Wiedervernässung: Land unter für die Moorbauern

Hans Lütjen-Wellner steuert seinen Traktor durchs niedersächsische Teufelsmoor. Wobei es hier kaum nach Moor aussieht. Die eigentlich feuchten Grasflächen sind in diesem heißen August trockengefallen. Die Entwässerungsgräben, die die Landschaft zerschneiden, führen kaum Wasser.
Gemeinsam mit seiner Frau Iris Lütjen-Wellner bewirtschaftet der Moorbauer 400 Hektar Land. Mit den Jahren ist es immer mehr geworden, weil ein Nachbar nach dem anderen aufgegeben hat. »Vor 40 Jahren standen hier überall Kühe«, erinnert er sich. Heute stehen die Flächen in der Hamme-Niederung größtenteils unter Naturschutz.
Darum muss Lütjen-Wellner strenge Auflagen erfüllen. Er darf sein Land nur extensiv bewirtschaften, darf nicht wie andere mit Dünger und hohem Viehbestand die Erträge erhöhen. Im Winter muss er seine Flächen fluten, um den Lebensraum für die Wiesenvögel zu erhalten. Und wenn die Naturschützer, die nachts durchs Moor laufen, den seltenen Wachtelkönig krächzen hören, dann darf er die Wiesen nicht mähen, bis der Vogel mit dem Brüten fertig ist.
Entlang der Entwässerungsgräben wachsen typische Moorpflanzen: Blutweiderich und Sumpf-Iris, Schilf und Rohrkolben. Auf den Grasflächen dazwischen sieht man verstreute Heuballen. Manche Flurstücke liegen brach. Dort ragt dann zwischen Büscheln von Feuchtgräsern hier und da ein Weidenbusch auf. »So sähe es überall aus, wenn die Bauern nicht mähen würden«, sagt Lütjen-Wellner. Mit der Zeit würden die Flächen zum Wald. Und das wäre es dann auch mit den Wiesenvögeln.
150 Kühe hat das Bauernpaar. Die Kälber stehen mit ihren Müttern auf den Weiden und trinken ihre Milch. Aber die Bio-Fleischproduktion ist nicht, was den Betrieb über Wasser hält, sondern Fördergelder. »Ich bin kein Landwirt, ich bin Landschaftspfleger«, sagt Lütjen-Wellner. Lieber würde er davon leben, dass er etwas produziert.
Für das durch Paludikultur gewonnene Material gibt es viele Verwendungsmöglichkeiten. Doch die beiden Landwirte wissen: Der Markt dafür existiert noch nicht.
Er ist Moorbauer in 28. Generation. Seit rund 1300 ist sein Hof in Familienbesitz. »Ich möchte nicht im Walhalla durch die große Tür kommen, und die sagen: ›Super gemacht, du bist der Letzte‹«, sagt Lütjen-Wellner. Galgenhumor, dabei ist er eigentlich Optimist. Über die Region hinaus ist er als »Moorklimawirt« bekannt, der alles probiert, um mit Landwirtschaft auf nassen Böden Geld zu verdienen. Wenn das irgendwann gelingt, »dann stehe ich auf der Gewinnerseite«, sagt er und grinst hinterm Steuer.
Die deutschen Moore sollen wieder nass werden
Niedersachsen ist Moorland Nummer eins. Das Bundesland beherbergt ein Drittel der deutschen Moorböden und drei Viertel der Hochmoore. Der Landkreis Osterholz nördlich von Bremen hat einen besonders hohen Anteil an Moorfläche und umfasst große Teile des Teufelsmoors.
Systematisch entwässert wurde die Region ab dem 18. Jahrhundert. Unter Moorkommissar Jürgen Christian Findorff (1720–1792) entstanden Dörfer, Deiche und ein Netz aus Kanälen. Die Siedler stachen in mühsamer Handarbeit Torf, den sie entlang der Wasserwege nach Bremen transportierten und als Brennstoff verkauften. Ab Ende des 19. Jahrhunderts gewann die Milchviehwirtschaft an Bedeutung. Heute sind die Leute im Teufelsmoor sichtlich stolz auf ihre Geschichte, und vielerorts bieten sie Touren auf originalgetreuen Torfkähnen an.
Doch nun will die Politik diese Geschichte rückgängig gemacht sehen. »Moor muss nass«, lautet die griffige Parole, mit der Fachleute und Klimaschützerinnen und -schützer gleichermaßen ein Ende der Entwässerung fordern. Die Moorböden dünsten permanent Kohlendioxid (CO2) aus, weil der trockene Torfkörper sich zersetzt und der darin gespeicherte Kohlenstoff entweicht. In Niedersachsen macht das 18 Prozent aller Treibhausgasemissionen aus. Deutschlandweit sind es immerhin 7,5 Prozent.
