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Raumfahrt: Hahnenkampf um Ariane

Jahrelang hat die Bundesregierung dafür gekämpft, die europäische Trägerrakete Ariane 5 weiterzuentwickeln. Jetzt will sie plötzlich darauf verzichten – zugunsten des weiteren Betriebs der Internationalen Raumstation ISS. Die Deutschen sind trotz allem zufrieden.
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Wenn Europas Raumfahrtmanager in diesen Tagen unbedarfte Zuhörer verwirren wollen, dann sprechen sie über die Zukunft. Sie sprechen über A5, A5ME oder A6. Über PPH oder PHH. Über A62 oder A64.

Es ist kompliziert – wie so oft, wenn in Europas Raumfahrt wichtige Weichenstellungen anstehen: Anfang Dezember wollen die Minister der 20 Mitgliedsländer der Europäischen Raumfahrtagentur ESA in Luxemburg zusammen kommen und über das Budget der kommenden beiden Jahre entscheiden. Im Idealfall entscheiden sie auch über die Zukunft: Braucht Europa eine neue Rakete oder reicht eine verbesserte Ariane 5? Soll die Internationale Raumstation ISS weiter betrieben werden? Und welcher Kopf wird die ESA künftig führen?

Es geht um technische und organisatorische Fragen. Noch mehr geht es aber darum, den eigenen Einfluss zu steigern, lukrative Industrieaufträge ins Land zu ziehen, nicht als Verlierer aus den Verhandlungen hervorzugehen. Nach zähem Ringen haben die ESA-Staaten nun zumindest das grobe Vorgehen für Luxemburg abgestimmt. Doch der Kompromiss scheint alles andere als sicher.

Klar ist: Die europäische Trägerrakete Ariane 5 steht unter Druck. Sie ist zwar äußerst zuverlässig mit zuletzt 62 erfolgreichen Starts in Folge. Sie ist aber auch deutlich teurer und unflexibler als beispielsweise die Konkurrenz des US-Unternehmens SpaceX, das mit Kampfpreisen auf den Markt drängt. Auch Länder wie China oder Indien wollen künftig mitmischen.

Ariane unter Druck

Vor zwei Jahren, bei der letzten Ministerratskonferenz in Neapel, wurde daher auf Drängen Deutschlands beschlossen, die bestehende Rakete zu einer noch leistungsfähigeren Ariane 5ME ("Midlife Evolution") umzubauen. Statt zehn Tonnen Nutzlast, wie das aktuelle Modell, soll sie zwölf Tonnen in eine geostationäre Umlaufbahn bringen – 20 Prozent mehr zu annähernd gleichen Preisen. Möglich werden sollte da vor allem durch eine neue, in Deutschland entwickelte und gebaute obere Antriebsstufe. Gut 400 Millionen Euro machten die Minister damals für die Entwicklung der verbesserten Ariane einschließlich ihrer Oberstufe bis zum Jahr 2014 flüssig. Geplanter Erstflug: frühestens 2017.

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Untersuchte Konzepte für die Ariane 6 | 157 Millionen Euro Haben französische Raketenhersteller in Konzeptstudien der Ariane 6 investiert – doch die Entscheidung liegt letztendlich bei der Politik.

Den Franzosen, die seit jeher das Raketengeschäft innerhalb der ESA dominieren, gefiel das gar nicht. Sie machten sich für eine deutlich kleinere, komplett neue Ariane 6 (A6) stark. Durch ihre Größe kann die Ariane 5 nur wirtschaftlich betrieben werden, wenn sie zwei Satelliten auf einmal ins All bringt. Solche Doppelstarts kommen die Satellitenbetreiber unterm Strich günstiger, sie erfordern aber die Koordination der Starttermine und führen öfters zu Verzögerungen. Die französische Ariane 6 hätte nur Platz für einen Satelliten gehabt, aber flexibler fliegen können. In Neapel erlaubten die ESA-Staaten Frankreich allerdings nur, zwei Jahre lang an einem Konzept der A6 zu feilen – für 157 Millionen Euro.

Inzwischen spricht Johann-Dietrich Wörner, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, von einem "Scheinkompromiss", auf den man sich damals eingelassen habe. Das Thema hat seit Neapel an Dynamik gewonnen. Deutschland steht mit seinem Beharren auf der Ariane 5ME plötzlich isoliert da. Aber auch Frankreich kann sich mit seiner Idee für die A6 nicht durchsetzen. Sie sollte aus einer neuen Hauptstufe sowie Zusatzraketen (Boostern) mit jeweils festem Treibstoff bestehen – eine Technologie, bei der Frankreich und Italien führend sind. Ergänzt worden wäre die Rakete durch eine sogenannte kryogene Oberstufe mit flüssigem Wasser- und Sauerstoff. Das Konzept wurde PPH genannt, für zweimal fest ("Powder") und einmal flüssig ("Hydrogen").

Die Ariane 6, über die nun in Luxemburg diskutiert wird, soll dagegen aus der kryogenen Hauptstufe der bisherigen Ariane 5 bestehen, der neu entwickelten Oberstufe der A5ME und zwei oder vier Boostern, die von der europäischen Minirakete Vega geborgt werden. Entsprechend heißt das neue Flaggschiff mit seinen vier Feststofftriebwerken A64.

