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Therapieverfahren: Wiedererleben traumatischer Erlebnisse kann deren Verarbeitung fördern

Unter posttraumatischem Stresssyndrom (PTSD) leidenden Menschen kann ein kontrolliertes Wiedererleben der verstörenden Erfahrungen helfen, die negativen Erfahrungen zu verarbeiten, berichten Richard Bryant von der University of New South Wales und seine Kollegen [1]. Die Wissenschaftler bestätigen damit die Wirksamkeit von psychotherapeutischen Expositionsverfahren, die schon in der Praxis eingesetzt werden.

Bei solchen Therapieansätzen leitet der Arzt Patienten dazu an, sich mit einem traumatisierenden Erlebnis auseinanderzusetzen und die damit verbundenen Emotionen erneut zu durchleiden. Besonders Personen mit weniger schwerwiegenden und akuten PTSD sprechen auf diese Therapieform an, belegen auch nun Bryant und Co. Die Wissenschaftler hatten dazu die Entwicklung von 90 Personen verglichen, die erlebte Gewaltanwendung oder Verkehrsunfälle mit Hilfe unterschiedlicher Therapien verarbeiten sollten.

Wie sich zeigte, mäßigten sich die Symptome der PTSD besonders häufig bei der Patientengruppe, die mit Expositionsverfahren behandelt wurde. Das dabei erzwungene szenische Wiedererleben der Traumasituation führte zudem nicht notwendigerweise dazu, dass die Patienten die Behandlung wegen zu großer Belastung häufiger abbrechen.

In einer zweiten Studie gibt dagegen Roxane Silver von der University of California in Irvine zu bedenken, dass das aktiv geschilderte Wiedererleben von traumatischer Situationen ohne professionelle Anleitung für Patienten nicht in jedem Fall angezeigt ist, um posttraumatischen Stresssyndrome zu vermeiden. Sie zieht diesen Schluss nach der Auswertung von bei Internetumfragen gesammelten Daten.

Dabei waren Augenzeugen der Terrorattacken auf New York des Jahres 2001 am Ende einer Internetumfrage aufgefordert worden, ihre persönlichen Erlebnisse schriftlich ausführlich zu schildern, worauf 36 000 Datensätze eingingen. Anschließend wurden daraus solche Personen, die Schilderungen abgegeben hatten, und solche, die dies nicht taten, stichprobenartig auf psychische Auffälligkeiten untersucht [2].

Im Vergleich zeigte sich, dass die Personen, die auf eine Schilderung der verstörenden Erlebnisse verzichtet hatten, später sogar oft weniger starke Probleme mit posttraumatischem Stress entwickelt hatten. Die Forscherin zieht aus den gesammelten Einzelergebnissen den Schluss, dass das Erzählen der Ereignisse offenbar durchaus nicht immer helfe, mit den Belastungen klarzukommen. Die küchenpsychologische Aufforderung, sich "frei zu reden" sei also häufig verfehlt. Es sei nach Ansicht von Silver oft ein ebenso "völlig gesundes Verhalten", über ein traumatischen Erlebnis zunächst einmal nicht sprechen zu wollen. (jo)
04.06.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 04.06.2008

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