Die Bundesregierung will jetzt bis 2045 einen Großteil aller trockengelegten Moorböden Deutschlands wiedervernässen und damit die Emissionen daraus deutlich verringern. Anders ist das Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2045 kaum zu erreichen.
Das niedersächsische Umweltministerium hat 2024 eine Potenzialstudie erstellt, die für alle Moorstandorte darlegt, wie gut die Wiedervernässung umsetzbar wäre und wie viele Emissionen man damit einsparen könnte. Das Teufelsmoor ist in den Karten größtenteils mit »hohem Potenzial« eingezeichnet: Hier würde es sich lohnen, die Wasserstände möglichst schnell anzuheben.
Aber wie fast überall in Deutschland ist auch bei den hiesigen Moorflächen ein Großteil in landwirtschaftlicher Nutzung. Und hier liegt der Kern des Konflikts.
In der Theorie lassen sich auch nasse Moorböden wirtschaftlich nutzen. »Paludikultur« ist der Fachbegriff dafür. Zum Beispiel können Schilf, Rohrkolben und Feuchtgräser zu nachhaltigen Baustoffen verarbeitet werden. Solche Nutzungen will die Bundesregierung mit der Förderrichtlinie »Palu« in Gang bringen. Dafür hat sie 1,75 Milliarden Euro bereitgestellt. Landwirtschaftliche Betriebe, die die Wasserstände auf ihren Flächen anheben, können sich damit die Baumaßnahmen finanzieren lassen. Zusätzlich erhalten sie eine Kompensation für die Erträge, die ihnen durch die Wiedervernässung entgehen. Auch der Wertverlust ihres Landes wird ausgeglichen.
Das klingt großzügig. Aber dass die Landwirtinnen und Landwirte dem Bund nun die Türen einrennen, ist fraglich. Denn den Markt für die innovativen »Paludiprodukte« gibt es bislang nur in der Theorie. Und darum bleiben die Moorbauern skeptisch.
Ein Karton voller Möglichkeiten
Auf dem Hof von Hans und Iris Lütjen-Wellner stapeln sich Heuballen aus dem Vorjahr unter riesigen Plastikfolien. Hunderte Heuballen, die niemand ihnen abkauft. »Traurig, oder?«, sagt Lütjen-Wellner und blickt auf das Ergebnis seiner Arbeit. Das Heu von den feuchten Wiesen eignet sich nicht als Tierfutter, denn es besteht aus Binsen, Seggen und Ampfer – feuchtigkeitsliebenden Arten mit geringem Futterwert.
Nutzlos ist es aber keineswegs. »Wir haben einen ganzen Karton voller Möglichkeiten entwickelt«, sagt Dieter Helmke. Er war bis 2016 Landwirt in der Region, hat seinen Hof aber aufgegeben, weil seine Kinder ihn nicht übernehmen wollten. Seitdem engagiert er sich im Arbeitskreis Aufwuchsverwertung des Landvolks Osterholz, dem lokalen Bauernverband. Dessen Ziel ist es, die Erträge der feuchten Wiesen sinnvoll zu verwerten. Dabei kooperiert er mit dem LivingLab Teufelsmoor, einem vom Bundesumweltministerium geförderten Forschungsprojekt.
Die Produkte hat Helmke tatsächlich in einem Karton mitgebracht: Bausteine und Dämmplatten aus gepressten Gräsern. Pappteller und Packmaterial aus Gräsern. Pellets aus Gräsern, die die Moorbauern an Firmen und Forschungsinstitute verschicken, damit diese damit experimentieren können.
Auf dem Karton steht in roten Buchstaben »Otto«. Der Versandhändler gilt als Vorreiter und will bis Ende 2027 zehn Prozent des Materials all seiner Kartons durch Paludibiomasse ersetzen. Die Tests dafür laufen seit Jahren, aber Lütjen-Wellner ist skeptisch. »Bislang ist noch niemand gekommen und hat mal 1000 Rundheuballen bestellt«, erzählt er.
