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Multiple Sklerose: Folgeschäden verhindern statt nur MS-Schübe behandeln

Eine Heilung für multiple Sklerose gibt es nicht. Doch neue Therapien haben das Leben vieler MS-Patienten entscheidend verbessert. Nur eine Gruppe wartet noch immer auf Hilfe.
Die multiple Sklerose kommt bei Frauen deutlich häufiger vor als bei Männern.Laden...

Ob sehen, hören, denken oder fühlen: Ohne unser zentrales Nervensystem wäre nichts davon möglich. Doch was, wenn es langsam zerstört wird – noch dazu vom eigenen Körper? Mit dieser Frage sehen sich Menschen mit einer multiplen Sklerose (MS) konfrontiert.

Die Krankheit ist einschneidend, sie verändert das Leben. Doch anders als noch vor rund 30 Jahren bedeutet MS heute nicht mehr automatisch das Ende aller beruflichen und familiären Pläne. Viele Betroffene können mit der passenden Therapie inzwischen ein halbwegs normales Leben führen.

Die Behandlung von MS-Patienten hat große Fortschritte gemacht. Vor allem in den vergangenen beiden Jahrzehnten haben Forscherinnen und Forscher entscheidendes Wissen zu Tage gefördert und daraus neue Therapien entwickelt. Einige davon haben dafür gesorgt, dass das Leben mit den Medikamenten lebenswerter geworden ist. Andere machen nun auch Betroffenen mit einer selteneren MS-Form Hoffnung.

Bei MS attackiert das Immunsystem den eigenen Körper

Multiple Sklerose ist eine Krankheit des Gehirns und der Nervenbahnen. Nach Krankheitsbildern wie Parkinson oder Schlaganfällen zählt MS zu den zehn häufigsten neurologischen Erkrankungen – bei jungen Erwachsenen steht sie sogar ganz an der Spitze. Nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft sind hier zu Lande schätzungsweise mehr als 250 000 Menschen betroffen. Frauen haben ein deutlich höheres Risiko zu erkranken als Männer.

MS ist eine Autoimmunerkrankung. Dabei richtet sich die Immunabwehr gegen körpereigene Zellen oder Stoffe und löst Entzündungen aus. Bei MS-Patienten attackieren Abwehrzellen eine wichtige Schutzschicht, welche die Neurone im zentralen Nervensystem – also in Gehirn und Rückenmark – umgibt: das Myelin. Es isoliert die Fortsätze der Zellen nach außen hin wie die Kunststoffhülle eines Stromkabels und gewährleistet so die ungestörte und vor allem zügige Weiterleitung eines elektrischen Nervenreizes innerhalb winziger Bruchteile von Sekunden durch den gesamten Körper.

Multiple Sklerose

Veröffentlicht am: 05.05.2017

Laufzeit: 0:04:11

Sprache: deutsch

dasGehirn.info ist ein Internetportal zu Themen der Hirnforschung, dessen journalistisch gehaltene Beiträge vor ihrer Veröffentlichung von Fachleuten begutachtet werden.

Bei den Nervenzellen von MS-Patientinnen und -Patienten wird die Myelinschicht löchrig (siehe Video). Meistens nicht kontinuierlich, sondern in Schüben. Abhängig davon, wo das Immunsystem die Myelinschicht angreift, leiden die Betroffenen einige Tage oder Wochen lang unter verschiedensten Beschwerden: Sinnesreize werden nicht mehr übertragen – oder auch falsch, etwa wenn sie ein ständiges Schmerzsignal an das Gehirn senden. Die Patienten können nicht mehr richtig sehen, sprechen oder tasten, haben ein Taubheitsgefühl oder sind in ihren Bewegungen beeinträchtigt. Ist der Entzündungsschub vorbei, klingen die Symptome bestenfalls langsam wieder ab.

Therapien sollen Langzeitschäden verhindern

Je länger die Krankheit andauert und je älter MS-Kranke werden, desto schlechter erholt sich der Körper allerdings von diesen Schüben. Es entstehen bleibende Schäden: dauerhaft taube oder kribbelnde Gliedmaßen, steife Muskeln, anhaltende Erschöpfung, Schmerzen, Probleme beim Wasserlassen, Sprechen oder beim Sex.

Genau das zu verhindern, ist das Ziel vieler MS-Therapien. »Während wir früher nur die akuten Krankheitsschübe behandelt haben, können wir seit einigen Jahren früher ansetzen, um spätere Folgeschäden zu verhindern«, sagt Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Translationale Neurologie am Universitätsklinikum Münster. Die Forschung habe bisher vor allem Betroffenen mit einer schubförmigen MS helfen können.

