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Kollektives Kurzzeitgedächtnis: Wie Wetterextreme zur neuen Normalität werden

Heute schon über den warmen Februar geredet? Durch den Klimawandel kommt es immer öfter zu Abweichungen vom langjährigen Mittel. Das ist bedenklich. Doch eine Studie zeigt: Schon nach Kurzem nimmt keiner mehr davon Notiz.
Schneeglöckchen ohne SchneeLaden...

»Ungewöhnlich warm für die Jahreszeit« ist der Februar 2019 in Mitteleuropa, zu verdanken haben wir das einer Kette von Hochdruckgebieten, die uns seit Wochen schönes Wetter bescheren. In diesem Jahr mögen die frühlingshaften T-Shirt-Temperaturen vielleicht noch einen Gesprächsanlass bieten. Was aber, wenn sich solche Abweichungen vom langjährigen Mittel wiederholen?

Dieser Frage gingen Forscher um Frances Moore von der University of California in Davis nach, indem sie über zwei Milliarden Tweets aus den Vereinigten Staaten analysierten. Ab wann war den Nutzern ein ungewöhnliches Wetter nicht mehr der Rede wert? Die Antwort fällt ernüchternd aus: Ungefähr fünf Jahre reiche das kollektive Gedächtnis in die Vergangenheit zurück. Nur wenn eine Wetterphase in diesem Zeitraum als besonders heraussticht, schreiben die Twitternutzer darüber.

Das Team hat dazu in einem ersten Schritt unter allen erfassten Tweets diejenigen herausgefiltert, in denen Begriffe wie »warm« oder »kalt« auftauchten. Im nächsten Schritt ermittelten sie Absendeort und -datum des Tweets. Und schließlich prüften sie in einer Wetterdatenbank, ob an dieser Stelle und zu dieser Zeit ungewöhnliche Temperaturen vorherrschten. Der subjektive Vergleichsmaßstab dafür, was normal ist und was nicht, basiere offenbar auf dem Wetter der letzten zwei bis acht Jahre, schreiben die Forscher in ihrer Studie im Fachmagazin »PNAS«.

Den »Effekt des gekochten Froschs« sehen sie hier am Werk. Einer wissenschaftlichen Legende des 19. Jahrhunderts zufolge soll es ein Frosch nicht bemerken, wenn das Wasser, in dem er sitzt, ganz langsam erwärmt wird – so lange, bis es für ihn zu spät ist. Während der Mythos inzwischen, was Frösche angeht, als solcher erkannt ist, scheine er als Metapher für den Umgang des Menschen mit dem Klimawandel passender denn je, finden Moore und Kollegen.

Denn weil der Vergleichsmaßstab – die empfundene Normaltemperatur – beständig verschoben werde, falle der Öffentlichkeit das wahre Ausmaß der klimawandelbedingten Veränderung kaum auf. Entsprechend wenig Druck verspüre der Einzelne, sein Verhalten zu ändern oder politisch aktiv zu werden.

Auch wenn Nutzer ehemals außergewöhnliches Wetter immer weniger erwähnenswert fanden, ließ es sie dennoch nicht unbeeindruckt: Wetter, das nach objektiven Kriterien überdurchschnittlich schlecht war, sorge nach wie vor auch für überdurchschnittlich viel schlechte Laune bei den Twitternutzern. Das ergab jedenfalls eine weitere Analyse der Forscher, für die sie anhand der Sprache der Tweets ermittelten, in welcher Stimmung sie abgefasst wurden. Wie für den Frosch würden die steigenden Temperaturen eben auch für den Menschen nicht folgenlos bleiben.

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