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Trinkgewohnheiten

Wie viel Alkohol ist gesundheitlich unbedenklich?

Wer maximal 100 Gramm Alkohol pro Woche zu sich nimmt, müsse nicht mit bleibenden Schäden rechnen, so ein Befund im Fachblatt »The Lancet«. Doch der Grenzwert trügt.
Ein paar Gläser Bier auf einem Holztablett

Kaputte Lebern, blutende Speiseröhren, entzündete Bauchspeicheldrüsen, Durchfälle, Stürze, Demenz – und als dunkler Schatten über allem: zerrüttete Familien. Manfred Singer hat in seinem langen Berufsleben das zerstörerische Potenzial des Alkohols zur Genüge vor Augen gehabt. Seine Erfahrungen kann der emeritierte Professor für Gastroenterologie, der zuletzt an der Universität Heidelberg tätig war, nun einbringen, um Mediziner aus aller Welt zu schulen, die in Deutschland eine Arbeitsstelle antreten werden. Die Ärzte kommen aus Ländern, in denen der Alkohol meist eine nicht so wichtige Rolle spielt wie in Deutschland. Sie sind daher mit den Spuren, die die Droge an Leib und Seele hinterlässt, weit weniger vertraut als deutsche Kollegen. Singer leistet Aufklärungsarbeit.

Mit einem Konsum von laut »Ärzteblatt« aktuell 11,4 Litern reinem Alkohol pro Kopf pro Jahr erlaubt sich unsere Gesellschaft einiges. In jedem Jahr sterben in Deutschland geschätzt 74 000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums. Rund ein Viertel aller Patienten, die in die Krankenhäuser kämen, hätten mit alkoholassoziierten Erkrankungen zu tun, sagt Singer. Doch das sind dann wohl nur die Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen und einfach zu tief und zu häufig ins Glas blicken?

Eine Studie im Fachmagazin »The Lancet« und die darauf folgende Berichterstattung haben die Diskussion um Schwellenwerte neu belebt. Gibt es eine Grenze, unterhalb derer der Alkoholgenuss »freigesprochen« werden kann, weil er dem Körper in diesen Mengen keine bleibenden Schäden zufügt? Die Autoren der »Lancet«-Studie legen sich auf einen für Frauen und Männer gleichermaßen geltenden Wert von 100 Gramm Alkohol in der Woche fest – das entspricht, je nach Alkoholgehalt, rund zweieinhalb Litern Bier oder fünf bis sechs 0,2-Liter-Gläsern Wein.

»Man kann nicht sagen, unterhalb dieser oder jener Dosis gibt es keine gesundheitlichen Folgen«
(Manfred Singer, emeritierter Professor für Gastroenterologie)

Wer maximal so viel pro Woche trinkt, riskiere am wenigsten, einmal von einer Herz-Kreislauf-Erkrankung betroffen zu sein beziehungsweise vorzeitig (bezogen auf die Lebenserwartung, die ihm die Statistik zuweist) zu sterben. »Wer bereits Alkohol trinkt, dem kann weniger zu trinken helfen, länger zu leben«, sagt die Studienleiterin Angela Wood von der University of Cambridge. Manfred Singer sieht das etwas anders. Zusammen mit seiner Frau hat er die Stiftung »Biomedizinische Alkoholforschung« gegründet, die die Forschung auf dem Gebiet der alkoholbedingten Erkrankungen fördern will. »Es gibt keinen risikofreien Alkoholkonsum. Man kann nicht sagen, unterhalb dieser oder jener Dosis gibt es keine gesundheitlichen Folgen.«

Was bringt die Diskussion um den Schwellenwert (in Deutschland liegt er laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und der S3-Leitlinie für Alkoholstörungen bei 20 bis 24 Gramm pro Tag für Männer und 10 bis 12 Gramm pro Tag für Frauen)? Warum führen wir diese Debatte überhaupt, und haben geringe Mengen Alkohol nicht auch einen positiven Effekt auf den Organismus?

© spektrum.de
Ist ein Glas Wein am Tag gesund?

Veröffentlicht am: 5.11.2017

Laufzeit: 0:05:40

Sprache: deutsch

Wir Werden Alle Sterben ist der Wissenschafts-Videocast auf Leben und Tod der Spektrum-Redakteure Mike Beckers und Lars Fischer.

Noch einmal zur »Lancet«-Studie, die aus mindestens drei Gründen besonders ist: Sie ist groß (knapp 600 000 Menschen, die Alkohol trinken); sie ist prospektiv (es handelt sich um eine Langzeitstudie mit hohem Aussagewert), und sie hat eine klare Zielsetzung (welche Auswirkung haben die getrunkenen Mengen auf die Sterblichkeit, und wie wirken die alkoholischen Getränke auf Gefäße und Herz?).

