshalb sie auch zu scheinbar positiven oder neutralen Fantasien tendieren.« Möglicherweise sei es ein Mittel zur Emotionsregulation, um negative Stimmung auszugleichen.
Dass verträgliche Menschen im Gegensatz dazu seltener Sexfantasien haben, könnte sich laut Aussage der Forschungsgruppe damit erklären lassen, dass sie gesellschaftliche Normen und Respekt gegenüber anderen Menschen sehr hoch bewerten. Ebenso neigen Menschen mit hohem Verantwortungsbewusstsein dazu, sich selbst und andere moralisch zu beurteilen und sexuelle Gedanken daher fast vollständig zu vermeiden.
Die Forschenden hoffen, dass ihre Erkenntnisse Fachkräften im klinischen, pädagogischen und psychischen Bereich helfen, das (sexuelle) Wohlbefinden ihrer Patienten zu verbessern. »Da sexuelle Fantasien zwar weitverbreitet, aber individuell stark unterschiedlich sind, kann die Identifizierung von Zusammenhängen zwischen Persönlichkeit und Häufigkeit der Fantasien Psychologen wie auch Pädagoginnen helfen, informierte und sexpositive Gespräche zu führen, die Unterschiede in sexuellen Gedanken und Ausdrucksformen berücksichtigen.«
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.