Er ist mehr als bereit, seine Flächen so weit wie möglich zu vernässen und mit der Paludikultur so richtig loszulegen. »Aber es ist wirtschaftlich einfach noch nicht sinnvoll«, sagt er. »Wir brauchen etwas, was wir verkaufen können.«
Die Förderung allein reicht nicht
Mit der neuen Förderrichtlinie der Bundesregierung für Paludikultur »sind wir überhaupt nicht einverstanden«, sagt Helmke. Die Kompensationszahlungen laufen über maximal sieben Jahre. Aber wer gefördert wird, verpflichtet sich, die Fläche 20 Jahre lang nass zu halten. »Diese Förderung ist nur ein Anschubser«, sagt Helmke. Er glaubt nicht, dass das Geschäftsmodell mit der nassen Landwirtschaft sich in wenigen Jahren selbst trägt.
Eine Maschine zur Herstellung von Dämmplatten könnte Lütjen-Wellner sich komplett über die Förderung finanzieren lassen. 4,5 Millionen Euro kostet sie. »Aber wenn uns das Produkt niemand abkauft, brauchen wir auch die Maschine nicht«, sagt er.
Diese Rundheuballen aus dem Vorjahr bestehen aus Paludibiomasse. Auf Bestellungen dafür wartet Hans Lütjen-Wellner bislang vergeblich.
Auch Birte Albrecht glaubt, dass die Förderung in ihrer aktuellen Form für viele Moorbauern unattraktiv ist. Die Biologin von der Succow-Stiftung ist im LivingLab Teufelsmoor dafür zuständig, private Flächen für die Wiedervernässung zu akquirieren.
»Die Richtlinie ist insgesamt ein großer Gewinn«, sagt sie. »Doch sie darf gern noch weitergedacht werden.« Viele Landwirtinnen und Landwirte in der Region erlebt sie als aufgeschlossen für die Idee der Paludikultur. »Sie sehen sich als Pioniere, sie wollen etwas Neues ausprobieren«, sagt Albrecht. »Aber sie müssen sehen, dass eine Wertschöpfung möglich ist.«
Damit der Wirtschaftskreislauf in Gang kommt, bräuchte es vor allem eine stabile Nachfrage nach der Paludibiomasse. Dafür wäre hilfreich, wenn auch deren industrielle Weiterverarbeitung gefördert würde, sagt Albrecht.
Der Staat könnte die Nachfrage auch in Schwung bringen, indem er vorschreibt, beim Bau öffentlicher Gebäude Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen zu nutzen, schlägt Helmke vor. Oder indem er eine Abgabe auf fossilbasierte Baustoffe einführt. Aber beides ist aktuell nicht absehbar.
Schnurgerade durchziehen die Gräben das einstige Moor. Hier fühlen sich die auf Feuchtigkeit spezialisierten Pflanzen noch wohl.
Alternativ müsste der Staat die Ökosystemdienstleistungen der Moorbauern verlässlich und ausreichend honorieren. Schon heute lebt Lütjen-Wellner vor allem von Fördergeldern aus der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Zum Beispiel erhält er Geld als Erschwernisausgleich, weil er auf Naturschutzflächen wirtschaftet. Auch für das Anstauen des Wassers auf seinen Flächen im Winter wird er bezahlt. Doch es fehlt ihm an Planungssicherheit, weil die Vorgaben sich ständig ändern.
Seine Tochter und sein Sohn wollen gemeinsam seinen Hof übernehmen, erzählt der Moorbauer. Aber er ist unsicher, ob er ihnen dazu raten sollte: »Wir wissen ja gar nicht, welche Entwicklungen auf uns zukommen.«
Ein nasses Moor wäre das Aus für die Milchwirtschaft
Zehn Kilometer entfernt, auf dem Milchhof von Elke und Ralf Schröder, stellt sich die Situation ganz anders dar. Vor dem Stall steht eine der Töchter des Bauernpaars. Jede der 500 Kühe habe einen Namen, sagt sie, und sie kenne fast alle. Sie und ihre drei Geschwister sollen den Hof übernehmen, in der zwölften Generation. Die Familie kam im 18. Jahrhundert hierher, im Rahmen der großen Kolonisation des Teufelsmoors. Sie erhielten einen 80 Meter breiten Landstreifen, auf dem sie Torf stechen durften. Später wurden sie zu Milchbauern.
Ralf Schröder ist hörbar stolz auf seine Familiengeschichte, die er erzählt, während er durch den Kuhstall führt. Vor zehn Jahren investierten seine Frau und er in einen neuen, größeren Stall. Eine Wahl sei ihnen kaum geblieben: Wachse oder weiche. Das Futter für die Tiere bauen sie auf den umliegenden Moorflächen an.
Der Wiedervernässung steht der Landwirt kritisch gegenüber. »Unsere Vorfahren würden sich im Grabe umdrehen«, sagt er. Er sei ausdrücklich »für Klimaschutz«, aber für ihn ist klar: Ist das Moor wieder nass, ist die Milchproduktion passé. An das Versprechen der Paludikultur glaubt er nicht, und eine Förderung über die Palu-Richtlinie komme für ihn »nicht infrage«.