Dabei kommen oft Medikamente zum Einsatz, die direkt das Immunsystem beeinflussen: Während einer akuten Phase werden Patientinnen und Patienten unter anderem mit Kortison behandelt, was die Entzündungen lindern soll. Mit parallelen Therapien versuchen Ärzte, die MS aufzuhalten und künftige Krankheitsschübe zu verhindern. Das funktioniert häufig mit modifizierten Bausteinen des menschlichen Immunsystems: Interferonen, also Botenstoffen, die ebenfalls Entzündungen hemmen können. Oder – eine vergleichsweise neue Herangehensweise – mit Hilfe von Antikörpern, die ganz gezielt Zellen des Immunsystems blockieren oder eliminieren und damit verhindern, dass sie die Isolierschicht der Nerven angreifen.

Antikörper gegen neue Schübe

Wie zielgenau die Medizin mittlerweile gegen MS vorgehen kann, zeigt etwa der Wirkstoff Natalizumab. Dabei handelt es sich um einen monoklonalen Antikörper: einen Baustein des Immunsystems, der so modifiziert wurde, dass er nur an eine ganz bestimmte Molekülstruktur binden kann. In diesem Fall an eine gezielte Domäne von Immunzellen. Damit hindert er sie daran, die Blut-Hirn-Schranke zu durchqueren. Natalizumab schafft es also, die Immunabwehr von dort fernzuhalten, wo sie bei vielen Patienten mit einer aktiven MS bleibenden Schaden anrichtet: dem Gehirn.

Nach Ansicht von Bernhard Hemmer, Professor für Neurologie an der TU München, zählt die Zulassung von Natalizumab-Medikamenten zu den wichtigsten Fortschritten, die in den vergangenen 20 Jahren in der MS-Therapie gemacht wurden. »Sie wirken sehr effizient gegen Schübe – vor allem junge Menschen mit einer aktiven MS profitieren davon«, erklärt Hemmer. »Natalizumab geht aber auch bei einigen Patienten mit sehr komplizierten Risiken einher.« Das sei typisch für einige der neueren Wirkstoffe. Die schwerwiegendste Nebenwirkung ist, dass Natalizumab den Körper daran hindert, sich gegen das JC-Virus zu wehren – ein Erreger, der die Zellen des zentralen Nervensystems befällt. Für ein gesundes Immunsystem ist das normalerweise kein Problem. Menschen, die Natalizumab nehmen, haben jedoch ein vielfach höheres Risiko, an einer Infektion zu erkranken.

»Während wir früher nur die akuten Krankheitsschübe behandelt haben, können wir seit einigen Jahren früher ansetzen, um spätere Folgeschäden zu verhindern«
(Heinz Wiendl, Neurologe)

Entsprechend ist Vorsicht angebracht: Laut einer Cochrane-Übersichtsstudie aus dem Jahr 2011 ist die Wirksamkeit von Natalizumab gegen multiple Sklerose mittlerweile gut belegt. Die Autoren haben dafür sämtliche qualitativ hochwertige Studien mit dem Wirkstoff, die es zu diesem Zeitpunkt gab, gründlich unter die Lupe genommen. Angesichts der Nebenwirkungen mahnen sie, den Wirkstoff mit Vorsicht und nur in unter Aufsicht von »fähigen Neurologen in MS-Zentren« anzuwenden.

Das zeigt beispielhaft, wie sich MS-Medikamente in den vergangenen Jahren verändert haben: »Ein wesentlicher Fortschritt war, dass die Therapien, die ja stark das Immunsystem beeinflussen, viel spezifischer geworden sind«, sagt der Neurologe Wiendl. Zwar könne sich das Immunsystem von behandelten MS-Patientinnen teilweise immer noch schlechter gegen neue Erreger wehren, doch sei es nicht mehr so, dass die gesamte Immunabwehr hart getroffen wird. Es gebe eher einige teilweise sehr spezielle Risiken, wie im Fall von Natalizumab, über die MS-Kranke ganz individuell abwägen müssen.

Für Patienten mit progredienten Formen gibt es kaum Medikamente

Einer Patientengruppe können Ärzte bislang allerdings kaum helfen: Menschen mit den progredienten Formen der multiplen Sklerose (SPMS und PPMS, siehe »Die verschiedenen Formen der multiplen Sklerose«). Das sind Formen der MS, die nicht – oder nicht mehr – schubförmig verlaufen, sondern bei denen sich die Krankheit stetig verschlimmert.

Die verschiedenen Formen der multiplen Sklerose

Eine multiple Sklerose kann sehr unterschiedlich verlaufen. Am häufigsten leiden MS-Patientinnen und -Patienten an der schubförmigen MS. Das bedeutet, dass die Symptome sehr kurzfristig auftreten, aber nach einigen Tagen oder Wochen wieder abklingen – häufig auch, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen. Manche Betroffenen haben über viele Jahre hinweg schwache Schübe. Andere haben schon im Kindesalter erste Symptome oder erleben schon bald nach der Diagnose einen so schweren Verlauf, dass sie bereits früh in ihrem Leben eingeschränkt sind.