Laut den erhobenen Daten verringert sich die Lebenserwartung bereits bei Alkoholmengen über 100 Gramm in der Woche um sechs Monate (bei 200 bis 350 Gramm die Woche um ein bis zwei Jahre, bei mehr als 350 Gramm die Woche gar um fünf Jahre). Je mehr Alkohol getrunken wird, desto größer wird das Risiko, eines Tages von einem Schlaganfall, einer koronaren Herzerkrankung oder einem Herzversagen betroffen zu sein oder an Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck oder Aneurysmen zu sterben. Ein klares Bild offenbar, mit einer Ausnahme. Während alle anderen Risiken der untersuchten Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigen, sinkt laut der Statistik das Risiko für einen Herzinfarkt.

Alkohol ist ein Zellgift, das dem Körper umso mehr schadet, je mehr er sich damit auseinandersetzen muss. Bei mehr als 200 Krankheiten kann der Alkohol seine Hände im Spiel haben. Wie aber ist der »Schutz« vor dem Herzinfarkt zu erklären, und lässt sich daraus die Aussage ableiten, ein Gläschen hin und wieder sei gar nicht so schlecht, sondern sogar gut und förderlich für die körperliche Gesundheit?

»Falls Rotwein tatsächlich gesundheitsförderlich ist, liegt das vermutlich an sekundären Pflanzenstoffen, die über die Vergärung von Schalen und Kernen in den Wein wandern. Daher ist es wahrscheinlich sinnvoller, frisches Obst und Gemüse zu essen, um sich diese Substanzen ohne den Alkohol zuzuführen«
(Tanja Endrass, Suchtforscherin an der TU Dresden)

Wie die aktuelle »Lancet«-Studie hatten zuvor schon andere, beispielsweise eine Übersichtsarbeit, die insgesamt 84 Einzelstudien einschloss, Hinweise auf einen schützenden Effekt von allerdings sehr geringen Alkoholmengen (2 bis 14 Gramm am Tag) auf das Herz gefunden. In der »Lancet«-Studie gilt der Nutzen nur dem Weintrinker. Das heißt natürlich noch lange nicht, dass für diesen Schutz der im Wein enthaltene Alkohol verantwortlich ist. Alkoholische Getränke wie Bier oder Wein enthalten rund 2000 verschiedene nichtalkoholische Substanzen.

»Falls Rotwein tatsächlich gesundheitsförderlich ist, liegt das vermutlich weniger am Alkohol als an sekundären Pflanzenstoffen (Polyphenolen), die über die Vergärung von Schalen und Kernen in den Wein wandern«, sagt Tanja Endrass, Suchtforscherin von der Technischen Universität Dresden. »Daher ist es wahrscheinlich sinnvoller, frisches Obst und Gemüse zu essen, um sich diese Substanzen ohne den Alkohol zuzuführen.«

Auch Helmut Seitz, Professor für Innere Medizin, Gastroenterologie und Alkoholforschung an der Universität Heidelberg, ist skeptisch: »Eine generelle Aussage über den günstigen Effekt von Alkohol lässt sich nur theoretisch machen.« Alkohol verbessere die Fließeigenschaften des Bluts und wirke antiarteriosklerotisch. Also nütze eine kleine Menge (zirka 15 Gramm pro Tag) nur Menschen, die bereits einen Herzinfarkt gehabt hätten oder Risikofaktoren für eine koronare Herzerkrankung aufwiesen. Ausgenommen Bluthochdruck, da Alkohol den Blutdruck steigere. »Ist dies nicht der Fall, kann Alkohol, auch in kleinen Mengen, anderen Organen oder dem Stoffwechsel auf die Dauer schaden, wenn er regelmäßig getrunken wird«, sagt Seitz. Er und sein Kollege Ulrich John vom Institut für Sozialmedizin und Prävention an der Universität Greifswald kommen in einem Artikel im »Deutschen Ärzteblatt« zu dem Schluss, dass ein moderater Alkoholkonsum nicht mehr als günstig für die Herz-Kreislauf-Gesundheit empfohlen werden könne. Studien, die dies täten, hätten oftmals methodische Schwächen.

Wenn bei solchen Untersuchungen etwa moderate Trinker mit abstinent lebenden Menschen verglichen werden, muss klar sein, was man unter »Abstinenz« versteht. Aber hier hapert es laut den beiden Fachleuten gelegentlich. Studienteilnehmer könnten beispielsweise zum Zeitpunkt der Befragung gerade deshalb mit dem Alkoholtrinken aufgehört haben (also zur Gruppe der Abstinenzler gehören), weil sie einen Schlaganfall erlitten oder einen Herzinfarkt gehabt haben, womöglich genau die Krankheiten, deren Risiko in der betreffenden Studie bestimmt werden soll.

Kritisch ist außerdem, dass viele Untersuchungen andere Merkmale nicht berücksichtigen, die neben dem Alkoholkonsum ebenfalls ausschlaggebend für Erkrankungsrisiken sind, wie Übergewicht und Tabakrauchen. Falsche Schlüsse könnten aus den Ergebnissen auch dann gezogen werden, wenn Studienteilnehmer allesamt älter sind als 50 Jahre. Männer und Frauen, die womöglich infolge des Trinkens schon früher gestorben sind, werden so gar nicht erfasst.