Wie beim Kohleausstieg steht ein Wirtschaftszweig auf dem Spiel, an dem die Identität einer Bevölkerungsgruppe hängt
Schröder verweist auf eine Veröffentlichung des Grünlandzentrums Niedersachsen aus dem Jahr 2024. Würden alle Moorböden in den Küstenregionen des Bundeslands wiedervernässt, würde das demnach 4000 bis 7000 Arbeitsplätze in der Milchviehhaltung kosten. In der gesamten Milchwirtschaft könnten bis zu 54 000 Arbeitsplätze verloren gehen. Damit würde Wertschöpfung im Wert von 600 Millionen bis eine Milliarde Euro entfallen. Trotz der drohenden wirtschaftlichen Schäden stelle die Politik die Wiedervernässung als »alternativlos« dar, klagt Schröder.
»Mir bereitet Sorge, dass wir immer weiter von der Ernährungssicherheit abdriften«, ergänzt Elke Schröder. Gerade in Krisenzeiten sei es wichtig, unabhängig von Importen zu sein. Allerdings produziert die deutsche Landwirtschaft bereits mehr Milch, als hierzulande konsumiert wird: Der Selbstversorgungsgrad liegt bei 106 Prozent. Bei verarbeiteten Milchprodukten liegt er noch höher, bei Butter bei 111 Prozent, bei Käse bei 135 Prozent.
Hinzu kommt, dass ein Liter Milch von Moorstandorten so viele Emissionen verursacht wie zwei Liter Benzin. Ihr CO2‑Fußabdruck ist fünfmal so groß wie der von Milch von anderen Standorten. Rein ökologisch betrachtet ergibt es wenig Sinn, Milch auf Moorböden zu produzieren.
Oft werden die Anstrengungen, die für die Wiedervernässung der Moore nötig sind, mit dem Kohleausstieg verglichen. Die Parallele gilt nicht nur für die nötigen Investitionen. In beiden Fällen steht ein Wirtschaftszweig auf dem Spiel, an dem die Identität einer Bevölkerungsgruppe hängt. Für die Betroffenen ist das tragisch.
Die Schröders sehen die Landwirtschaft als Sündenbock der Gesellschaft. »Man muss sich immer rechtfertigen und beweisen, dass man alles richtig macht«, sagt Elke Schröder. Eine ihrer Töchter habe aus Angst vor Ablehnung in der Schule nie erzählt, was ihre Eltern beruflich machen.
Über dem Paar schwebt die vage Bedrohung einer künftigen Enteignung. Das Bundesumweltministerium betont zwar das »Prinzip der Freiwilligkeit« bei der Wiedervernässung. Aber Ralf Schröder überzeugt das nicht: »Ich gehe fest davon aus, dass es in Zukunft nicht mehr freiwillig sein wird«, sagt er. Ohne Zwang wird es eine Wiedervernässung auf seinem Hof nicht geben. Zumindest nicht, solange er ihn führt.
Das Umdenken kommt so oder so
In einer alten Wildmühle in der Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck arbeitet Jutta Kemmer in der Biologischen Station. Der Verein setzt viele Naturschutzprojekte in der Region um. »Unsere Vision ist, das Teufelsmoor so weit wie möglich zu vernässen, vor allem in den Hochmoorbereichen«, sagt die Biologin.
Neben Klima- und Artenschutz ist das Ziel auch ein besserer Wasserhaushalt. Intakte Moore saugen Wasser auf wie ein Schwamm und dienen somit als Puffer während Dürreperioden und bei Hochwassern. Mit beidem hat die Region seit einigen Jahren verstärkt zu kämpfen. Moorschutz ist darum auch eine Anpassung an die Folgen des Klimawandels.
Manche intensiv bewirtschafteten Bereiche des Teufelsmoors würden sich sehr gut für die Wiedervernässung eignen, sagt Kemmer. Und fügt schnell hinzu, das sei natürlich eine »naturschutzfachliche Wunschvision«. Sie könne »jeden Landwirt verstehen, der sich das nicht traut«.
Allerdings werde die Region auf lange Sicht nicht um das Thema herumkommen, betont Kemmer. Durch die Zersetzung des Torfs sacken die Moorböden immer weiter ab und nähern sich dem Grundwasserspiegel. Die Flächen werden darum ganz von allein nasser – und das merken auch die Moorbauern. Ein Umdenken wird also kommen, so oder so.
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