Ein typisch europäischer Kompromiss

"Das Ergebnis ist auf jeden Fall gut für uns", sagt Wörner. "Letztlich ist das eine verbesserte Ariane 5, wir nennen sie nur Ariane 6." Die A5ME, an seit 2008 gearbeitet wurde und in deren Entwicklung viele hundert Millionen Euro geflossen sind, ist damit vom Tisch. Dafür haben die Deutschen ihre gewünschte Oberstufe durchgesetzt. Und die Franzosen bekommen eine neue Rakete, die nicht nur den gewünschten Namen trägt, sondern an deren Entwicklung sich Deutschland auch mit einem gehörigen Batzen beteiligen wird. Ein typisch europäischer Kompromiss.

Ob er sich rechnet, ist eine ganz andere Frage. Sowohl der Zeitplan mit einem Erstflug im Jahr 2020, als auch der Stückpreis von 90 Millionen Euro sind ambitioniert. Erstmals soll zudem die Industrie in Eigenregie für Design, Bau und Betrieb der Rakete verantwortlich sein – ähnlich wie Airbus bei der Entwicklung neuer Flugzeuge.

Im Gegenzug verlangen die Unternehmen Airbus Defence and Space und Safran, die sich für die Ariane 6 zusammentun wollen, dass die ESA ihnen die komplette Entwicklung bezahlt und jährlich fünf Starts von Regierungsmissionen garantiert. Wörner lehnt das ab. "Wir wollen keine formale Abnahmegarantie. Wir werden die Industrie aber durch ein klares Konzept überzeugen, dass es genügend institutionelle Starts geben wird."

Weiteres Hindernis ist eines der Grundprinzipien der europäischen Raumfahrt: der sogenannte Georeturn. Jedes Land bekommt den Betrag, den es in ein Projekt steckt, in Form von Aufträgen für die eigene Industrie zurück. Bei der Ariane war dieser Flickenteppich an Herstellern in der Vergangenheit oft verantwortlich für Verzögerungen und höhere Kosten. Dennoch will Brigitte Zypries, Raumfahrtkoordinatorin der Bundesregierung, an dem Prinzip auch bei der Ariane 6 festhalten. Allerdings sei es nun Aufgabe der Industrie, den Georeturn sicherzustellen. Wörner kann sich zudem vorstellen, nach den ersten erfolgreichen Flügen von dem ehernen Prinzip abzurücken: "Wenn wir keinen europäischen Wettbewerb akzeptieren, dann sind wir preislich verloren."

Es geht um die ISS

Zunächst muss der Ariane-Deal aber in Luxemburg abgesegnet werden. Es ist nicht das einzige Problem: Im Gegenzug fürs deutsche Einlenken bei der A5ME hofft Wörner, dass Frankreich und Italien zu ihren bereits 1995 eingegangenen Verpflichtungen für die ISS stehen. Vor zwei Jahren, in Neapel, wollten beide Länder deutlich weniger zahlen als einst vereinbart. Um die ISS zu retten, musste Deutschland seinen Anteil an den europäischen Betriebskosten auf etwa 50 Prozent hochschrauben. Nun soll der Fortbestand der Station in zwei Etappen bis mindestens 2020 sichergestellt werden – mit einem deutschen Anteil von 37,5 Prozent.

Wörner setzt darauf, dass die anderen Ländern, nachdem Deutschland sie beim Bau der nächsten Ariane finanziell unterstützt, nun wieder genug Geld für die ISS übrig haben – und zwar nicht, weil sie es im Rahmen eines Deals müssen, sondern weil sie Interesse am Fortbestand des orbitalen Labors haben, in das Europa inzwischen rund acht Milliarden Euro gesteckt hat. "Das soll kein Basarhandel sein nach dem Motto: Gibst Du mir, gebe ich Dir", sagt Wörner. "Wir glauben vielmehr, dass den anderen Partnern die ISS genauso wichtig ist wie uns." Mehr als ein "Kopfnicken" hat der DLR-Chef aus Frankreich und Italien aber noch nicht bekommen. Vorsorglich warnt er schon einmal: "Da wird es sicherlich noch Diskussionen geben."

Völlig unklar ist zudem, wer künftig ESA-Generaldirektor wird. Die Entscheidung fällt zwei Wochen nach dem Treffen in Luxemburg. Wörner hat, wie er sagt, "in Abstimmung mit der Bundesregierung" seinen Hut in den Ring geworfen. Er ist einer von vier Kandidaten – und will, so sagt er, die anstehenden Entscheidungen zur Ariane und zur ISS nicht mit seiner Person verknüpfen. In einigen Ländern gebe es aber durchaus die "Erwartungshaltung", dem Kandidaten vor der Wahl Zugeständnisse abzuringen. Wörner will dabei nach eigenem Bekunden nicht mitspielen, auch wenn das womöglich seine Wahlchancen schmälert. "Bei so etwas", sagt der Ingenieur, "habe ich mich völlig herausgehalten."

48. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 48. KW 2014

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