Zahlreiche Menschen mit der schubförmigen Verlaufsform gehen nach einigen Jahren in eine Phase über, in der sie weniger schubförmig, dafür aber kontinuierlich stärker von ihrer Krankheit eingeschränkt werden. Diese Form nennt sich sekundär progrediente multiple Sklerose (SPMS).

Etwa einer von zehn Betroffenen erlebt gar nicht erst – oder kaum – MS-typische Krankheitsschübe. Stattdessen verläuft die Erkrankung schleichend. Über die Jahre treten zunehmend mehr Symptome auf, die langfristig ebenfalls zu dauerhaften Beeinträchtigungen führen können. Diese Verlaufsform nennt sich primär progrediente multiplen Sklerose (PPMS). Die Ursache der beiden progredienten MS-Formen ist nicht genau bekannt. Der Unterschied zur schubförmigen MS liegt darin, dass die Symptome weniger von Entzündungszellen abhängen, die ins Gehirn einwandern und dort Nervenzellen angreifen.

Lange Zeit hatten die Betroffenen nur die Wahl, auf experimentelle Therapien zurückzugreifen oder mit Behandlungen wie Bewegungstherapien ihre Symptome zu lindern. Nun aber haben es Forscherinnen und Forscher geschafft, Medikamente zu entwickeln, die zumindest einigen von ihnen helfen. Sie identifizierten einen Weg, einen Typ von Immunzellen auszuschalten, der die MS entscheidend vorantreibt: die B-Lymphozyten. Mit dem seit 2018 zugelassenen Wirkstoff Ocrelizumab werden diese speziellen Zellen aus dem Blut und den Organen entfernt. Als Werkzeug dient ein monoklonaler Antikörper. Ähnlich wirkt auch Siponimod, das die Wanderung von B-Lymphozyten und T-Zellen zum zentralen Nervensystem verhindert.

Damit stehen Patienten mit einer progredienten MS nun immerhin zwei zugelassene Medikamenten zur Verfügung. Kontrolliert-randomisierte Studien über beinahe zwei Jahre hinweg deuten darauf hin, dass sie zumindest einem Teil der Betroffenen ein wenig helfen. »Diese ersten Zulassungen sind sicher ein Meilenstein«, sagt Bernhard Hemmer. Die Therapieeffekte seien allerdings sehr überschaubar. Die Wirkstoffe würden eher Menschen helfen, deren Erkrankung zumindest teilweise noch von Entzündungsreaktionen bestimmt werde. Mit zunehmendem Alter werde das allerdings immer weniger. »Jenseits eines Alters von 50 zeigen die Studien kaum noch Therapieeffekte«

Ein Ende der Forschung ist nicht in Sicht

Die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen: In der MS-Therapie hat sich einiges bewegt. Es ist also durchaus denkbar, dass in den nächsten Jahren weitere Medikamente auf den Markt kommen werden, die auch diesen Sorgenkindern der MS-Medizin helfen können. Derzeit testen Forscher etwa Wirkstoffe aus der Gruppe der Tyrosinkinasehemmer an MS-Patienten. Die Mittel richten sich gegen eine weitere Art von Immunzellen, die Mastzellen, die über die Freisetzung von Botenstoffen eine entscheidende Rolle dabei spielen, wogegen sich eine Immunreaktion richtet – im Fall von MS also den eigenen Körper.

Judith Haas ist Ärztliche Leiterin des Zentrums für MS am Jüdischen Krankenhaus Berlin und Vorsitzende der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), eines Fachverbands, an den sich unter anderem MS-Kranke für Rat wenden können. Ihrer Ansicht nach ist das einer von mehreren viel versprechenden Ansätzen, die die MS-Medizin aktuell verfolgt. »Das ist ein für die MS-Behandlung neues Therapieprinzip und hat bisher in der Betrachtung kaum eine Rolle gespielt.« Doch von einer Zulassung sei man aktuell noch weit entfernt.

Ähnlich weit entfernt von einem weit reichenden Einsatz ist die Stammzelltransplantation. Grob gesagt wird dabei das eigene Immunsystem etwa mit einer Chemotherapie ausgeschaltet und einem Neustart unterzogen, in der Hoffnung, dass das Immunsystem hinterher sein fehlerhaftes Programm, die MS, vergessen hat. Vereinzelt hat das schon erfolgreich dafür gesorgt, dass Therapierte hinterher ein Leben ohne multiple Sklerose führen konnten. Doch haben diese und viele andere Therapieansätze vor allem ein Problem: Einzelne Erfolge und erste Studien wirken zwar oft viel versprechend. Häufig fehlen jedoch wichtige Daten, die ein Urteil darüber erlauben, ob Therapien tatsächlich mehr helfen – oder einem Großteil der Patienten eher schaden.

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