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News: Wiedererweckung am Computer

Fossilien erzählen uns etwas über die Geschichte des Lebens, doch leider entstehen sie nur unter besonders günstigen Bedingungen. Meist bleiben dabei nur die Hartteile übrig, die weichen Gewebsstrukturen gehen in der Regel unwiederbringlich verloren. Mitunter kann jedoch moderne Computertechnik hier weiter helfen. Britische Wissenschaftler rekonstruierten am Computer ein dreidimensionales Bild eines urtümlichen Mollusken, der vor 425 Millionen Jahren gelebt hatte. Und siehe da: Das Tier entpuppte sich als neue, bisher unbekannte Art.
Am Strand liegen sie massenhaft herum: die harten Schalen der Weichtiere. Doch der Stamm Mollusca hat mehr zu bieten als nur Schnecken und Muscheln. Neben den ebenfalls als leckere "Meeresfrüchte" bekannten Tintenfische gibt es auch wurmförmige Mollusken, die völlig ohne Schale auskommen. Und für die interessieren sich besonders Paläontologen, können diese urtümlichen Tiere – Aplacophora genannt – doch Aufschluss über die Evolution dieses Stammes liefern. Leider bleiben jedoch in Fossilien meist nur die harten Schalen übrig, den weichen Kern hat der Zahn der Zeit längst vernichtet. Wie spürt man nun ausgestorbene Organismen auf, die nur aus Weichteilen bestanden?

Mark Sutton von der University of Oxford nahm hierzu den Computer zu Hilfe. Zusammen mit seinen Kollegen analysierte er Gesteine aus der Lagerstätte Herfordshire im westlichen England. In dieser Region lag im Silur ein Korallenriff mit reichhaltigem Meeresleben. An manchen Stellen bedeckte Vulkanasche den Meeresboden und begrub unter sich die Leichen vieler Arten. Dabei gingen die Weichteile verloren, doch die Hautoberfläche der Organismen blieb in dem Hohlraum des Gesteins als Abdruck erhalten.

Aus diesen Gesteinen schliffen die Wissenschaftler hauchdünne Schichten ab und fotografierten jeden einzelnen Schliff. Daraus rekonstruierte der Computer dann ein dreidimensionales Bild eines Wesens, das seit 425 Milionen Jahre tot ist. "Mit unserer neuen Technik konnten wir eine uralte Kreatur wiederbeleben und es ins 21. Jahrhundert holen, sodass es uns mehr vom Leben vor hunderten von Millionen Jahren erzählen kann", erinnert sich Sutton.

Den Wissenschaftlern offenbarte sich ein ihnen unbekanntes Tier. "Wir hatten keine Ahnung was es war", gibt Sutton zu. Aufgrund des Bauplanes stellten die Forscher das Tier zu den Aplacophora. Interessanterweise hatte es jedoch wie die Käferschnecken – die Polyplacophora – Schalenplatten. Die Wissenschaftler gaben der neuen Art den Namen Acaenoplax hayae, wobei die stacheligen Platten für den neuen Gattungsnamen Pate standen. Sie vermuten, dass Polyplacophora und Aplacophora einen gemeinsamen Ursprung hatten, der vielleicht auch die Keimzelle aller Mollusken ist.

Andere Paläontologen sind da nicht so sicher. So bezweifelt Amélie Scheltema von der Woods Hole Oceanographic Institution, ob Acaenoplax wirklich zu den Aplacophora gehört, da sich das Tier so stark von den heutigen unterscheidet. Doch gerade in diesen Unterschieden liegt für Bruce Runnegar von der University of California der Reiz: "Sie geben uns sehr viele Informationen über die frühe Evolution der Mollusken."

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  • Quellen
University of Oxford
ScienceNow
Nature 410: 461–463 (2001)

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