Die aktuelle »Lancet«-Studie sei methodisch eine der besten, die jemals durchgeführt wurden, aber auch sie habe wegen ihrer Fragestellung und der Auswahl der Teilnehmer aus wohlhabenden Industrieländern nur einen bestimmten Aussagewert, sagt Manfred Singer. Berücksichtigt worden wären, so Singer, wohl weniger die armen, sondern meist gut situierte Personen, die »social drinking« praktizierten – und dank der Studie nun einordnen können, ob sie sich mit ihrem Verhalten noch im »grünen Bereich« bewegen.

»Das Problem sind eigentlich nicht die Richtwerte, sondern die Einhaltung der bereits vorhandenen Empfehlungen«
(Tanja Endrass)

Das eigentliche Problem liegt aber woanders. »Über die Hälfte der Deutschen, die Alkohol trinken, trinken mehr, als laut Richtwert gut für sie ist. Und gerade die Abhängigen können Sie mit den aktuellen Zahlen nicht beeindrucken«, so Singer. Die Dresdner Psychologin Endrass bestätigt dies: »Das Problem sind eigentlich nicht die Richtwerte, sondern die Einhaltung der bereits vorhandenen Empfehlungen. Zirka jede zehnte Frau und jeder siebte Mann überschreiten diese.«

Hinzu kämen noch einmal deutlich mehr Personen, die gelegentliches Rauschtrinken betrieben und damit ebenfalls ihre Gesundheit gefährdeten. Die Angabe von Richtwerten könnte Sicherheiten vortäuschen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. »Liegen weitere Risikofaktoren wie Übergewicht, Diabetes oder Bluthochdruck vor, kann bereits eine geringere Dosis schädlich sein«, sagt auch Endrass. Neben den Trinkgewohnheiten entscheiden die genetische Disposition, die Ernährung sowie der allgemeine Gesundheitszustand darüber, welche Wirkung der Alkohol auf einen einzelnen Menschen hat. »Zwei Menschen können regelmäßig die gleiche Menge trinken. Der eine bekommt nichts, der andere eine Fettleber, wieder ein anderer Schäden im Gehirn«, erklärt Singer.

Ob die Diskussion um Richtwerte das Bewusstsein für Alkoholschäden erhöht und den Konsum in der Gesellschaft verringert, ist fragwürdig. Die drei besten Möglichkeiten, um Letzteres zu erreichen, sind laut Helmut Seitz: eine Preiserhöhung insbesondere für Billigalkoholika, Einschränkung der Verfügbarkeit und ein Verbot der Werbung.

»So mancher glaubt, er sei auf der sicheren Seite, wenn er nicht andauernd betrunken ist«
(Tanja Endrass)

Tätig geworden sind jetzt die Verantwortlichen in Schottland, wo seit Mai 2018 zehn Milliliter reiner Alkohol mindestens 57 Cent kosten müssen (eine Flasche Whiskey darf daher nicht mehr für weniger als 16 Euro angeboten werden). Ein Weg, den Manfred Singer sich durchaus auch für Deutschland vorstellen kann. Ebenso müsse die Zugänglichkeit von alkoholischen Getränken erschwert werden – das hieße eingeschränkte Verkaufszeiten und Verkaufsstellen (selbst wenn all die Tankstellenbesitzer, Fußballvereine oder wer auch immer profitiert, dagegen sind).

Das Trinken von Alkohol kann auch jenseits der Sucht gesundheitliche Folgen haben. Erstaunlich viele wissen das nicht. »So mancher glaubt, er sei auf der sicheren Seite, wenn er nicht andauernd betrunken ist«, sagt Tanja Endrass. Damit liege er aber falsch. Laut einer aktuellen Umfrage unter 35 000 Deutschen wissen 60 Prozent nicht, dass sie ihr Risiko, an sieben verschiedenen Krebsarten zu erkranken, senken könnten, wenn sie weniger Alkohol trinken würden. Denn wer Alkohol trinkt, hat nachweislich ein erhöhtes Risiko, einmal an einem Tumor der Mundhöhle oder des Rachens, des Kehlkopfs, der Speiseröhre, der Leber, des Dick- und des Enddarms sowie der Brust zu erkranken. Dabei steigt das Risiko mit zunehmendem Alkoholgenuss beständig an; Beweise für einen Schwellenwert gibt es hier nicht.

Eine wissenschaftlich fundiertere Maßnahme: informieren und aufklären, etwa mit Hilfe von Warnhinweisen über das Krebsrisiko durch Alkohol, wie es in Kalifornien schon üblich ist. Denn inzwischen sprechen zu viele Befunde dafür, dass auch »ein moderater Alkoholkonsum mit erhöhten Risiken für Erkrankungen verknüpft ist«, schreiben die Suchtforscher Seitz und John. Einen moderaten Alkoholkonsum als risikoarm zu bezeichnen und einen Schwellenwert festzulegen, ist nicht mehr zeitgemäß. Auch und gerade weil unsere Gesellschaft all das Leid, das der Alkohol mit sich bringt, nicht sehen will.

23/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 23/2018

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